• Drucken
  • Senden
  • Feedback
10.11.2008
 

Zum Tode Miriam Makebas

Mutter Courage des schwarzen Kontinents

Von Knut Henkel

Sie galt als der weibliche Nelson Mandela: Miriam Makeba war nicht nur die erfolgreichste Sängerin Südafrikas, sondern auch eine Ikone im Kampf gegen die Apartheid. Jetzt starb "Mama Africa" im Alter von 76 Jahren nach einem Konzert in Italien.

Ihren Welthit "Pata Pata" mochte Miriam Makeba in den letzten Jahren nicht mehr allzu gerne intonieren. Das Stück war für die 76-jährige Sängerin nur ein "Song, zu dem sich schön tanzen lässt, weiter nichts". Ihr Herz hing an anderen Stücken. An "Masakhana" zum Beispiel, einem Lied, der für den Wiederaufbau des Landes und die Versöhnung der Nation wirbt.

"Mama Afrika" Miriam Makeba: Engagierte Botschafterin für Südafrika
REUTERS

"Mama Afrika" Miriam Makeba: Engagierte Botschafterin für Südafrika

Dafür hat sich Miriam Makeba eingesetzt und genau deshalb ist sie für viele ihrer Fans nicht nur die Stimme ihres Landes, sondern auch ein Symbol für ein neues Südafrika, in dem die Rechte aller Menschen respektiert werden. Als "Nationbuilder", als Botschafterin ihres Landes ist sie immer wieder aufgetreten, und auch bei ihrem letzten Auftritt engagierte sie sich für den guten Zweck.

Im süditalienischen Castel Volturno solidarisierte sie sich mit dem Schriftsteller Roberto Saviano, der aufgrund seines Buches über die Strukturen der Mafia von selbiger bedroht wird, und trat gemeinsam mit anderen Künstlern auf, um Saviano den Rücken zu stärken. Typisch für die stimmgewaltige Kämpferin gegen Rassismus und für die Menschenrechte.

Der Auftritt in Italien sollte jedoch der letzte für Miriam Makeba sein. Nach dem Konzert klagte die charismatische Frau mit den optimistisch funkelnden Augen über Unwohlsein - und verstarb am Sonntag im Krankenhaus an einem Herzinfarkt.

Für Südafrika ist das ein herber Verlust, und so beherrschte die traurige Nachricht vom Tod der couragierten Sängerin sofort die Schlagzeilen. Denn in Johannesburg und Durban, aber auch in Lagos oder Conakry wird sie ehrfürchtig als "Mama Africa" verehrt. Das hat seinen Grund, denn Miriam Makeba war viel mehr als eine schlichte Sängerin. Sie war eine singende Kämpferin gegen den Rassismus und für die Menschenrechte und als solche war sie eine afrikanische Identifikationsfigur – eine Mutter Courage des Kontinents.

Vom Knast in die Charts

Aufgewachsen ist Miriam Makeba in einer der zahllosen Townships von Johannesburg. Schon im zarten Alter von 18 Jahren landete die Tochter einer Hausangestellten im Gefängnis. Angeblich, weil ihre Mutter eine Sangoma, eine weise Frau der Ethnie der Xhosa, war und angefeindet wurde. Eine andere Version besagt hingegen, dass Mutter Makeba schlicht illegal Bier gebraut hatte, um ihr spärliches Gehalt aufzubessern.

Wie dem auch sei, Miriam Makeba wuchs in einfachen Verhältnissen auf und hat neben der traditionellen Musik der Xhosa auch mit spitzen Ohren am Radio gesessen und Jazz und Funk in sich aufgesogen. Nach ersten Erfolgen in südafrikanischen Bands folgte die Gründung des legendären Frauen-Trios The Skylarks. Als nächste Etappe in der Karriere der jungen Sängerin stand das Township-Musical "King Kong". Darauf folgte ein kurzer Auftritt in "Come Back Africa" (1960).

Der Film, der das Apartheid-Regime in Südafrika dokumentiert und die Rassentrennung in Südafrika verurteilt, war so etwas wie der Wendepunkt im Leben Makebas. Nach der internationalen Vorstellung des Films, zu dem sie lediglich einen kurzen Gesangspart beigesteuert hatte, wurde der Sängerin die Rückreise in ihre Heimat verweigert.

Doch auch diese rigorose Wende in ihrem Leben sollte ihr Gutes haben: Sie stellte den Startschuss für die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Harry Belafonte dar. Der Calypso-Sänger wurde zum Katalysator in der Karriere der damals 27-jährigen Sängerin und sorgte dafür, dass sie das Who is Who des amerikanischen Musikestablishments kennenlernte.

Duke Ellington, Miles Davis, Nina Simone und Sidney Poitier waren begeistert von der Ausstrahlung der Sängerin. Binnen weniger Jahre wurde Miriam Makeba zu einem bekannten Star und nebenbei zur Ikone des Widerstands der Schwarzen gegen die Kolonialherren - nicht nur in Südafrika.

1962 sang sie zum legendären Geburtstag von John F. Kennedy, fünf Jahre später landete sie mit "Pata Pata" als erste afrikanische Sängerin in den US-Charts. Gemeinsam mit Freund und Kollege Harry Belafonte bildet sie das erste Erfolgsduo der Weltmusik, obgleich dieser Begriff damals noch nicht einmal definiert war.

Bis ins hohe Alter ist Miriam Makeba als Musikerin und Botschafterin erfolgreich geblieben. 1990 kehrte sie auf Bitten Nelson Mandelas, der in Sachen Popularität als ihr männliches Pendant gelten kann, nach Johannesburg zurück und warb dort für Versöhnung und den Aufbau eines neuen Südafrika, in dem alle Menschen ihren Platz haben. Dazu beigetragen haben nicht nur Stücke wie "Masakhana", sondern auch das soziale und politische Engagement Makebas.

Denn sie engagierte sich nicht nur als Sängerin, sondern auch als Botschafterin der Vereinten Nationen, als Kämpferin gegen Aids und Gründerin einer eigenen Hilfsorganisation, die jungen Frauen in Not unter die Arme greift. Makeba kannte die Probleme des Kontinents, und immer ließ sie ihre mahnende Stimme erklingen, um auf Probleme hinzuweisen und für Lösungen zu werben. Eine Sängerin, die Politik für den schwarzen Kontinent gemacht hat – eine "Mama Africa" eben.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Musik

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Mehr auf SPIEGEL ONLINE







TOP



TOP