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03.02.2009
 

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Die wichtigsten CDs der Woche

Wie kann man ein Album von Morrissey nicht mögen? Jan Wigger lobt den ehemaligen Ober-Smith für seine Dauermelancholie und staunt ob der schneewittchenschönen Entrücktheit von Super 700. Andreas Borcholte sagt der US-Pianistin Vienna Teng eine glänzende Zukunft voraus.

Morrissey – "Years Of Refusal"
(Decca/Universal, 13 Februar)

Natürlich wird man eine Morrissey-Platte niemals ganz sachlich-analytisch untersuchen können: Zu lang ist der Schatten der Smiths, zu vollkommen waren "Vauxhall And I" (1994) und "You Are The Quarry" (2004), die beiden besten Soloalben des großen Narziss und Weltverachters. Auch spielt die aktuelle Begleitband des Mozzfathers neue Stücke wie "That's How People Grow Up" oder "All You Need Is Me" immer noch etwas zu sportiv, zu maskulin und unsensibel, um Morrisseys nicht selten widersprüchliche Schmerzprotokolle treffend zu untermalen. Das alles aber kümmert wenig, wenn Morrissey im phantastischen "I'm Throwing My Arms Around Paris" die alten Leiden aufs Neue besingt: "I have decided I'm throwing my arms around all of Paris/ Because only stone and steel accept my love."

Wie immer reichen bereits die Songtitel aus, um diesen Meister der überlegenen Süffisanz zu identifizieren: "I'm OK By Myself", "Sorry Doesn't Help", "Something Is Squeezing My Skull". Ginge es dem Künstler plötzlich besser, hätte er ein Problem. Doch so geht es munter melancholisch weiter: köstlich die Mariachi-Bläser in "When I Last Spoke To Carol", angemessen die Streicher im rührend aufrichtigen, gespenstischen "You Were Good In Your Time". Auch "It's Not Your Birthday Anymore" begeistert, doch auf drei, vier Songs hätte Morrissey auch diesmal wieder gern verzichten können. Aber stört das einen Philosophen? Solange Paris ihn nur liebt und er nach seinem Ableben sicher in die Hölle kommt, darf das Leben ruhig ein Schweinestall bleiben. (7) Jan Wigger

Super 700 – "Lovebites"
(Motor Music/Edel, 27. Februar)

Kann sein, dass der Schlagzeuger Sebastian Schmidt heißt, die Band aus Berlin kommt und sich dann auch noch Super 700 nennt. Aber ohne gleich wie einer dieser ins Alter gekommenen Rockjournalisten klingen zu wollen, die stets hocherfreut sind, wenn sie irgendwie "frischer" oder "frecher" deutscher Musik aus dem Nachbardorf "internationales Niveau" bescheinigen dürfen: Dieses Septett ist genau genommen hundertmal zu gut, um aus Deutschland zu sein. Die im Infoschreiben absolut korrekt als "schneewittchenschön" beschriebene Gesangsstimme von Sängerin Ibadet Ramadani trägt die 13 wundervollen Stücke der zweiten Super-700-Platte "Lovebites" in eine andere Dimension, in der man staunend Fragen stellt: Ist die Miniatur "The Other Side" noch ehrfürchtige Hommage an Blonde Redhead oder schon dreist geklaut? Wie kam es zum himmlischen Schlussteil von "We Will Never Drown", in dem Ibadet Ramadanis Schwestern Albana und Ilirjana so jenseitig im Background summen, als hätten sie das ganze letzte Jahr mit alten Cocteau-Twins-Platten verbracht? Und dann, in "Spring (The Old Pretender)", fällt endlich auch der Satz, der das Super-700-Geheimnis zumindest im Ansatz erklären könnte: "Every honey bee is an angel of death." Jedem sein Alptraum. (8) Jan Wigger

Vienna Teng - "Inland Territory"
(Decca/Universal, 6. Februar)

Wie gut und wie schwerwiegend ein Song wie "Pontchartrain" war, merkt man erst, wenn die neue Musik um einen Platz im Herzen und im Bewusstsein kämpfen muss. Vienna Tengs bewegende Ode an das von Katrina verheerte New Orleans bildete das Zentrum ihres letzten Albums "Dreaming Through The Noise". Zu Recht erlebte die mit taiwanischen Wurzeln in Kalifornien geborene Pianistin und Sängerin mit der LP ihren Durchbruch - und legt nun mit "Inland Territory" nach. Ursprünglich, so entnimmt man dem Plattenfirmen-Info, hatte Teng gar keine Albumveröffentlichung geplant, sondern wollte drei stilistisch in Pop, Rock und Folk gegliederte EPs herausbringen. Ein guter Plan, der leider nicht umgesetzt wurde, so dass "Inland Territory" trotz aller Bemühungen etwas inkohärent wirkt. Zu entdecken gibt es dennoch viel, zum Beispiel das ungewohnt temporeiche "White Light" oder "Kansas", in dem sich Dorothy Gales Sehnsucht nach dem Zauberland Oz mit der weiten, flachen Einsamkeit des amerikanischen Mittelwestens zu einem faszinierenden Stück Musik fügen.

