Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Eine peinlich platte Platteninfo begleitet das neue Phillip-Boa-Album, findet Jan Wigger - was besonders unverständlich ist, denn "Diamonds Fall" zeigt großartigen Willen zum Stil. Ganz im Gegensatz zu Razorlight: Sie haben definitiv keine Seele.
Phillip Boa & The Voodooclub – "Diamonds Fall"
(Constrictor/Rough Trade Distribution)
Für das schaurige Begleitschreiben zur CD wurden sie alle aus der Mottenkiste hervorgezerrt, die peinlichsten und abgegriffensten Klischees über den Musiker und Menschen Phillip Boa: Der "exzentrische Forty-Something", der "Avantgarde-Rock-Kosmopolit", der "deutsche Vorzeige-Indie-Rocker", der "merklich gereifte, introvertierte Ausnahmekünstler" und "alte Hase", der seine neue "Kopfkino-Leinwand" präsentiert.
Fehlt quasi nur noch der "Multi-Instrumentalist" – aber ist Boa das überhaupt? Die Erinnerung ist oft das Schönste, und so erinnern wir uns gern an "Fine Art In Silver", an "You Sent All My Letters", "Russian Film In Snow" oder "Clean Eyes For Dirty Faces", alles alt, sehr alt, aber wunderbar. An "Diamonds Fall" war jetzt auch Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit beteiligt, doch es sind vor allem das Songwriting, die geschliffenen Arrangements und Boas Wille zum Stil, die den vorzüglichen Titelsong oder das abschließende "Black Light" zu etwas Besonderem machen. Die mit zunehmender Karrieredauer etwas gewollt wirkenden Krawall-Songs hat Boa wegrationalisiert, um sich dem Ausgeschmückten und Verfeinerten zu widmen – man nehme allein die ersten 15 Sekunden des grandiosen "Jane Wyman" als Exempel. Und nicht nur Leonard Cohen, sondern auch die eigene, unerhörte und dornenreiche Geschichte stecken in der als Frage getarnten Aufforderung des Songs "Valerian": "Can you relate to the songs of love and hate?" Yes, we can. (8) Jan Wigger
Razorlight – "Slipway Fires"
(Vertigo/Universal, 20. Februar)
Schon das zweite, selbstbetitelte Razorlight-Album wurde vielerorts gehasst und bereits als Abgesang der einst so großartig zügellosen britischen Band betrachtet, die noch vor wenigen Jahren Songs wie "Don't Go Back To Dalston" oder "Rip It Up" zustande brachte. Wir aber mochten auch diese Platte, weil wir Foreigner, Boston, Journey und all die anderen Classic-Rock-Artists mögen, mit denen Razorlight in einem kollektiven, weltweiten Spice-Anfall verglichen wurde. Bei "Slipway Fires" aber ist Schluss: Selbst der "NME", den ohnehin nur noch Kinder kaufen, lachte sich halbtot über diese Platte und bemerkte völlig zu Recht, dass Johnny Borrells "Texte" schon immer grausam waren – was man allerdings erst jetzt, wo auch die Musik grausam ist, so richtig merkt. "You say you've got to live alone / Though it hurts, you'll make it on your own / You say you have been born again / You will remain a hostage of love." Wer noch nie ein Buch gelesen hat, könnte es für Poesie halten.
