Von Thomas Winkler
Der Dumbarton Football Club hat seine glorreichen Zeiten lange hinter sich. Der letzte große Erfolg des Clubs aus dem Städtchen im Westen Schottlands datiert aus dem Jahre 1891: Zum zweiten und auch letzten Mal wurde man schottischer Meister. Im folgenden Jahrhundert dümpelte der Dumbarton FC meist in den Niederungen der Dritten Liga. Das war auch so, als er plötzlich eine gewichtige Rolle in der Popgeschichte übernahm, wenn auch ungewollt: 2005 feuerte der Verein einen ehemals hoffnungsvollen Stürmer.
Eine folgenschwere Entscheidung: Vier Jahre später ist der ehemalige Fußballprofi James Allan die neue Hoffnung des britischen Pop. Nach seiner Entlassung in Dumbarton besann sich der heute 28-Jährige auf sein zweites Talent, begann Songs zu schreiben und rekrutierte aus Familie und Freundeskreis eine Band, die er Glasvegas nannte. Das britische Pop-Zentralorgan "NME" hob das Glasgower Quartett im vergangenen Sommer auf den Titel und kürte es zur "Best New Band in Britain". Kurz darauf landeten die stets streng schwarz gekleideten Schotten an der Spitze der Charts.
Ein sagenhafter Aufstieg, wie ihn das Popgeschäft immer wieder mit sich bringt, am liebsten mit Unterstützung der erregten Musikpresse im Königreich. Die Hysterie war diesmal durchaus angebracht. Denn Glasvegas stand, wie James' Bruder und Glasvegas-Gitarrist Rab Allan bescheiden findet, bei ihrer "bizarren Karriere" nicht nur "Glück und gutes Timing" zur Seite.
Vor allem verbindet die Band auf ihrem Debütalbum wie niemand zuvor die Harmonien und Melodien der Vocal-Groups aus den seligen Sixties mit den Cinemascope-Gitarren von Oasis; den "Wall of Sound" eines Phil Spector mit den quälenden Feedbackorgien von The Jesus And Mary Chain oder My Bloody Valentine.
Aber unter den Händen von Glasvegas wird der ehemals provokante und ohrenzerfetzende Krach dank elegischer Melodien zum weihevollen Wohlklang. Das Ergebnis sind Hymnen, die sich aus lärmendem Furor erheben, Schönheit, die aus dem Chaos entsteht.
Streifzüge durchs wahre Leben
Dieses Chaos spiegelt sich in den Texten von James Allan, die ein Glasgow beschreiben, an dem der britische Wirtschaftsboom weitestgehend vorbeigegangen ist. In "Geraldine" erzählt er von überlasteten Sozialarbeiterinnen, in "Daddy's Gone" beklagt er abwesende Väter, und in "Polmont On My Mind" folgt er einem jugendlichen Delinquenten in die Vollzugsanstalt. Dieser Realismus verfängt bei den Fans, hat McKay festgestellt: "Es ist fast so, als nähmen die Leute von den Songs Besitz. Sie sagen immer wieder, James hätte ihr Leben aufgeschrieben."
Alle seien sie aufgewachsen, ergänzt Rab Allan, im Bewusstsein, dass ihnen nur ein einziger Lebensentwurf in Aussicht stand: "Von Montag bis Freitag schuften und sich dann am Wochenende besaufen - aber ich wollte immer etwas anderes." Längst haben sie ihre Jobs als Verkäuferin im Secondhand-Klamotten-Laden, als Lagerarbeiter im Kühlhaus oder als Fliesenleger hinschmeißen können und erheben nun in schönster britischer Kitchen-Sink-Tradition die triste Realität des Arbeiteralltags zum glamourösen Abenteuer.
Dabei erfüllen sie mit größtmöglicher Eleganz das Versprechen ihres Namens, bilden die Schnittmenge aus dem Glamour von Las Vegas und der Working-Class-Identität ihrer Heimatstadt Glasgow - auch wenn Rab Allan findet: "Selbst wenn wir es wollten, niemand ist in der Lage, Glamour nach Glasgow zu bringen."
Arbeiterbewegung mit Sound und Haltung
Es ist auch weniger das oberflächliche Glitzern von Las Vegas, das die Band heraufbeschwört. Unter Führung von James Allan, der selbst drei Jahre arbeitslos gemeldet war, reaktiviert die Band trotzig das Styling der halbstarken Arbeiterjugend aus den fünfziger Jahren und posiert für ihre Videoclips in schwarzem Leder und Teddyboy-Frisuren vor den grauen Backsteinwänden von Mietskasernen. Working-Class-Identität als letzter verbliebener Standortfaktor.
Es sind die ikonografischen Bilder junger Rebellen, eines frühen Marlon Brando, eines Johnny Cash oder Joe Strummer, die Glasvegas wiederbeleben. Die Rückschau allerdings ist geprägt von romantischer Melancholie und einem naiven Heraufbeschwören der guten alten Zeiten.
So spielen Glasvegas - wie einst Johnny Cash - einerseits regelmäßig in Gefängnissen, haben andererseits aber auch eine Platte mit weihnachtlichen Songs in einer transsilvanischen Kirche aufgenommen. "Alle dachten, das sei ein Witz, sogar unsere Plattenfirma", erinnert sich McKay. War es aber nicht, und selten zuvor klang Wertkonservatismus so grandios: "A Snowflake Fell (And It Felt Like A Kiss)" hat die schöne alte Tradition des Weihnachtsalbums erneuert.
Das immerhin ist James Allan also schon gelungen, auch wenn er in seinem früheren Leben die ehrwürdige Tradition des Dumbarton FC nicht wiederbeleben konnte.
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