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04.11.2008
 

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Alt heißt nicht gleich staubig, stellte Jan Wigger fest, als er die altenglischen Weisen von Rachel Unthank & The Winterset hörte - und bei den New Yorkern A Place To Bury Strangers ganz nostalgisch wurde. Andreas Borcholte ging mit Françoiz Breut auf große Fahrt.

Rachel Unthank & The Winterset – "The Bairns"
(Rough Trade/Beggars/Indigo, 14. November)

Wo genau fängt man an, wenn man ein Meisterwerk vor sich hat? Vielleicht schon mit dem ersten Mal, mit den ersten 65 Minuten also, in denen man sein Herz an "The Bairns" verschenkt. Man hört die zauberischen Stimmen der Geschwister Rachel und Becky Unthank, das fast schon altmodische Instrumentarium (Geige, Ukulele, Cello) und ein untröstliches, langsam tröpfelndes Klavier. "A song only becomes a folk song when people start singing it" kommentiert Rachel Unthank das Bonnie-Prince-Billy-Stück "A Minor Place", dessen Refrain das insgesamt vierköpfige, ausschließlich weibliche Kollektiv aus England für ein nur zwanzigsekündiges Zwischenspiel neu eingesungen hat.

Neben entstaubten Uralt-Liedern und Traditionals aus dem Nordosten Englands und Schottland befindet sich auf dem zweiten Unthank-Album aber auch noch etwas Ungeheuerliches: Eine absolut entwaffnende Interpretation von Robert Wyatts "Sea Song", der nicht nur zu den größten Kompositionen aller Zeiten zählt, sondern aufgrund von Wyatts gottgleichem und einzigartig niedergeschlagenem Gesang als uncoverbares Sakrileg gelten sollte. Das alles ist nur scheinbar weit ab vom Weg: Wer Fairport Convention, Alasdair Roberts, wunderlichen Insel-Folk an sich und die Brown-Schwestern aus François Truffauts "Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent" zu schätzen weiß, hat "The Bairns" sowieso schon. (9) Jan Wigger

Palms – "It’s Midnight In Honolulu"
(Rare Book Room Records/Soul Food, 7. November)

Wer sich in diesem Jahr wirklich und wahrhaftig der Kunst verschreibt, um dann auch ebensolche Kunstlieder zu singen, lockt natürlich keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor, wenn er die Beatles, Gang Of Four oder The Clash als Inspirationsquelle angibt. Nein, heutzutage muss schon zur Brunch-Zeit Faust und Nicos Todesritt "The Marble Index" laufen, auf den obskuren Extremisten Klaus Schulze verwiesen und ein dreisprachiges Album wie "It’s Midnight In Honolulu" eingespielt werden, um im Kielwasser der Avantgarde zu segeln. Umso verblüffender, dass der Berliner Dokumentarfilmerin Nadja Korinth und der New Yorker Künstlerexistenz Ryan Schaefer so ein feinsinniges und insgesamt überragendes Debüt gelungen ist, das allenfalls beim überraschend konventionellen "Leather Daddies" andeutet, wo es eigentlich herkommen könnte. Das stoisch von Tribal-Drums begleitete "Der König" dagegen ist schon gar nicht mehr von dieser Welt: "Pechschwarze Nacht, schneeweißes Herz/ Ein goldener Palast, ein silbernes Pferd/ Nicht König, nicht Krone will ich mehr/ Keinen goldenen Palast, kein silbernes Pferd/ Nur dein schneeweißes Herz." Etwas anderes als Liebe. (8) Jan Wigger

Françoiz Breut - À l'aveuglette
(Le Pop Musik/GrooveAttack, 7. November)

Mit Françoiz Breut fand die neue Welle französischer Chansons vor nunmehr zehn Jahren erstmals eine markante weibliche Stimme. Ihr damaliger Lebensgefährte Dominique A, selbst erfolgreicher Liedermacher, musste sie erst mühsam drängen, seine Songs zu singen, doch als ihr Debüt-Album dann endlich erschien, war von Hemmungen keine Spur mehr. Für ihre vierte Platte hat Madame Breut nun erstmals alle Songs selbst geschrieben und gemeinsam mit ihrer langjährigen Liveband aufgenommen, was einen radikalen Bruch in ihrer bisherigen Arbeitsweise darstellt. Begriff sie sich bis dato vorrangig als Interpretin von Fremdmaterial, betätigt sie sich nun auch selbst als Songwriterin. Geschadet hat es nicht, im Gegenteil: Lieder wie "2013", in dem sie sich die Zukunft ihres kleinen Sohnes ausmalt, eröffnen ganz neue Räume in dem manchmal etwas zu eng gesteckten Rahmen des elektrifizierten Chansons.

