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16.12.2008
 

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ABGEHÖRT 2008

Die wichtigsten CDs des Jahres

Das Jahr ist (fast) um, die Abrechnungen, Auflistungen und Bestenlisten stehen an. Auch "Abgehört" zieht Bilanz: Andreas Borcholte und Jan Wigger haben die zehn besten Pop- und Rock-Platten aus 2008 ermittelt: Die wichtigsten CDs des Jahres - Teil eins!

MGMT – "Oracular Spectacular"
(Columbia/SonyBMG)

Dass diese LP, die man von A bis Z nur als Geschenk bezeichnen kann, bei einigen Leuten nach wie vor unter die Langweiler-Kategorie "Indie" fällt, ist fast schon wieder komisch: Von einem Saxophon-Solo abgesehen machen Andrew Vanwyngarden und Ben Goldwasser auf "Oracular Spectacular" nämlich so ziemlich alles, was den politisch korrekten Schrumm-Schrumm-Gitarren-Aficionado fragend Stirn und Augenbrauen kraus ziehen lässt: Soft-Rock, Hall & Oates-Anleihen, Bee-Gees-Vocals in "Electric Feel" und froschartiger Gesangsvortrag bei "Weekend Wars", einem kosmischen Gruß an den Ween-Evergreen "Push Th' Little Daisies".

Song des Jahres ist neben "Machine Gun" (Portishead) und "Mykonos" (Fleet Foxes) aber "The Youth": Ein Traum von einem Lied (mit spektakulärem, glückseligen Tonartwechsel nach zweieinhalb Minuten), ein imaginärer, von David Bowie und den frühen Queen erschaffener Soundtrack für den nächsten Jodorowsky-Film. "This is a call to arms to live and love and sleep together." Oh you pretty things! Jan Wigger

Fleet Foxes – "Fleet Foxes"
(Bella Union/Cooperative/Universal)

Und plötzlich war es wieder 1972 und man hatte die Eagles im Ohr, "Outlaw Man", oder Donovan, wenn nicht gar Crosby, Stills, Nash & Young. Verhuschte, naturselige Folkmusik war 2008 vielleicht der einzige richtige Trend, der auszumachen war. Begonnen hatte alles schon 2007 mit Joanna Newsom, aber erst in diesem Krisen-Jahr war die Sucht nach Innerlichkeit, das Erträumen alter, unkomplizierter Zeiten und das Sehnen nach reiner Natur so ausgeprägt, dass es musikalischer Linderung auf breiter Basis bedurfte. Den Soundtrack dazu, auf den sich im Sommer alle einigen konnten, lieferten fünf bärtige Jünglinge aus Seattle, die Fleet Foxes. Gleich mit "Sun It Rises", dem ersten Song ihres nur 40 Minuten langen Debüts, entführten uns die Amerikaner in ein arkadisches Land, eine vergessene Blumenkinder-Enklave in den Appalachen, wo Mormonen morgens den Segen singen und Schneehasen hektisch über den Harsch hoppeln.

FORUM

Mehrstimmige, glockenhelle Gesänge und perlende, glücklich umherspringende Rhythmen voller altertümlicher Instrumente definieren den Sound einer der erstaunlichsten Platten des Jahres, deren mystische, erdenschwere Texte auch nach Monaten des Hörens noch Rätsel aufgeben: In the quivering forest/ Where the shivering dog rests/ I will do it grandfather/ Wilt to wood and end/ And the river got frozen/ And the hole got snowed in/ And near the moon glow ride/ Till the morning light" heißt es zum Beispiel verträumt-fanatisch in "Blue Ridge Mountains". Zum Sterben schön. Andreas Borcholte

Rachel Unthank & The Winterset - "The Bairns"
(Rough Trade Records/Beggars Group/Indigo)