Die Songs über Borrells Errungenschaften ("I've got a hardbody girlfriend / A wallet full of cash"), über seine Sinnsuche und Langeweile sind gefällig ("Wire To Wire", "Hostage Of Love"), redundant ("Burberry Blue Eyes"), unfassbar einfallslos ("Monster Boots") und unerträglich pathetisch ("Blood For Wild Blood"). Nebenbei bemerkt: Einer der entscheidenden Unterschiede zwischen Johnny "I am a sinner / I am a saint"-Borrell und Journey-Vokalist Steve Perry ist eben auch, dass Perry als Sänger von "Lights", "Don't Stop Believin'" oder "Only The Young" nicht weniger als ein Gott war, dem Borrell nie das Wasser wird reichen können. Und wer diesen seelenlosen Razorlight-Quark, der nichts als heiße Luft ist, noch mal mit Bruce Springsteen vergleicht, bekommt noch heute sämtliche Richard-Marx-Alben gratis zugeschickt. (3) Jan Wigger
...And You Will Know Us By The Trail Of Dead – "The Century Of Self"
(Superball Music/SPV)
Wer die Anekdoten und versteckten Anspielungen um die verrückten Wissenschaftler gehört hat, wer das rücksichtslose "Mistakes & Regrets" kennt oder Teile dieser hochgebildeten US-Rockgruppe einmal zufällig traf, hat vielleicht eine Ahnung davon, warum "The Century Of Self" nicht mehr bei einem Major-Label erscheint. Kein Druck, keine Radio-Singles, keine Rechtsabteilung, freut sich die Band - und beginnt ihr sechstes Album provokativ mit einem Instrumental, bevor "The Far Pavilions" jeden bestätigt, der es für eher unwahrscheinlich hielt, dass Trail Of Dead urplötzlich eine ganz andere Band sind als noch auf "So Divided" (2006). Nein, morbiden Kitsch (Conrad Keelys tolle Zeichnungen im Booklet!) und den Hang zum Episch-Erhabenen gibt's noch immer: "Bells Of Creation", schon von der vorausgeschickten "Festival Thyme"-EP bekannt, baut sich langsam zum Festgesang auf und "Ascending" hätte mit etwas mehr Druck auch auf "Madonna" (1999) sein können. Interessant sind vor allem die stillen Momente: Die Klavierballade (!) "Pictures Of An Only Child" und das nur ganz kurz ausbrechende "Luna Park." Für alle Fans der frühen Beatles: Ein "Eight Days Of Hell" ist diesmal nicht dabei.
(7) Jan Wigger
M. Ward – "Hold Time"
(4AD/Beggars/Indigo)
Wir mussten uns schon sehr wundern, als das sonst unfehlbare "Paste"-Magazin ausgerechnet die Debüt-LP von She & Him zur einzig wahren Platte des Jahres 2008 machte. Auf "Volume One" verschickten M.Ward und Schauspielerin Zooey Deschanel musikalische Liebesbriefe an Nina Simone, Chet Atkins und die Ronettes, nun hat M.Ward Zeit für eine weitere Solo-Platte gefunden. "Hold Time" unterscheidet sich nur marginal von "Post War": Wieder hat der Künstler altes, womöglich im Hobbykeller vor sich hin moderndes Song-Material zusammengetragen und im berühmten, nämlich altmodischen und verhallten M.Ward-Klang aufgenommen, der nur bei genauem Hinhören verrät, aus welchem Jahr die Kompositionen stammen könnten. Jason Lytle, ehemals Sänger bei Grandaddy, ist bei "To Save Me" dabei, die Deschanel beim ungewöhnlich eingängigen "Rave On". Gute, komplett altmodische Songwriter-Platte. Besser mal reinhören, Ryan.
(6) Jan Wigger
Beirut – "March Of The Zapotec / Realpeople: Holland"
(Pompeji Records/Indigo)
Zum insgesamt dritten Mal Material des schwierigen und nicht selten als launisch beschriebenen amerikanischen Balkan-Folk-Experten Zach Condon. Klingt das wirklich noch aufregend? Nach den gelobpreisten Werken "Gulag Orkestar" und "The Flying Club Cup" hat Condon nun die beiden EPs "March Of The Zapotec" und "Realpeople: Holland" zusammengefasst und daraus ein Album gemacht. 11 neue Songs also, von denen die ersten sechs – kaum verwunderlich – mit Hilfe eines kleinen, mexikanischen Beerdigungs-Orchesters eingespielt wurden. Nur selten übersteht man Trauermärsche wie "The Akara" oder "La Llorona" (beide auf "March Of The Zapotec") ohne eine Träne im Knopfloch, wogegen die zum Konzept gemachte elektronische Begleitung auf "Realpeople: Holland" Condons introspektiven Kompositionen den Zauber raubt. Alles in allem eher ein Kann als ein Muss für Beirut-Afficionados.
(6) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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