Die Vermessung ihrer Heimatstaaten scheint Vienna Tengs musikalische Mission zu sein; in "Oh Gringo" reist sie an die kalifornisch-mexikanische Grenze, um über illegale Einwanderer zu meditieren. Manchmal wagt die Musikerin, die früher als Computerspezialistin bei Cisco Systems arbeitete, auch einen Blick über den Tellerrand und beschreibt in "Radio", wie bequem es ist, den Nahost-Konflikt aus der sicheren Entfernung westlicher Großstädte zu verfolgen. "Inland Territory" lässt viel von der in sich geschlossenen Schönheit und Wucht des Vorgängeralbums vermissen, führt aber dennoch eine Entwicklung fort, die Vienna Teng zu einer der interessantesten Persönlichkeiten zeitgenössischer amerikanischer Musik macht. (7) Andreas Borcholte

Anna Ternheim – "Leaving On A Mayday"
(Universal, 13. Februar)

Mit zartem Folk, glasheller Stimme und angebrochenem Herzen schenkte uns die Schwedin Anna Ternheim einst zwei hinreißende Alben: Auf "Somebody Outside" und "Separation Road" genügten Lieder wie "I'll Follow You Tonight" oder "Halfway To Fivepoints" sich selbst, und ein "Lovers Dream" in der sogenannten "Naked Version" war dann eben genau das: nackt. Für ihre dritte LP verpflichtete Anna Ternheim erstmals den Peter-Bjorn-And-John-Musiker Björn Yttling, der als Produzent für Lykke Lis "Youth Novels" fehlerfreie Arbeit leistete. Ihm "Leaving On A Mayday" anzuvertrauen, war trotzdem ein Fehler: Die aufdringliche Percussion beschädigt das an sich ordentliche "Let It Rain", viel zu oft schielt man auf den Mainstream-Markt, sind Donnertrommeln im Dauereinsatz, wird Ternheims diesmal ohnehin schwächeren Kompositionen die Luft zum Atmen genommen – selbst orientalisches Gedöns ("Terrified", "No, I Don't Remember") muss ohne Not als Ornament herhalten. In "Summer Rain" aber glaubt man, die alte Anna Ternheim wiederzuerkennen – prompt wird das Akustikstück von gleich drei Background-Sängerinnen zersäuselt. Ausgerechnet "Leaving On A Mayday" wird Anna Ternheim weltbekannt machen. Eigentlich schade. (5) Jan Wigger

Various Artists – "Dark Was The Night"
(4AD/Beggars Group/Indigo, 13. Februar)

Compilations sind meist etwas für Sammler und Schatzsucher: Hier noch eine B-Seite, dort noch ein Duett, doch wirklich gehört werden die oft liebevoll gestalteten Tonträger ungefähr so oft wie gewöhnliche "Best-Of"-Kopplungen. Das Gesetz der Serie wird nun auf zwei CDs vom "Dark Was The Night"-Sampler durchbrochen, dessen Einnahmen der Red Hot Organization im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit Aids zugute kommen. Zusammengestellt von den The-National-Musikern Bryce und Aaron Dessner dürfte "Dark Was The Night" die nominell beste Compilation des bisherigen Jahrtausends sein: Alle 31 Songs sind exklusiv und unveröffentlicht, dabei sind neben anderen Arcade Fire, Spoon, Bon Iver, Leslie Feist & Ben Gibbard, Cat Power, My Morning Jacket, Iron & Wine, Conor Oberst und Stuart Murdoch. Antony Hegarty kollaboriert mal wieder (hier mit Bryce Dessner), Sufjan Stevens enttäuscht mit dem zehnminütigen "You Are The Blood", und die Decemberists spielen bis auf weiteres atemraubenden Prog-Rock für Leute, die keinen Prog-Rock hören. Mögen sich die Herzen öffnen! (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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06.02.2012 von kuechenchef:

Ja nu, zwischen sechs Monate Wartezeit nach VÖ auf CD wie bisher und Bestellungen beim Label in den USA für Platten in lustigen Vinylfarbkombinationen ist dann doch noch irgendwie ein Unterschied. Aber schee sans scho... [...] mehr...

04.02.2012 von oasis:

Aha, ganz was Neues. ;D mehr...

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