Warum hat man eigentlich auf dieses Album gewartet? Jahrelang, selbst als sich der fett gewordene Axl Rose wieder auf die Bühne traute und erste neue Songs zum Besten gab, kursierte ein schaler Scherz unter Rockfans und -kritikern: Eher führt China die Demokratie ein, als dass "Chinese Democracy" irgendwann wirklich erscheint. Haha. Die größte, schmutzigste, erotischste Rockband der achtziger Jahre war zu einem blöden Witz verkommen.
Und jetzt? An diesem Samstag erscheint "Chinese Democracy" wirklich und tatsächlich. 15 Jahre nach dem letzten regulären Album, mehr als 20 Jahre nach Guns N' Roses-Hits wie "Sweet Child O' Mine" oder "Paradise City". Und wenn man sich diese alten Gassenhauer noch einmal anhört, zu denen Mittvierziger sich noch heute Luftgitarre spielend und kopfnickend auf die Tanzfläche robben, dann wird es einem ein bisschen mulmig. Will man das wirklich wieder hören? Hat sie uns noch etwas zu sagen, diese hochgepeitschte Stimme aus einer Zeit vor den Smashing Pumpkins, vor Nirvana, vor Oasis?
"I used to love her / but I had to kill her", hat Axl Rose mal gesungen. Wäre es nicht tatsächlich besser gewesen, Guns N' Roses wären mit ihren glorreichen Taten, ihrem Heroin-Inferno, ihrem Größenwahn, ihrem Nummer-eins-Doppelschlag "Use Your Illusion 1 & 2" in die Rockgeschichte eingegangen? Das Problem an "Chinese Democracy" ist ja nicht, dass es ein schlechtes Album sein könnte. Das Problem ist, dass es überhaupt erscheint und damit einen Mythos manifest macht.
Denn das ganze Brimborium um ein neues Album von Guns N' Roses erklärt sich aus der fast schon messianischen Rolle, die diese fünf Jungs aus Los Angeles 1987 einnahmen. U2 und die Simple Minds verkörperten damals die erste Rock-Liga, und sie spielten zusammen auf Gutmenschen-Veranstaltungen wie Live Aid. Rock'n'Roll war so scheintot wie die Rolling Stones, die damals gerade mit "Dirty Work" und dem "Harlem Shuffle" einen neuen Höhepunkt an Zahnlosigkeit erreicht hatten.
Sicher, es gab die "Hair Monsters", die geschminkten, auftoupierten Sleaze-Metaller und Bon Jovi. Und natürlich gab es an den ausgefransten Ufern des Mainstreams auch den lauten Hardcore-Punk von Hüsker Dü und die rumpelnde Beatles-Alternative der Replacements. Aber Sex, Drogen und Rock'n'Roll? Diese Rohstoffe einer durchzechten Nacht schienen Ende der Achtziger erschöpft zu sein.
Die Nachfrage ist da
Bis die Schulfreunde Axl Rose und Izzy Stradlin sowie ein haariger Gitarrist namens Slash, Bassist Duff McKagan und der drogenabhängige Drummer Steven Adler auf den Plan traten und die Rückkehr in den Dschungel proklamierten. Bühnen-Bombast, Alkohol- und Drogen-Exzesse, stundenlanges Warten auf den Konzertbeginn, protziges Machogehabe in der Öffentlichkeit: Guns N' Roses standen für alles, was dirty und ungehörig war. Schwiegermamas Albtraum rauschte rauchend, saufend und ungepflegt samt "Mr. Brownstone" geradewegs nach "Paradise City".
Weil solche exzessiven Rocker-Karrieren kurz sein müssen, war nach knapp sechs Jahren und 15 Millionen verkauften Platten Schluss. Das uninspirierte Punkrock-Cover-Album "The Spaghetti Incident?" floppte 1993 zu Recht – und der von seinen Spielkameraden längst entfremdete Axl Rose grub sich in seiner Wohnung ein, um über den großen Comeback-Wurf nachzudenken: "Chinese Democracy". Die Legende begann.
Grunge kam und ging, Britpop flammte auf, die Nu-Metal-Bewegung packte ihre HipHop-Beats aus, und die Emo-Fraktion spitzte ihre Kajalstifte an. Eine Rockband aber, die einen solchen Konsens auf sich vereinte, eine solches Ventil für die geballten Popkultur-Sehnsüchte einer Masse bildete, gab es seit Nirvana nicht mehr, deren suizidaler Sänger Kurt Cobain ein ähnlich getriebener Charakter gewesen sein mag wie Axl Rose.
Dabei ist die Nachfrage vorhanden nach einer Rock-Singularität, auf die sich alle einigen können, die gegen Klimawandel, Finanzkrise und Terrorbedrohung ein paar heulende Gitarrensoli und puren Eskapismus parat hat. Das Comeback der ewig zotigen Altrocker von AC/DC verblüfft nur, wenn man die Augen vor der Rock'n'Roll-Ödnis der vergangenen Jahre fest verschlossen gehalten hat.
