Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Vor was soll man sich heutzutage noch gruseln, wenn nicht vor Grace Jones, fragt Jan Wigger und freut sich über das Comeback-Album der Achtziger-Jahre-Ikone. Andreas Borcholte weiß nicht, ob er dem US-Songwriter Ryan Adams Glück in der Liebe wünschen soll.
Grace Jones – "Hurricane"
(Wall Of Sound/PIAS/Rough Trade, 7. November)
Die Maxime "I consume my consumers/ With no sense of humour", die Grace Jones im entscheidenden "Hurricane"-Track "Corporate Cannibal" insektengleich entfährt, ist eigentlich gar nicht mehr nötig: Vor keiner Künstlerin gruselte man sich als Kind der Achtziger damals so sehr wie vor der Mensch-Maschine Grace Jones. Aber vor wem oder was soll man sich heute, fast drei Jahrzehnte später, schon noch gruseln? Nicholas Roegs Schauermär "Wenn die Gondeln Trauer tragen" ist mittlerweile so alt wie man selbst, und das Aphex-Twin-Video zu "Come To Daddy" endlich erfolgreich verdrängt. Selbst Gorgoroth-Sänger Gaahl, einst der böseste nicht inhaftierte Mensch im Black Metal, ist nach eigener Aussage erstmals verliebt und kündigt für das Jahr 2009 eine eigene Modestrecke für Frauen an! Ja, kann man sich denn auf gar nichts mehr verlassen!?
Grace Jones kehrt nach schlappen 19 Jahren Pause ungerührt mit der LP "Hurricane" zurück und macht alles richtig: Zitiert in "Devil In My Life" den ebenso undurchschaubaren Tricky, funktioniert in "Well Well Well" auch in Reggae-Verkleidung perfekt und zeigt mit "I’m Crying (Mother’s Tears)" allen zeitgenössischen Sängerinnen, die ihre Liedchen für irgendwie "soulful" halten, für viereinhalb Minuten die Seele des Monsters. Der artifizielle Reiz und die Erbarmungslosigkeit des Titelstücks setzen diesem furiosen Comeback die Krone auf: "I can give birth to sheep, I can give birth to son!/ And I can be cool, soft as the breeze/ I’ll be a hurricane, ripping up trees." Good to have you back. (8) Jan Wigger
Deerhunter – "Microcastle"
(Beggars Group/Indigo, bereits erschienen)
Nach Jahren des Wartens, nach unzähligen mangelhaften Versuchen und Geschmacklosigkeiten präsentieren wir nun, im Oktober 2008, endlich das Musterbeispiel eines vollendeten Plattencovers: Ein flammendes Rot, ein Blick ins Nichts, ein Typ, dem schulterlange Haarsträhnen ins Gesicht fallen und ein Totenkopf aus dem linken Auge wächst. Die Musik auf "Microcastle" stammt von Atlas-Sound-Kopf Bradford Cox und drei Freunden, die Sixties-Psychedelia, klassischen Indie-Rock, Krautrock und Kopfhänger-Sentiment wie in Trance zusammenfügen und dabei stellenweise so rührend verstrahlt klingen, als hätten MGMT längst verschollen geglaubte Demo-Aufnahmen der frühen Radiohead neu eingespielt. Zum regulären Album kommen mit der Bonus-CD "Weird Era Continued" 13 weitere Tracks und die Erinnerung an einen alten Dave-Wyndorf-Satz, der "Microcastle" genauso gut beschreibt: It’s a satanic drug thing you wouldn’t understand! (
8) Jan Wigger
Ryan Adams & The Cardinals - "Cardinology"
(Mercury/Universal, 31. Oktober)
Ryan Adams hat einmal gesagt, dass er nicht glaubt, noch Songs schreiben zu können, wenn er irgendwann die Frau seines Lebens gefunden hat. Nun dachte man ja, der Typ ist halt Künstler, und die sagen so etwas gerne, weil es aufregend klingt. Fakt aber ist, dass Adams sein Drogen- und Alkohol-Problem nur dank seiner letzten Freundin losgeworden ist - und man wähnte den der stürmische Rock'n'Roller bereits so gut wie unter der Haube. Im nüchternen Zustand war er zwar in der Lage, mit "Easy Tiger" ein solides, im Vergleich zu den Vorgängern aber recht banales Album aufzunehmen. Nun scheint es in Adams' Liebesleben wieder mal zu knirschen, und prompt werden die Platten wieder besser: "I wish I could tell you just how I feel/ I don't pray I shower and say goodnight to myself/ And when I close my eyes/ I feel like a page with a crossed out name", singt er in "Crossed Out Name" - und streift mal wieder staunend wie ein kleiner Junge durch seine Wahlheimat New York.
