Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Wer braucht Wohlfühl-Pop von Katie Melua & Co., wenn es schwermütige Songwriterinnen wie Marissa Nadler gibt, fragt Jan Wigger und lobt auch gleich noch die Folksängerin Alela Diane. Andreas Borcholte geht tanzen mit Mando Diao und The Whitest Boy Alive
Marissa Nadler - "Little Hells"
(Kemado Records/Rough Trade, 27. Februar)
An harmloser Hintergrundbeschallung für den nächsten Friseurbesuch fehlt es nicht: Norah Jones, Katie Melua und Dido machen ihren Job und werden auch in absehbarer Zukunft so nebensächlich und egal bleiben, dass niemand sie daran hindern wird, bis zum Jahr 2020 jeweils an der Zehn-Alben-Grenze zu kratzen. Der bittere Geister-Folk auf Marissa Nadlers vierter LP "Little Hells" ist die Antithese zum "Wohlfühl-Pop" ("TV Today") der Gegenwart: Immer verfinstert, niemals folgenlos und so unergründlich wie ein großer, blauer Saphir. Was einmal nackt und reduziert war, wird von der schwermütigen Songschreiberin aus Boston in schwarze Tinte getaucht, was früher einmal Hoffnung brachte, ist heute nur noch ein Schatten der Vergangenheit: "You are a jester and I am an elf/ And I'm sad to the bones that are stocked upon my shelf/ Take me back to the river of dirt."
Songs wie "The Whole Is Wide" oder "Brittle, Crushed & Torn" wird man nur schwer vergessen können, wie ja auch Marissa Nadlers Cover-Versionen von Cohens "Famous Blue Raincoat" (auf "Songs III: Bird On The Water") und Springsteens "I'm On Fire" unvergesslich waren, weil sie sich eine ganz eigene Sprache suchten, statt nur zu den großen Vorbildern aufzuschauen. Es ist, wie das "Spin"-Magazin einmal schrieb: "She will break your diamond heart." (8) Jan Wigger
Mando Diao - "Give Me Fire"
(Vertigo/Universal, bereits erschienen)
Wappnen Sie sich. Bald dröhnt es aus jedem öffentlich-rechtlichen Dudelfunksender für den Rockfan ab 50: "I'm falling in love with your favorite song/ I'm gonna play it all night long/ I'm gonna dance with somebody, dance with somebody/ Dance, dance, dance!" So geht nämlich der erste flächendeckende Top-Ten-Hit von Mando Diao, die demnächst von einfallsreichen Radio-Moderatorinnen garantiert als niedliche, weil blutjunge "Schwedenhappen" bezeichnet werden. Wahlweise auch als die "Jungs aus Borlänge", da kommen sie nämlich her. Der Ort wird in Kürze mindestens so bekannt sein wie Ystad, das ist das Kaff, in dem Kurt Wallander Dienst geschoben hat. Für den jugendlichen Musikfan sind Mando Diao natürlich fast schon so alter Kaffee wie Henning Mankells Kommissar, und wenn eine einst heiß geliebte Band in den Mainstream einbiegt, ist ohnehin erst einmal Trauer angesagt, Abschied vom Geheimtipp. Dabei machen Mando Diao auf ihrem fünften Album gar keine so schlechte Figur, zumal die tatsächlich großartige Single "Dance With Somebody" der einzige Disco-Stampfer ist, den sich die Band erlaubt.