Der Heilige Gral
Je länger sich das Warten auf "Chinese Democracy" hinzog, je mehr Hiobsbotschaften über den Geisteszustand Axl Roses hin und her geraunt wurden, desto mehr wurde "Chinese Democracy" zum Heiligen Gral der Rockmusik. Dieses mythologische Gefäß soll bekanntlich zu Glückseligkeit und ewiger Jugend verhelfen. Mindestens. Aber natürlich weiß man heute, dass der Gral ein Mythos ist, ein Wunschbild, eine Projektionsfläche, ein Traum.
Und dann beginnen plötzlich die ersten Takte des ersten Songs von "Chinese Democracy". Das Titelstück fängt an mit einem irren, geisterhaften Lachen ganz weit weg. Dann schwellen Stimmen an, vielleicht asiatisch. Nach einer Minute ein metallisches, elektronisch verzerrtes Gitarrenriff. Ein Anschwellen, ein Zusammenbrauen, dann Axl Roses Stimme, älter, rauer, aber vertraut: "It don't really matter/ Gonna find out for yourself / No it don't really matter / You're gonna leave this thing to somebody else".
Es gibt erschreckende Momente in diesen 70 Minuten. Etwa wenn der 46-jährige Rose versucht so zu tun, als sei seine Stimme immer noch so kräftig wie mit Mitte zwanzig. Da braucht es dann eine ganze Menge Auto-Tune-Software und allerlei elektronische Störgeräusche wie in "In This World" oder "Street Of Dreams", die vom dünner gewordenen Organ ablenken. Grauenhaft wird es, wenn Rose versucht, mit dem Rock-Zeitgeist zu gehen und dem Industrial-Stakkato von Nine Inch Nails verfällt ("Shackler's Revenge").
Ende gut, alles gut?
Vieles aber, darunter der Trennungs-Thriller "I.R.S." und das etwas unglücklich betitelte "Riad N' The Bedouins" sind überraschend druckvoll und bei aller Überladenheit erstaunlich transparent. So mancher Moment besitzt gar dieselbe Dringlichkeit des Debüt-Albums "Appetite For Destruction". Und natürlich ist auch Rose nicht frei von Nostalgie: "Broken glass and cigarettes / Writin' on the wall / It was a bargain for the summer / An' I thought I had it all" singt er in "There Was A Time", einem gewaltigen, langsam aufbauenden Epos von einem Song. "I was the one who gave you everything / The one who took the fall", konstatiert er veteranenhaft. Aber dann, später im Text: "If I could go back in time... But I don't want to know it now". No remorse für Mr. Rose.
Am Ende, kurz vor Schluss, wird es dann mit der Ballade "This I Love" sogar richtig kitschig. in dem Schnulzenstück, das Meat Loaf zur Ehre gereicht hätte, räumt Rose mit seinem vielleicht größten Trauma auf, dem Krebstod seiner Mutter Sharon, zu der ihn seit einer verkorksten Kindheit in Lafayette, Indiana eine Hassliebe verband. Im letzten Song dann wieder Uptempo, poppige Leichtigkeit: "Streamlined / I Had To Pull Through / Look For, A New, Beginning". Ende des Albums, Ende der Eigentherapie. Ende gut, alles gut?
Dem Musiker Axl Rose, der sich ähnlich wie berühmte Kollegen - wie Brian Wilson, Scott Walker oder Kate Bush - aus jahrelanger quälender Lähmung und Schreibblockade befreit hat, kann man zu "Chinese Democracy" nur beglückwünschen. Es ist ein gewaltiges, grandioses, in seiner schieren Monstrosität aber auch abschreckendes, furchterregendes Album voller Höhe- und Tiefpunkte geworden, Abbild eines großen Rock'n'Roll-Lebens vielleicht.
Dem Mythos Guns N' Roses aber wird man Blumen ans Grab bringen müssen, wenn das Album zu Weihnachten bei Media Markt aus den Boxen gniedelt und den Konsum ankurbelt. Ausgefunkelt, Axl.
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vielen vielen dank. wird von mir voll unterstrichen mehr...
gott sei dank, liegt es an axl, an seiner legende zu arbeiten und an uns, den mythos aufrecht zu erhalten. (kein kommentar zu dieser aussage ohne vorhergehende recherche zu den termini!) ein kritiker darf belächelt werden, wenn [...] mehr...
Sonic Youth, Dinosaur jr, Pixies, Dead Kennedys, Minutemen, Killing Joke, ... Die Liste ließe sich noch eine Weile fortsetzen. Ich habe die Metaller-Fraktion damals immer belächelt, die kamen meist vom Dorf und waren besoffen am [...] mehr...
Normalerweise bin ich nicht so wortkrag. Doch dieses Album ist einfach nur belanglos. Angesichts der langen Produktionszeit und Produktionskosten doppelt ärgerlich. mehr...
Warum denn nicht? Wer hätte von einem Mitglied einer oberpeinlichen Casting-Band erwartet, dass er unter dem noch peinlicheren Namen "Robby Williams" mal wahrnehmbaren Erfolg haben würde? Es ist ja nicht so, dass alle, [...] mehr...
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