Und hofft dabei, dass wenn schon nicht die Liebe, ihn zumindest die Stadt auffangen möge: ""If I fall, will you catch me", fragt er in "Cobwebs", während er die Fifth Avenue Richtung Central Park entlangstolpert. Da ist wieder der alte Drifter, der mit blutender Seele aus dem Niemandsland der Einsamkeit berichtet. "Cardinology" reicht trotz einer zum Abschluss sehr rührenden Ballade ("Stop") nicht an Großtaten wie "Gold" oder "Love Is Hell" heran, aber mehr als anständig ist es allemal. Soll man dem Mann nun mehr Glück in der Liebe wünschen? (6) Andreas Borcholte
Gemma Ray – "The Leader"
(Bronzerat/Soulfood, 31. Oktober)
Nein, liebe Fönmatten, kein neues Album von Kai Hansens Band Gamma Ray, sondern matter Folk aus der Grafschaft Essex. Und siehe da: Die immer wieder auftretenden kraftlosen Momente auf "The Leader" kommen nicht von ungefähr: Fast zwei Jahre lang litt die Künstlerin an einer mysteriösen Krankheit, die sie immer wieder zu Hospital-Aufenthalten zwang, bevor "The Leader" endlich fertiggestellt werden konnte. Schon erstaunlich, dass ein Großteil der Texte keinen Rückschluss auf die Leidenszeit erlauben, sondern von überschatteter Liebe, Segen und Last der Vereinzelung, Selbstmissbilligung und Jugenderinnerungen handeln: "Mint and tobacco/ Boys and hotpants/ All the people they were calling/ Playing Ping-Pong with a teenage hard-on/ Falling, falling/ I wish they’d died." ("Pick-Up Truck"). Und wer bei "Bring It To Me" die Augen schließt, sieht Polly Jean Harvey. Auf dem Ruderboot aus Nick Caves "The Weeping Song", eine Zigarre im Anschlag.
(6) Jan Wigger
Cradle Of Filth – "Godspeed On The Devil’s Thunder"
(Roadrunner/Warner, bereits erschienen)
Ist "Godspeed On Devil’s Thunder" wirklich die überzeugendste Cradle-Of-Filth-Arbeit seit "Midian"? Wünschenswert wäre es, denn mit der ursprünglichen Idee vom radikal frostigen, emotional verrohten Black Metal, wie er sich besonders auf den frühen Alben der Skandinavier Mayhem und Emperor findet, hatten Cradle Of Filth in den letzten Jahren ungefähr so viel zu tun wie Dimmu Borgir - nichts. Darüber jedoch muss niemand traurig sein: In England gehen die Uhren anders, und Cradle Of Filth vermischen weiterhin relativ hochgeschwindige Growl-und Scream-Passagen mit gelegentlichen Chören und orchestralem Wahn. Von Dani Filths Vocals versteht man wie immer kein Wort, doch das Booklet klärt darüber auf, dass Cradle Of Filth nun doch wieder ein Konzeptalbum aufgenommen haben, das der Lebenslinie des superreichen Serienmörders Gilles de Rais folgt, der 1440 erhängt wurde. Insgesamt eine sehr solide, druckvolle Cradle-Platte, Neueinsteigern sei trotzdem "Dusk And Her Embrace" (1996) empfohlen.
(6) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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