Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Wahnsinn, Glitzer, Pomp und Gamble, das sind die Elemente, aus denen The Killers aus Las Vegas ihr drittes Album fabriziert haben. Gar nicht so übel wie es klingt, meint Andreas Borcholte. Jan Wigger schwelgt mit Nada Surf, Belle & Sebastian und den Ex-Jayhawks in Nostalgie.
The Killers – "Day & Age"
(Island/Universal, 21. November)
Vielleicht wird sich irgendwann einmal jemand die Mühe machen, alle Achtziger-Jahre-Zitate auf "Day & Age" haarklein, Song für Song, aufzulisten. Das wäre nicht nur für Musik-Nerds interessant, sondern vor allem ein großer Spaß für all jene, die mit den "West End Girls" der Pet Shop Boys, mit New Orders und Heaven 17s "Temptation" oder John Farnhams "The Voice" aufgewachsen sind und zum Teil noch heute drunter leiden. All das und noch viel mehr findet sich mehr oder weniger kaschiert in den neuen Songs der Killers aus Las Vegas. Der Zusatz "aus Las Vegas" ist bei dieser Band irgendwie immer wichtig, vielleicht, weil Sänger Brandon Flowers sich manchmal wie ein "Neon Tiger" (so ein neuer Songtitel) fühlt, der nicht von der Zivilisation des Pop-Business vereinnahmt werden will. Obwohl seine Band 12 Millionen CDs verkauft hat und als eine der letzten großen Rock-Hoffnungen gilt.
Wahnsinn, Glitzer, Pomp und Gamble, das sind die Zutaten, mit denen die Killers ihren Kosmetik-Koffer bestücken. Gepackt hat ihn diesmal Produzent Stuart Price alias Les Rythmes Digitales, ein Spezialist für die großen Gesten der Achtziger, von dessen Pop-Verständnis schon Madonna profitierte, immerhin eine der ganz Großen.
Größe ist ebenfalls wichtig im Kosmos der Killers, und daher geht es auch in den Texten diesmal um die letzten Fragen: "Are wie human, or are we dancer", fragt Flowers in "Human", der Single, in deren Video-Clip er mit seinen Jungs auf einer Klippe mitten in der Wüste steht und dabei ein kurzes Jäckchen mit Fell-Epauletten an – Bono trifft die Scissor Sisters am Set von "Mad Max jenseits der Donnerkuppel". Dazu muss man wissen, dass der Ausspruch mit den Tänzern und den Menschen vom seligen Gonzo-Journalisten Hunter S. Thompson stammt, der damit auf den geistigen Verfall seiner Landsleute abzielte. Thompson ("Angst und Schrecken in in Las Vegas") hatte übrigens eine große Schwäche für die Spielerstadt im Niemandsland von Nevada.
Was sagt uns das jetzt alles? Ganz einfach: The Killers haben sich von ihrem Wahn, Springsteens tuntige Erben zu sein, erholt und das katastrophale letzte Album hinter sich gelassen. Sie kehren zurück, um nach noch Höherem zu greifen: U2! Auf dem Weg dorthin ist ihnen der eine oder andere grandiose Song geglückt. Neben "Human" vor allem "Can’t Stay" (mit lässigem "Love is in the Air"-Rhythmus) und "Joy Ride" (mit schrägem, sehr bösem Roxette-Zitat). Sie werden verkannt, die Killers. Sie sind viel zu camp, um cool zu sein. (7) Andreas Borcholte
Mark Olson & Gary Louris – "Ready For The Flood"
(Blue Rose/Soulfood, 28. November)
Etwas spröde sei sie ja schon, beschied ein Freund am Telefon und spielte damit auf die erste Zusammenarbeit der beiden Jayhawks Mark Olson und Gary Louris nach sehr langer Zeit an. Und in der Tat: Spröde, unspektakulär und hoffnungslos unmodern sind neue Kompositionen wie "Kick The Wood" oder "The Trap’s Been Set" ja wirklich. Nun geht es aber im tief empfundenen "Saturday Morning On Sunday Street" auch nicht darum, noch einmal hip zu werden, sondern um makelloses Country-Folk-Songwriting, das eher an Olsons Solo-Alben mit den Creekdippers erinnert als an die elektrifizierte Wucht der unvergessenen Jayhawks-Stücke "Miss Williams’ Guitar" und "Real Light". "Ready For The Flood" ist ein Fall für die eigene Erinnerungsmaschine: In einer bemerkenswert schäbigen McDonald’s-Filiale im Bundesstaat Arkansas sitzen und plötzlich "Blue" im Radio zu hören: Auch das war damals Americana.
