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24.02.2009
 

Neues Prodigy-Album

Die Rückkehr der Rave-Rentner

Von Christoph Cadenbach

Rums, knarz, heul - so in etwa klingt das neue Album von The Prodigy, die sich nach einem Jahrzehnt Funkstille zurückmelden. Was zunächst wie ein Rave-Relikt aus den Neunzigern daherkommt, ist einfach nur ehrlich, laut - und verdammt pubertär.

Der größte popmusikalische Erfolg der Punkrock-Raver The Prodigy war es, Indie-Kids das Tanzen beizubringen. Damals, Mitte der Neunziger, verlief durch deutsche Jugendzimmer, in denen britischer Breakbeat oder Drum'n'Bass noch Fremdwörter waren, eine ideologische Grenze zwischen Dance-Musik und dem Rock-Hip-Hop-Reggae-Komplex. Rage Against the Machine hören und gleichzeitig zu Techno tanzen ging nicht. Die elektronische Musikwelt war für die meisten besetzt von Marusha und Love-Parade-Fatzken wie Charly Lownoise & Mental Theo. Und dann kamen The Prodigy mit ihrem brachialen Mix aus Gitarrenriffs und Rave-Signalhörnern und rissen die Mauern nieder.

Natürlich ist das eine arg subjektive Sicht der Dinge. Aber kaum mehr, als die oft bemühte These, The Prodigy habe der Dance-Musik endlich ein Gesicht verliehen, sie zur Festival- und Konzertmusik gewandelt. Das von Jungle und Reggae inspirierte "Out of Space" (1992), das mit E-Gitarre unterlegte "Voodoo People" (1994) oder der peitschende Charterfolg "Firestarter" (1996) öffneten elektronischer Musik einen neuen, genreübergreifenden Kontext. Ähnliches schaffte vielleicht nur Underworld mit ihrem Beitrag zum "Trainspotting"-Soundtrack "Born Slippy" (1995).

Nicht noch mehr Lahms und Podolskis

Heute gibt es diese Berührungsängste zwischen Rock und Techno nicht mehr, ein Album von The Prodigy ist halt nur noch ein Album von The Prodigy. Doch vermutlich lag es mehr an der kreativen Erschöpfung nach den grandiosen Platten "Music for the Jilted Generation" (1994) und "The Fat of the Land" (1997) und den hunderten Live-Auftritten, dass sich die Band um den Produzenten Liam Howlett in den vergangenen zwölf Jahren äußerst rar gemacht hat. Mit "Always Outnumbered, Never Outgunned" erklang 2004 zwar ein Lebenszeichen, das Howlett im Alleingang auf die Beine gestellt hatte. Zu einem neuen Höhenflug reichte das mäßig spannende Werk allerdings nicht.

Doch nun, 2009, sind Prodigy in alter Besetzung zurück, das heißt als Drei-Mann-Team (nur Gründungsmitglied Leeroy Thornhill fehlt). Und wenn man Howlett und seine beiden tanzenden Sänger Maxim Reality und Keith Flint vor dem Interviewtermin beobachtet, wie sie durch das Grand Hyatt am Potsdamer Platz spazieren, neben einem Grüppchen deutscher Fußballnationalspieler her, die sich hier zufällig auf ein Länderspiel vorbereiten, kommt man nicht umhin zu denken: Lieber drei gepiercte Kerle um die 40 mit Kajal umrandeten Augen, in roten Röhrenjeans und Lederjacken, als noch mehr Lahms und Podolskis, die ja schon mit Anfang zwanzig spießig sind.

The Prodigy sehen nicht nur aus wie zu ihren besten Zeiten, auch die neue Platte klingt, als wäre es 1995: Es rumst und bumst und knarzt und heult in einer Tour. Markant sind vor allem die ersten drei Songs. Das titelgebende "Invaders Must Die" startet druckvoll mit verzerrtem Gitarrenriff und Schlagzeuggekloppe, dass man die Botschaft - "Hallo, wir sind wieder da!" - auch körperlich zu spüren bekommt. "Omen" erinnert mit atonal quietschenden Synthie-Klängen an "Poison". Und das mit einer reduzierten Bassline beginnende, sich dann zum Brachialtrack hochschwingende "Thunder" wird das große Mitsing-Stück des Albums sein, prädestiniert für Live-Auftritte: "I Hear Thunder but there is no Rain."

