Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
2 CDs, 44 Songs, 62 Seiten Booklet - die Sonderedition des legendären Pavement-Albums "Brigthen The Corners" ist so opulent, dass sie uns einen Aufmacher wert ist. Außerdem in der letzten regulären "Abgehört"-Ausgabe des Jahres: The Smiths, Cat Power, Neil Young und Locas in Love.
Pavement – "Brighten The Corners: Nicene Creedence Edition"
(Domino/Indigo, bereits erschienen)
Seit der Jahrtausendwende veröffentlichten Pavement in überraschend verlässlichen Abständen ihre drei ersten Alben in liebevollen, fast luxuriösen Ausgaben aufs Neue. Sie bargen also all die Flip Sides, Demo-Versionen und Petitessen, für die man zehn Jahre lang zu dem wurde, was man am meisten verachtete: Plattensammler. "Brighten The Corners" ist die vorletzte Pavement-LP vor der Auflösung, auf ihr befinden sich mit "Stereo", "Shady Lane" und "Embassy Row" aus unerfindlichen Gründen die meisten Superhits seit "Crooked Rain, Crooked Rain" (1994). Am Beispiel von "Shady Lane" wundert sich auch Kritiker Alex Ross in den extensiven Liner Notes über das inzwischen entkräftete Phänomen aus Kalifornien: "What kind of rock stars could go on MTV singing, 'I'm an island of such great complexity.'?"
Neben Live-Aufnahmen, unveröffentlichten Songs ("Neil Hagerty Meets Jon Spencer In A Non-Alcoholic Bar") und einer BBC-Radio-One-Session, in der man Echo & The Bunnymens "The Killing Moon" sensationell lethargisch zur Slacker-Hymne umfunktioniert, gibt es rund ein Dutzend B-Seiten, darunter auch "Harness Your Hopes", welches zur "Carrot Rope"-Single gehört und somit erst zum Abschiedsalbum "Terror Twilight" erscheinen sollte: "Show me a word that rhymes with Pavement/ And I won't kill your parents/ And roast them on a spit." Auf die Großartigkeit dieses Songs angesprochen, schlief Sänger Stephen Malkmus bei einem Interview einmal fast ein: "Yeah, I know it's catchy." (9) Jan Wigger
The Smiths – "The Sound Of The Smiths"
(Rhino/Warner, bereits erschienen)
Mehr als einmal haben wir an dieser Stelle vor Best-Of-Kopplungen und Anthologien gewarnt, ja sogar vor deren Käufern, die lieber eine ganze Karriere wohlfeil auf dem Silbertablett serviert bekommen, als sich mit jedem einzelnen der allesamt unübertrefflichen Alben der Smiths beschäftigen zu müssen. Diese beim Liebhaber-Label Rhino erschienene Doppel-CD "The Sound Of The Smiths" ist jedoch der bislang gelungenste Abriss über die wichtigste Band der achtziger Jahre - ganz im Gegensatz zu früheren Veröffentlichungen wie "The World Won't Listen" oder "Singles". Aber kann es, gerade nach dem unvermuteten, durch "You Are The Quarry" (2004) neuerlich ausgelösten Morrissey-Weltruhm, wirklich noch Menschen geben, denen die Herrlichkeit der Smiths vollkommen verborgen geblieben ist? Und wie glücklich dürfen sich jene schätzen, die "William, It Was Really Nothing", "Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me", "Cemetry Gates" und "Half A Person" zum ersten Mal hören dürfen!
