Von Werner Theurich
Äußerste Stille: Beinahe meditativ mutet das karge Studio von SPIEGEL TV an, als Olivia Jeremias, 30, ihr kostbares Grancino-Cello von 1698 liebevoll aus dem Plastikkasten schält. An diesem Montagabend stehen ihr keine Kollegen zur Seite, die Orchestermusikerin im eleganten schwarzen Kleid ist Solistin, zumindest hier im Studio vor einem Dutzend Zuhörer. Trotzdem ist es ein großes Event: Die Hamburger Philharmoniker spielen verstreut an vielen Orten der Stadt - und doch gemeinsam.
Per Bildschirm koordiniert und dirigiert Chefin Simone Young ihr Orchester, sie schlägt den Takt hoch oben auf der Michaeliskirche am Hafen. Wenn das keine PR-Idee ist! Seit Wochen stehen die hanseatischen Medien Kopf. Und Cellistin Jeremias lächelt ein wenig unsicher - nervös sei sie schon, schließlich habe man das Spektakel in der endgültigen Form nicht proben können.
Vier Spielzeiten ist die junge Meistermusikerin schon beim Philharmonischen Staatsorchester Hamburg, aber ein solch intimes Konzert hat sie noch nie gegeben. Und Jeremias hatte Glück, im wohltemperierten Studio an der Willy-Brandt-Straße zu sitzen. Es hätte auch eine zugige U-Bahnstation, das Dach eines Hochhauses oder ein Sexshop auf der Reeperbahn sein können. Die Locations waren bunt, das Programm klassisch: Johannes Brahms, 2. Symphonie D-Dur op. 73. Tägliches Brot fürs Orchester, hier einmal ganz neu gebrochen.
Besonders windig war's auf dem Kirchturm, wo sich Simone Young wie die Galionsfigur eines breiten Brahmsdampfers den Klangfluten entgegenwarf - die Tempi müssen schließlich sitzen, auch bei Wind und Wetter. Youngs wuchtiger Körpereinsatz und ihr sportiver Dirigierstil wirkten wohl nie passender als unter diesen vollen Segeln. Jeden Schlag des Dirigentinnen-Stockes sieht die Cellistin auf ihrem eigenen Bildschirm, wie auch ihre Kollegen an den anderen Spielorten.
Doch es gibt ein Sicherheitsnetz: Young dirigiert zu einer mitlaufenden CD-Aufnahme der Brahmssymphonie, die auch alle ihrer Musiker im Hintergrund hören. Ganz allein spielen sie also doch nicht - der luftleere Raum wäre auch zu beziehungslos, um noch gefühlvoll interagieren zu können.
Ausgedacht haben sich das Spektakel die Hamburger Werber Jung von Matt, die sich tatsächlich einen Orden für Publicity anheften können: optimale Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, positive Werbewirkung erreicht. Es geht ja auch eher um Werbung, weniger um Kultur, wie auch Cellistin Jeremias sagt, die damit übereinstimmt, dass man in schwierigen Zeiten neue Wege gehen müsse.
Denn die Konkurrenz schläft nicht: Kollege Jeffrey Tate, designierter Chefdirigent der Hamburger Symphoniker, probt seit kurzem live im Internet und erklärt seine Interpretationen online. Da die Zuhörer der klassischen Sparte nicht mehr, sondern eher weniger werden, müssen Schlachten um die Fans eben an ungewöhnlichen Orten geschlagen werden.
Die Hamburger Oper (und ihre Philharmoniker) dagegen erntet für ihre Neuinszenierungen seit einiger Zeit eher sparsamen Beifall. Mehr Image war also gefragt, und die Antwort kam von den Werbeprofis knallhart: nach draußen gehen, in mehrfacher Hinsicht. Bayreuth und Public Viewing lassen grüßen.
Wer die Musiker hörte, der bekam sanfte Kammermusik serviert: die große, mitreißende Brahms-Symphonie auf Zimmerlautstärke, intim, melodisch, delikat. Ein wundersamer Kontrast zum großen Event. "Es war wahnsinnig anstrengend!" stöhnte Olivia Jeremias anschließend. "Man muss sich viel mehr konzentrieren, der Blickwinkel ist so ungewohnt. Und die Zeitverzögerung beim Dirigat zerrt an den Nerven."
Nun ja, es wird wohl ein Unikat bleiben, dieses Konzert. Die "Zweite Brahms" allerdings, gespielt vom Philharmonischen Staatsorchester, kann man demnächst - traditionell aufgenommen, versteht sich - als CD kaufen.
Aha, also noch ein Grund mehr für das Event.
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