Sinn ergibt das nicht. Aber Spaß.

Abgeschottet von jeglichen Umwelteinflüssen

Der Rest der Platte ist okay, aber nicht gut genug, um lange im Kopf zu bleiben. Aus der Reihe tanzt nur noch "Stand up", das mit seinem entschleunigtem Big-Beat-Beat und der Gute-Laune-Bläser-Melodie auch von Fatboy Slim stammen könnte.

Im Großen und Ganzen ist es aber so, als hätten sich The Prodigy das vergangene Jahrzehnt einfach eingeschlossen. Neuere englische Musikentwicklungen wie zum Beispiel Dub Step klingen auf "Invaders Must Die" noch nicht einmal an. Die Band funktioniert als selbstreflexives System - abgeschottet von jeglichen Umwelteinflüssen.

"Wir wollten eine Platte machen, die nach uns klingt", sagt denn auch Produzent Liam Howlett. Sein Kollege Keith Flint, schon damals die Rampensau der Band, formuliert das etwas offensiver. "Es war gar nicht die Frage, ob wir diesen Sound benutzen oder reflektieren können. Uns gehört der verdammte Sound!" Einen legitimen Prodigy-Nachfolger hat er die ganzen Jahre nicht ausgemacht. "Hätte es irgendwen gegeben, der jünger, frischer, aufregender als The Prodigy ist, hätten wir aufgehört. So aber mussten wir zurückkommen."

Da vor ein paar Jahren das Label "New Rave" in der Musikpresse aufgekommen ist, und Prodigy als Rave-Band galten, muss natürlich die Frage gestellt werden, ob ihnen vielleicht das Geld ausgegangen sei und sie nun auf besagten Zug aufspringen wollten? "New Rave ist nur eine Marke", sagt Sänger Maxim Reality, "ausgedacht von PR-Menschen, um Platten zu verkaufen". Und Keith Flint pflichtet ihm bei: "Wenn es da eine neue Rave-Bewegung gibt - gut! Wie man das nennt, ist mir aber scheißegal, ob New Rave, Old Rave, No Rave oder Fuck Rave. Fuck Rave wäre eigentlich ganz gut."

Tatsächlich hatten und haben Prodigy wenig mit dem Sound zu tun, den man heute unter New Rave einordnet, mit den Klaxons zum Beispiel. Prodigy klingen vielmehr nach Sirenen, Hammerschlägen und Tarnnetzen, die unter tropfenden Kellerdecken hängen.

Gemessen an den reduzierten, geordneten Strukturen des Minimal Techno oder auch Dub Step mag man das neue Prodigy-Album als unheimlich laut, überladen, ja geradezu pubertär empfinden. Es ist aber, ähnlich wie die kürzlich erschiene Zurück-zu-den-Wurzeln-Platte von Metallica, gleichzeitig auch uneitel und ehrlich.

Gute Hausmannskost sozusagen.


The Prodigy: "Invaders Must Die", erschienen bei Vertigo Be (Universal)

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insgesamt 16 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
25.02.2009 von nicnac72: mal anhören

aber es wird sicherlich nicht so schön wie damals alss die etwas anbetrunken ihre livesets machten. so schön wie früher wirds in der szene niemehr werden. hyperspeed vom experience album oder das death of the prodigy dancers, [...] mehr...

25.02.2009 von s.johnson: Kritik zur Kritik

Wieder ein weiterer unqualifizierter Spiegel-Artikel. Gut, das ist eben kein Musik-Fachmagazin. Hoert man vielleicht tatsaechlich moderne englische eletronische Musik (Dubstep ist ja nun auch nicht der letzte Schrei, auch wenn [...] mehr...

25.02.2009 von Pelayo: !

Unverständlich, wie man sich freiwillig diese eintönigen Geräusche anhören kann. mehr...

25.02.2009 von g.lotzenoff: omen vs. poison

na das ist mal ein gewagter vergleich... die rezension ist sicherlich ok - bloß frag ich mich, ob der autor sich die zeit genommen hat, die alten alben von liam & co genauer unter die lupe zu nehmen. es ist für mich [...] mehr...

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