Nicht nur die Amerikaner begriffen die Sehnsucht nach Innerlichkeit und Altertum, auch aus Englang, dem Heimatland keltischer Weisen, kam 2008 ein Folk-Album, das Maßstäbe setzte. Rachel Unthank & The Winterset ist eine junge Frauenformation aus Newcastle, die sich nicht für den lokalen, für hiesige Ohren oft unverständlichen "Geordie"-Akzent schämt und mit "The Bairns" ein musikalisch filigranes, emotional aber aus allen Nähten platzendes zweites Album vorgelegt haben. Die britische Presse jubelte zu Recht über kongeniale, tief empfundene Coverversionen von Folk-Traditionals wie "I Wish" oder Robert Wyatts "Sea Song". Um die ganze Aufregung um Rachel Unthank zu verstehen, muss man zunächst aber eigentlich nur den Album-Opener "Felton Lonnin" hören: Sphärische Musik mit Geigen und Cello, die ein herbstliches Feld im Morgennebel evozieren, dann sanfter, brüchiger, aber nicht zaghafter Gesang, der zuweilen an Björk erinnert. Dass man den Text nicht versteht, wird zum Vorteil, weil die Stimme sich als weiteres Instrument mit der Musik vereinigt - und man sich ganz dem Lied und seinem Zauber hingeben kann. Dieses diffuse Sehnen nach Sicherheit in unsteter Zeit, besser, gefühlvoller, wurde es in diesem Jahr nicht auf den Punkt gebracht. Andreas Borcholte

Wolves In The Throne Room – "Two Hunters"
(Southern Lord/Soulfood)

Neues aus dem Höllenschlund: Nicht Opeth, nicht Enslaved, auch nicht Metallica ist das beste Metal-Album des Jahres gelungen, sondern Wolves In The Throne Room aus Olympia, Washington. Sicher: Import-Käufer waren früher dran, doch auch die, die warten konnten, sollten nach den letzten Tönen von "I Will Lay Down My Bones Among The Rocks And Roots" begriffen haben, dass es sich bei der zweiten Wolves-LP "Two Hunters" tatsächlich um eine sogenannte "zeitlose" Platte handelt, die bestens zum Katalog geheimnisumwitterter Southern-Lord-Künstler wie Sunn O))), Earth oder Boris passt. Und so wie die norwegischen Todeskings Emperor ihr Album "Anthems To The Welkin At Dusk" mit liebreizendster Akustikgitarre beginnen lassen, beenden Wolves In The Throne Room diese 46 mörderischen Minuten symphonischer Wucht wie selbstverständlich mit Vogelgezwitscher. Black Metal ist ja oft und gerade auch dann am besten, wenn man sich beim Hören fragt, ob es sich überhaupt noch um Black Metal handelt. Doch so blöd, diese Frage zu beantworten, sind Wolves In The Throne Room natürlich nicht. Jan Wigger

Claro Intelecto – "Metanarrative"
(Modern Love/Baked Goods)

Für die einen schlicht Gebrauchsmusik, für die anderen eine Art Melancholieverstärker und tief bewegend: Fest steht, dass 2008 ein großartiges Jahr für die minimalen Spielarten von House und Techno war, von Sascha Funkes elektrisierender LP "Mango" über Ellen Allien, Sten, den "Selected Tracks" von Andy Stott und dem endlich wieder neu aufgelegten Gesamtwerk von Wolfgang Voigts Projekt Gas. Irgendjemand hat die britische Plattenfirma Modern Love einmal sehr akkurat als "Label der kalkulierten Verknappung" beschrieben, was trefflich erklärt, warum der Grafikdesigner Mark Stewart aka Claro Intelecto dort achtsam kalkulierte, heisskalte Tracks wie "Operation", "Harsh Reality" oder "Innocence" veröffentlicht. "Metanarrative" endet mit "Beautiful Death", einer kaum vierminütigen Ambient-Exkursion, die nicht so recht zum Rest des Albums passen mag. Dabei ist genau hier die Essenz von Stewarts Schaffen am deutlichsten zu erkennen: Der Tod ist nicht das Ende – tanz weiter, wenn du kannst. Jan Wigger

Liebe Leser, das war noch längst nicht alles! Lesen Sie am nächsten Dienstag den zweiten Teil der "CDs des Jahres"!



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