Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



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24.11.2008
 

Rick Rubin

Suche nach der Ewigkeit

Von Christoph Dallach

Der Produzent Rick Rubin macht aus Songs Welthits. Nun versucht er sich an einer noch größeren Aufgabe: die Zukunft der Musikindustrie zu finden.

Rick Rubin lässt sich ungern stören. Insbesondere Interviews hält er für Zeitverschwendung. Wenn es mal sein muss, gewährt er zwar eine Schnellaudienz am Telefon - aber mehr geht kaum. Wer ihm aber dann doch eine Verabredung abringt, muss Geduld mitbringen, nach Malibu reisen und darf sich nicht davon irritieren lassen, dass Zeit und Ort des Treffens sich stündlich ändern.

Diesen Zirkus kann der Mann sich erlauben, weil er eben Rick Rubin ist, der gegenwärtig wohl erfolgreichste Musikproduzent des Planeten und einer der wichtigsten Männer der Musikindustrie überhaupt. Bands und Künstler wie die Red Hot Chili Peppers, Johnny Cash, U2, Justin Timberlake, Neil Diamond, Beastie Boys, LL Cool J, Dixie Chicks oder Metallica haben ihm viele Millionen verkaufter Tonträger und mitunter ihre ganze Karriere zu verdanken.

Und weil alles, was er angeht, ein Hit zu werden scheint, hat ihn der Musikgigant Sony BMG vor anderthalb Jahren obendrein noch zum Co-Chef des ruhmreichen Labels Columbia gemacht. Denn die immer noch kriselnde Musikindustrie möchte mit seiner Hilfe, mit seinen Visionen für Absatzwege der Zukunft auch endlich wieder zum Hit werden. Dass Rubin lange zögerte, bis er dieses Amt akzeptierte, und - unter anderem - zur Bedingung machte, dass er nie eine Konferenz besuchen, nie ein Büro betreten, nie eine Dienstreise antreten und nie einen Anzug anziehen müsse, passt zur Aura der Unnahbarkeit, die dem 45-jährigen Amerikaner anhängt.

"Das sind keine Allüren, ich versuche einfach allen Dingen, die mich von meiner Beschäftigung mit Musik abhalten, aus dem Weg zu gehen", sagt er mit ruhiger Stimme. Rubin spricht bedächtig, aber auch eindringlich wie ein alter Prediger, was einerseits vielleicht daran liegt, dass er Meditation so liebt wie Rockmusik, andererseits wohl aber auch daran, dass es zu seinem Beruf gehört, dass er seinen Klienten stets erklärt, was richtig und was falsch ist.

Vom geräumigen Wohnzimmer seines Anwesens in Malibu auf einem Hügel bei Zuma Beach genießt man einen freien Panoramablick über den Pazifik. Ein Nachmittag im Herbst, draußen sind 35 Grad Celsius, Autolärm gibt es hier nicht, stattdessen nur ein entferntes Rauschen des Meeres, in dem tatsächlich die Delfine springen.

Finanzmarktdesaster, Rezessionsängste, Gedröhne um den neuen US-Präsidenten und all die anderen Turbulenzen einer gepeinigten Welt scheinen Lichtjahre entfernt. Hier herrscht mit viel Geld erkaufte Ruhe, die in der Nachbarschaft hinter hohen Mauern, gewaltigen Eingangstoren und Straßen, in denen das Parken verboten ist, auch Anthony Hopkins, Barbra Streisand und Owen Wilson genießen. Dass ein paar Anwesen weiter Bob Dylan residiert, weiß Rubin von dessen Sohn Jakob, mit dem er neulich ein Album aufgenommen hat und der in dieser Hügeloase Jahre seiner Kindheit verbrachte.

Rubin verlässt dieses Paradies eigentlich nur, wenn er frühmorgens auf seinem schwarzen Motorroller an den Strand runterfährt, um die "spirituelle Stille" zu genießen. Wer etwas von Rubin will, muss zu ihm kommen - vorausgesetzt, man erfährt die Gunst einer Einladung. Der massiv gebaute Musikmeister, der stets weite Khakihosen und ein zeltartiges weißes T-Shirt zu eindrucksvollem Weihnachtsmannbart und nackten Füßen trägt, arbeitet überwiegend von diesem Wohnzimmer aus. Hier auf dem großen cremefarbenen Sofa vor zwei turmhohen Lautsprechern, einem kleinen, schicken MP3-Player und Räucherstäbchen saßen schon Metallica, Neil Diamond, U2, Johnny Cash und Legionen anderer Stars, um Platten zu planen oder gemeinsam halbfertige Lieder zu hören und zu analysieren.

KULTURSPIEGEL 12/2008


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Bleibt die Frage, was dieser Mann mit dem Bart eigentlich zu bieten hat. Was sind seine Qualitäten, worin besteht seine Produzentenkunst? "Grundsätzlich bin ich ein Coach", sagt er und lehnt sich langsam auf seinem Sofa zurück. "Ich helfe Künstlern dabei, ihre Stärken zu finden oder wiederzuentdecken. Vor allem anderen bin ich ein Fan, und allein aus dieser Perspektive sage ich meinen Klienten, was ich von ihren Songs halte."

Der Job des Popmusik-Produzenten ist geheimnisumwittert, angesiedelt in einer nebligen Grauzone irgendwo zwischen Scharlatanerie und Genie. Eine Tätigkeit, die man nicht lernen kann, wie auch Rubin bestätigt, und die vor allem darin besteht, dass man Musikern im Studio mit Rat und Tat dabei hilft, tolle Lieder zu zaubern. Voraussetzung ist eher ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein als ein Musikstudium, und auch Meister Rubin sagt, dass er bei seiner Arbeit nicht weniger als "die Ewigkeit" im Visier habe, "das muss der Anspruch sein".

Lange waren Produzenten die Strippenzieher hinter den Kulissen, deren Namen nur Fachleuten geläufig waren. Dass Meister des Fachs wie Brian Eno, Pharrell Williams, Timbaland oder eben Rick Rubin selber als Stars gelten, ist relativ neu. Rubin glaubt man, dass er von dem Wirbel um seine Person wirklich nichts hält. Er sei immer ein Außenseiter gewesen und habe sich in dieser Rolle wohl gefühlt, sagt er. Dazu passt, dass Rubin Aufnahmestudios nicht ausstehen kann und so weit wie möglich meidet, was einem Zahnarzt entspricht, der keine Praxen mag und seine Patienten lieber zu Hause behandelt.

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