Der Rest ist mehr oder minder das, was man kennt und schätzt: Retro-Rock, der nicht mehr ganz so ruppig ist wie in den ersten Tagen (die Jungs beherrschen ihre Instrumente besser) und sich bei allem bedient, was ein Sixties-Label trägt: Beatles, Slade, Animals, Small Faces, you name it. Das Schönste an Mando Diao: Die wollen nicht cool sein, die wollen einfach rocken und scheuen deshalb auch nicht vor großen Gesten und Bombast zurück, wie im erstaunlichen Schlussstück "The Shining" zu hören. Und jetzt alle: Dance! Dance! Dance! (7) Andreas Borcholte
Alela Diane - "To Be Still"
(Fargo/Rough Trade, 20. Februar)
Wie Joanna Newsom kommt auch Alela Diane aus der Goldgräberstadt Nevada City, doch die Gemeinsamkeiten der zwei befreundeten Musikerinnen enden bereits an diesem Punkt: Viel spröder und konziser sind diese Lieder hier, viel deutlicher ist Alela Diane den traditionellen Spielarten von Folk, Blues und Country verpflichtet. "There are things that I've seen in my head/ While I'm sleeping in bed/ That do not wither in the morning light", beginnt Diane ihr zweites Album, während verhaltene Piano-Tupfer, behutsame Percussion und eine akustische Gitarre in Trauerhaltung erstmal nicht weiter stören wollen. Schon Alela Dianes Debüt "The Pirate's Gospel" wurde Anfang letzten Jahres als unzeitgemäßes Meisterwerk gefeiert, doch kann man mit Recht sagen, dass diese Platte viel zu wenig Leute erreichte. Nun singt sogar Folk-Legende Michael Hurley auf "Age Old Blue" und Dianes Freundinnen Mariee Sioux und Alina Hardin im Background. Interessante Information am Rande: Pete Grant, der auf einigen Songs die Pedal Steel schluchzen lässt, soll Grateful Deads Jerry Garcia selbstlos das Spielen eben dieses Instruments beigebracht haben.
(7) Jan Wigger
The Whitest Boy Alive - "Rules"
(Bubbles/Groove Attack, 27. Februar)
Für alle, die es noch nicht wissen: The Whitest Boy Alive ist die Band, die immer ein bisschen so klingt, als hätte Ricky King mit Air ein cooles Tanzalbum aufgenommen. Das liegt an der glasklaren Gitarre von Erlend Øye. Øye wiederum ist der ehemalige Kopf der Kings of Convenience, die einst als Speerspitze einer kleinen Popbewegung galten, die "Quiet is the new Loud" hieß - wie das Debüt-Album der Band. Schon damals setzte Øye mit sonorer, entrückter Stimme und akzentuiert gezupfter Gitarre Maßstäbe in Sachen musikalischer Konzentration und Reduktion. Allerdings hieß das Genre, in dem der Norweger damals operierte, Folk. Heute lebt Øye in Berlin und überträgt seine Philosophie des Weniger ist Mehr auf die elektronische Musik. Mit dem Debüt-Album "Dreams" schufen The Whitest Boy Alive auf diese Weise eines der besten Pop-Alben von 2006; jetzt muss "Rules" beweisen, dass nicht alles nur Novelty-Effekt war. Schwer genug, doch Øye und seine drei deutschen Mitstreiter öffneten das Konzept sogar noch in eine neue Richtung, setzten analoge Keyboards und Fender-Rhodes-Sounds pointiert ein, um aus dem andächtigen Sonntagmorgen-Sound tatsächlich Tanzmusik zu machen. Um bei Ricky King zu bleiben: Das fetzt.
(7) Andreas Borcholte
The Bishops - "For Now"
(Weekender Records/Indigo, 27. Februar)
Zugegeben: Momentan hören wir von morgens bis abends viel lieber The Devil's Blood als irgendein weiteres zweites Album irgendeiner weiteren britischen Gitarren-Band. Mit den Bishops aus London aber verhält es sich anders: Schon das gleichnamige Debüt-Album war mehr als akzeptabel, wobei man ruhig zugeben darf, dass die Band es mit ihrer Hundeliebe zum Frühwerk der Beatles nicht nur mit "The Only Place I Can Look Is Down" oder "Life In A Hole" etwas übertrieb. Das zweite Bishops-Album "For Now" ist offener und lässt mehr zu: "City Lights" ist ein famoser Einstieg und "Wandering By" bezieht sich - möglicherweise unbeabsichtigt - auch auf amerikanische Künstler wie The Jayhawks und Ken Stringfellow. Der Rest ist grundsolider, melodieverliebter Beat-Pop, der den Bishops als kurzzeitige Vorband des Blödels James Blunt sogar genügend
chicks for free eingebracht haben sollte.
(6) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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