Behutsam eingeflochtene Synthie-Streicher lassen viele der neuen Lieder zu Soundtracks werden, die sich viel Zeit lassen, eine Stimmung des Wartens, der Antizipation zu erzeugen. À l'aveuglette, das heißt soviel wie "im Dunkeln tappen" auf Französisch, und tatsächlich wirken manche der sehnsüchtigen, nach viel Sixties-Nostalgie klingenden Chansons auf Breuts Album, als hätte sie sie in den Stunden vor dem Morgengrauen auf der kalten, ledernen Rückbank eines alten Autos geschrieben - draußen die karge Landschaft und das Meer. Wird ein Schiff kommen? Mais oui! (7) Andreas Borcholte

A Place To Bury Strangers – "A Place To Bury Strangers"
(Rocket Girl/Rough Trade, bereits erschienen)

Man müsste schon sehr weit zurückdenken, um sich an eine Platte zu erinnern, die so unmissverständlich und siegessicher ihre größten Einflüsse ausstellt wie das Album-Debüt von A Place To Bury Strangers: "Psychocandy" (The Jesus & Mary Chain), "Loveless" (My Bloody Valentine), "Pornography" (The Cure), Chapterhouse und die ersten beiden Ride-Alben wird jeder aus den ebenso erbarmungslosen wie reizvollen 15 Songs auf "A Place To Bury Strangers" heraushören, der sich in den Achtzigern auch nur am Rande mit Gitarrenmusik beschäftigt hat. Der oft zitierte, aber von niemandem wieder erreichte Shoegazer-Sound wird hier in einer Art Fräsverfahren in die Gegenwart gezerrt, was enthusiasmierte Schreiber bereits dazu verleitete, A Place To Bury Strangers als lauteste Band New Yorks (falsch) und das Album als "aural attack of white noise" (restlos richtig) zu bezeichnen. Wer eines der wenigen My-Bloody-Valentine-Konzerte in diesem Jahr gesehen hat, weiß, wovon wir sprechen. (7) Jan Wigger

School Of Seven Bells – "Alpinisms"
(Ghostly Int./Alive, 14. November)

Die letzte CD der Krautrock-Gefolgsmänner The Secret Machines hat in keinster Weise darauf vorbereitet, was Machines-Gitarrist Benjamin Curtis als nächstes vorhatte: "Alpinisms" ist das ängstlich wabernde, verwegen leiernde und bezaubernd synchron gesungene erste Album der School Of Seven Bells. Curtis begleitet hierbei die Zwillinge Alejandra und Claudia Deheza an Gitarre und moderneren Instrumenten. Und wer wäre beim Hören von "Undernodisguise" oder dem über zehnminütigen "Sempiternal/Amaranth" nicht darauf gekommen, dass eben doch alles weiter macht, alles wieder kommt und alles Vergangene so lange und ausgiebig beschworen wird, bis es endlich zurück ist? "Alpinisms" verweist höflichst auf die Traummusik der Cocteau Twins, auf Miranda Sex Garden und auf die Cranes, die in Kürze mit neuem Material die Welt einlullen werden. Ein klarer Fall von: It’s old, but it’s good. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Danke, geil. Unplugged in Poznan. (http://www.youtube.com/watch?v=mgH2ORoL0H4) mehr...

06.02.2012 von kuechenchef:

Ja nu, zwischen sechs Monate Wartezeit nach VÖ auf CD wie bisher und Bestellungen beim Label in den USA für Platten in lustigen Vinylfarbkombinationen ist dann doch noch irgendwie ein Unterschied. Aber schee sans scho... [...] mehr...

04.02.2012 von oasis:

Aha, ganz was Neues. ;D mehr...

04.02.2012 von Ion:

Gentle Giant Cogs in Cogs 1974 Brussels - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=jJYe9EFFeec&feature=related) mehr...

03.02.2012 von Jetty_Hitsch: Bap

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