Von Uh-Young Kim
DJs haben's gut. Selbst in Krisenzeiten müssen sie sich nicht um Arbeit sorgen. Die Leute wollen abtanzen, wenn es rund läuft - und erst recht, wenn alles den Bach runtergeht. Je bedrohlicher Rezession, Vereinsamung und Versagensängste werden, desto bedeutsamer werden die erlösenden Glücksmomente im Club.
Doch die Stimmung auf den Tanzflächen der westlichen Metropolen fällt ab wie zuletzt der Dax. Stumpf marschiert die Masse hinter eintönigen Rhythmen her. Von Euphorie weit und breit keine Spur. Das bisschen Lust, das einem vor lauter Hiobsbotschaften geblieben ist, wird bis in den Morgengrauen gestreckt und kleinkrämerisch verwaltet.
Minimal Techno heißt die monotone Klangtapete zur gepflegten Langeweile. Tagsüber wummert diese besonders reduzierte Variante des elektronischen Stampfbeats aus den Laptops der jungen Kreativen. Nachts beschallt sie die übersättigten Feiermeilen von Berlin und London - und wird auch in popkulturell entlegenen Gebieten immer beliebter. Mit dem Ergebnis, dass Tracks von malaysischen Produzenten mittlerweile klingen, als kämen sie direkt aus Köln-Ehrenfeld.
New York, Rio, Pretoria
Während sich die Techno-Kultur im Gleichschritt in die Sackgasse befördert, sorgen gerade immer mehr regionale Stile aus der südlichen Hemisphäre für eine Explosion der Vielfalt auf den Tanzflächen. In den lokalen Szenen abseits der Pop-Zentren brodelt es mächtig. Baile Funk, Kwaito, Kuduro und Cumbia sind dabei, die althergebrachte Ordnung in der Clubwelt auf den Kopf zu stellen.
Der Erfolg der tamilisch-britischen Sängerin M.I.A. hat den Tanzmusiken aus der Südhalbkugel den Weg in Trendlocations geebnet. Inzwischen ist die neue Queen of Worldpop von London nach New York umgesiedelt und arbeitet mit Jay-Z, 50 Cent oder Kanye West zusammen. Auch HipHop-Schwergewichte wie Timbaland und Pharrell Williams haben bereits eine Schwäche für Bollywood-Soundtracks als Sample-Quellen offenbart.
Vernetzte Innovation
Durchlässigkeit und Durchmischung prägen die neuen Stilhybride. Im Baile Funk aus Brasilien werden die steifen Electro-Beats von Kraftwerk mit dem Hüftschwung vom Zuckerhut und Rapeinlagen kurzgeschlossen. Und der Cumbia Digital des Labels ZZK aus Buenos Aires lädt die traditionelle Tanzmusik aus den Anden mit Dub-Elementen auf.
Dass die Musikindustrie derweil weiter vor die Hunde geht, kann diesen Mikroszenen egal sein. Ihre Vetriebswege sind seit jeher prekär. Und zum ersten Mal erhalten sie breitere Anerkennung, bezeichnenderweise in jenem Medium, das den großen Labels das Wasser abgräbt: im Internet mit Bloggern als Trendscouts und YouTube als basisdemokratischem MTV. Von hier aus eröffnen sich Einblicke in Hinterhöfe und auf Marktplätze, wo Kids ihre Arme und Beine zu polyrhythmischen Beats in spektakuläre Winkel verdrehen. Tanze lokal, sende global.
Das hat nichts mehr mit den Ethno-Klischees gemein, die an dem miefigen Begriff "Weltmusik" hängen. Hier bildet sich ein digitaler Underground, in dem sich vielstimmige Musikkulturen auf Augenhöhe begegnen. So können sich mittlerweile auch Dance-Acts wie Radioclit aus London tropische Musikformen aneignen, ohne als exotische Hippies abgestempelt zu werden. Einflüsse aus Afrika, Indien und der Karibik gehören einfach zum multiethnischen Alltag in der britischen Metropole.
Migration und Kreation
Umgekehrt ist das Letzte, womit viele Produzenten aus den regionalen Szenen in Verbindung gebracht werden möchten, die traditionelle Musik ihres Herkunftslandes. Sie eifern zunächst den Vorbildern aus Europa und Amerika nach. Dabei entstehen über produktive Missverständnisse neue und eigenständige Klänge.
Auch die Kuduro-Musik aus Angola begann als Spielart von House mit beschränkten Mitteln und ist jetzt zu einem wilden elektronischen Gemisch aus den Popmusiken der Townships, Dancehalls und Inner Cities geworden. Über Einwandererströme ist Kuduro schnell nach Lissabon gelangt. Hier hat sich das Buraka Som Sistema dem treibenden Dance-Music-Bastard angenommen und popularisiert ihn nun international - um einige Dezibel aufgemotzt.
Deutschland ist in dieser postkolonialen Dynamik allenfalls als Entwicklungsland anzusehen. Und doch gehen von hier nachhaltige Impulse aus, für die woanders die Mittel fehlen. So ließ der Berliner DJ Daniel Haaksman jüngst Bossa-Nova-Klassiker von Baile-Funk-Talenten aus den Favelas remixen. Das Goethe-Institut hat durch ein Austauschprojekt zum Aufblühen der südostasiatischen Elektronik-Szene beigetragen. Zuletzt hat das Haus der Kulturen der Welt in Berlin Musiker aus Pakistan und Neuseeland eingeladen. Und als einziger Radiosender europaweit bietet Funkhaus Europa den jungen globalen Popmusiken eine Plattform.
Ganz selbstverständlich laufen hier Kuduro-Tracks neben Türkpop-Hits und Remixen für Balkan-Kapellen. Abseits der Monokulturen von Techno-Trott und Charts-Futter klingt die Welt so aufregend wie nie zuvor.
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