(6) Jan Wigger
Congregation – "Congregation"
(Bronzerat/Soulfood, 21. November)
Eingedenk der Tatsache, dass es nicht wenige Menschen gibt, die bereits das inkommensurable Organ von Beth Gibbons "anstrengend" finden und sich beim Hören einer Sandy-Dillon-Platte womöglich noch vor dem dritten Song umbringen würden, steht nun wieder neuer Ärger ins Haus: Das phänotypisch schon als "a couple of gangsters from the depression era" beschriebene, in Wahrheit aber vollkommen unglamouröse Duo Congregation lebt von einer mal zittrigen, mal seltsam gnädigen Stimme, die Sängerin Victoria Yeulet gehört. "Too bad I didn’t listen to what the doctor said/ When he said to me that loving would leave me dead." singt Yeulet in "Dose Of Hell" und später sind es auch Benjamin Prossers erbarmunglose Slide Guitar und die morbiden Blues-und Gothic-Momente, die das Duo weit über den Durchschnitt heben. Darf man es sagen? Billie Holiday und Karen Dalton hätten Congregation geliebt.
(7) Jan Wigger
Belle & Sebastian – "The BBC Sessions"
(Jeepster Recordings/Soulfood, bereits erschienen)
It could have been a brilliant career. Seit vielen Jahren lobpreisen wir an dieser Stelle die betörende Schläfrigkeit und Brillanz von Stuart Murdochs und Stevie Jacksons einstmals so winziger Gruppe Belle & Sebastian. Nachdem epochale Alben wie "Tigermilk", "If You’re Feeling Sinister" und "The Boy With The Arab Strap" die neue Innigkeit in den Brit-Pop einführten, wandte man sich auf späteren LPs auch Glam-Rock, Elektro und Northern Soul zu und verprellte einige der im Underground/Independent/Twee-Pop-Bereich zuweilen bemerkenswert engstirnigen und empfindlichen Hörer. Die in erster Auflage mit der Bonus-CD "Live In Belfast" versehenen "BBC Sessions" enthalten insgesamt vier gänzlich neue, gewohnt mirakulös betitelte Songs, darunter auch "Shoot The Sexual Athlete", in dem sich Murdoch gewinnbringend dem Sprechsänger Lou Reed annähert. "The Wrong Girl" nennen Belle And Sebastian diesmal "Wrong Love" und "Sleep The Clock Around" bleibt ein Wunder an Zartheit. Das Plattencover? Mal wieder Sinnbild für Stil und ästhetisches Empfinden dieser kleinen, großen Band.
(8) Jan Wigger
Nada Surf – "Vinyl Box Set 1994 – 2008"
(Barsuk/City Slang/Universal, 28. November)
Wenn Weihnachten droht und die Sarggestecke ihr kurzes Dasein in den Supermarktregalen fristen, ist die Zeit für eine der besänftigendsten Stimmen New Yorks gekommen: Matthew Caws singt wieder über Betonbetten, Feuerwerkskörper, Schneestürme, Dylans "Blonde On Blonde", das Wesen der Liebe und das fragile Glück zu zweit. Im weltweit auf nur 1000 Stück limitierten Vinyl Box Set liegen nun alle fünf Studioalben und die vergriffene erste 7" "The Plan/ Telescope" vor, also auch das Debüt "High/Low" (mit der verfluchten Hit-Single "Popular"), das man bislang nur auf CD erstehen konnte. Rückblickend ist es eine der schönsten Pop-Geschichten dieses Jahrtausends, wie das Meisterwerk "Let Go" mit beträchtlicher Verzögerung von der Presse schließlich doch noch als solches erkannt wurde. Ob "Killian's Red" und "Paper Boats" zu weit hinten auf der Platte versteckt waren? Auch "The Proximity Effect" stand bei Erscheinen unter keinem guten Stern, doch "80 Windows", "Troublemaker", "The Voices" und mehr treffen nach wie vor ins Herz. Den Rest bitte selbst wiederentdecken oder mit der beigelegten "Download Card" 16-B-Seiten und Raritäten "runterladen". O tempora, o mores.
"High/Low" (8), "The Proximity Effect" (9), "Let Go" (10), "The Weight Is A Gift" (8), "Lucky" (8). Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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