Zusätzlich zum Altbekannten kommen endlich auch Raritäten wie "Jeane", "Wonderful Woman" und "Money Changes Everything" zu ihrem Recht. Doch das wundervolle Cilla-Black-Cover "Work Is A Four-Letter Word", das den ganzen Zorn von Stones-Fanatiker Johnny Marr auf sich zog, fehlt leider. 45 Tracks, das berühmte Band-Foto vor dem Salford Lads Club und Gladiolen über Gladiolen. (10) Jan Wigger
Locas In Love – "Winter"
(Sitzer/Broken Silence, bereits erschienen)
Ausgerechnet der Kölner Band Locas In Love wird die Ehre zuteil, das letzte "richtige" Studio-Album aufgenommen zu haben, das in diesem Jahr in dieser Kolumne besprochen wird. Woher kennen wir diese Gruppe, die auf "Winter" mit Lap Steel, Ukulele, Glockenspiel, gestrichenem Bass und Dobro beeindruckt und mit Gastmusikern aufwartet, die bereits bei den Magnetic Fields, Sufjan Stevens oder Le Tigre mitspielten? Aus Fanzine-Zeiten, von der Band Unser kleiner Dackel (später: The Dackel 5) und durch die Bassistin Stefanie Schrank, die auch bei Karpatenhund spielt und deren apokrypher Name schon früh zu Spekulationen veranlasste. "Winter" ist ausdrücklich nicht der Nachfolger zur von einigen Leuten geradezu hündisch verehrten "Saurus"-Platte, sondern eine Art Konzeptalbum zur schönsten Jahreszeit. Das Gute daran: Nicht die üblichen Verdächtigen (Tocotronic, Blumfeld, Die Sterne), sondern John Cale, Beach Boys und späte Beatles ("Christmas No.1 Hit") dürften hier den größten Einfluss gehabt haben. Auch nett: Das Wiederhören mit Julee Cruises "Twin Peaks"-Schleicher "Falling".
(6) Jan Wigger
Cat Power – "Dark End Of The Street EP"
(Matador/Beggars/Indigo, 12. Dezember)
Bezüglich "Dark End Of The Street" sei zur Vorsicht geraten: Diese sechs aus den "Jukebox"-Sessions übrig gebliebenen Cover-Versionen erscheinen nicht im CD-Format, sondern nur auf Vinyl. Ob es wohl eher die Fans der kargen, ewig gegen sich selbst gerichteten Chan Marshall oder Anhänger der glattpolierten, weniger vergeblichen Cat-Power-Ära (die mit spätestens mit "The Greatest" begann) sind, die noch einen Plattenspieler besitzen? Machen wir es kurz: Die Creedence-Clearwater-Revival-Komposition "Fortunate Son" wird virtuos verschleppt, entschleunigt und um Soul bereichert, während Otis Reddings glutvolles "I've Been Loving You Too Long (To Stop Now)" für Cat-Power-Verhältnisse nahezu werkgetreu interpretiert wird. Dazu erneut Aretha Franklin ("It Ain't Fair"), James Carrs rubinrotes "Dark End Of The Street", Fairport Convention ("Who Knows Where The Time Goes") und ein spukiges "Ye Auld Triangle", am ergreifendsten noch immer von den Pogues.
(6) Jan Wigger
Neil Young – "Sugar Mountain – Live At Canterbury House 1968"
(Reprise/Warner, bereits erschienen)
Die Zahl der unsterblichen Songs, die der 23-jährige Neil Young bereits bei diesem frühen Auftritt im Canterbury House beisammen hatte, ist genau genommen bestürzend: Bei Buffalo Springfield war er ausgestiegen, doch seine eigenen, vor allem im orchestral veredelten Springfield-Gewand göttlichen Klassiker wie "Expecting To Fly" und "Broken Arrow" hatte er mitgenommen, um sie nun mit der Akustikgitarre und auf die reduzierteste Art und Weise darzureichen. Hinzu kommen "The Loner", Sugar Mountain", "The Old Laughing Lady" und das linkische "The Last Trip To Tulsa", das auch Navid Kermani im hübschen Themenbüchlein "Das Buch der von Neil Young Getöteten" nicht abschließend ergründen konnte: "Well I was chopping down a palm tree when a friend dropped by to ask/ If I would feel less lonely if he helped me swing the axe/ I said: 'No, it's not a case of being lonely we've had here/ I've been working on that palm tree for eighty seven years." Youngs Redseligkeit und sein doch recht ungezwungen wirkendes Scherzen mit dem Publikum überraschen: Seine Haare seien noch nie so lang gewesen, für den Gelegenheitsjob im Buchladen sei er nicht der Richtige und die Schlankheitspillen seiner Freundin hätten ihn vertrieben. Memorieren aber müssen Sie nur diese eine Wahrheit: Man kann nie genug Neil-Young-Platten besitzen.
(8) Jan Wigger
Liebe Leser, zum Jahresabschluss präsentieren Jan Wigger und Andreas Borcholte wie gewohnt die zehn besten CDs des Jahres. Lesen Sie Teil eins am kommenden Dienstag, Teil 2 am 23.12.
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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