Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Was Pop so alles kann: Jan Wigger ist euphorisiert vom neuen Album der Pet Shop Boys und bewundert Peter Doherty für dessen Nacktheit auf seinem Solo-Debüt. Andreas Borcholte entdeckt den Outlaw in Bonnie "Prince" Billy.
Pet Shop Boys - "Yes"
(Parlophone/EMI, 20. März)
Gerade nach den unwahrscheinlichen Auferstehungen von U2 und Phillip Boa gab es keinen wichtigeren Termin als die Ankunft des neuen Pet-Shop-Boys-Albums "Yes". Eben noch hatten Neil Tennant und Chris Lowe uns gedankenversunken mit "Luna Park" und "I Made My Excuses And Left" vom tollen "Fundamental" allein gelassen, nun sind sie zurück, um in "All Over The World" gleichzeitig eine universale Empfindung und ihr eigenes Werk zu erklären: "It's sincere and subjective/ Superficial and true/ Easy and predictable/ Exciting and new." Keine Frage: Statt "Yes" könnte die Platte auch "Yes/No" heißen, bejahen und negieren die elf neuen Stücke die Möglichkeit der Liebe doch gleichermaßen. Liegt es an mir oder eher an dir? Die Mauer, die als Metapher in "Building A Wall" aufgezogen wird, trifft es auf den Punkt: "I'm building a wall/ A fine wall/ Not so much to keep you out/ More to keep me in."
Die folgenden Vergleiche mögen genügen: "Yes" verströmt eine ähnlich unterkühlte Melancholie wie Chris Cunninghams Video zu Björks "All Is Full Of Love", wie Kraftwerks "Radioaktivität", wie Gerhard Richters Gemälde "Ema (Akt auf einer Treppe)". Das formidable "Beautiful People", von Owen Pallett (Final Fantasy) mit distinguierten Streichern begleitet, greift ganz tief ans Herz, "Vulnerable" zwingt selbst den rigorosesten Zyniker in die Knie und "Love Etc." ist eine Single, die es mit "Heart", wenn nicht sogar mit "Se a vida é" aufnehmen kann. Und dann zieht einem das erschütternde, unsagbar großartige "The Way It Used To Be" beide Füße unter dem Boden weg: "What is left of love here that didn't drift away?". Alle Träume zerbrochen, alle Scherben aufgekehrt. "Yes" ist nicht die größte Pet Shop Boys seit "Very". "Yes" ist die größte Pet Shop Boys seit "Behaviour". (10) Jan Wigger
Bonnie "Prince" Billy - "Beware"
(Domino/Indigo, 13. März)
Er hasst sie wirklich, die Presse, sagte Will Oldham neulich dem Magazin "New Yorker", das dem Country-Enigma aus Kentucky eine mehrseitige Reportage widmete. Ungewöhnlich eigentlich, das Landei im Intellektuellen-Blatt? Kaum. Oldham und die Feuilletons vertragen sich schon seit einiger Zeit ziemlich prima, ungefähr so lange wie sich der 38-Jährige Sänger, Songwriter und Musiker Bonnie "Prince" Billy nennt (zehn Jahre!), beschlossen hat, sich nicht mehr zu rasieren und im Glanz seiner Rolle des introvertierten Genies zu baden. "Lie Down In The Light" hieß folgerichtig die Platte, die er letztes Jahr herausbrachte, und in diesem Jahr heißt es eben "Beware", pass bloß auf! Ob nun vor dem Sonnenbrand, den man sich im Blitz- und Rampenlicht holen kann, oder vor dem mit allen medialen Wassern gewaschenen Schelm Oldham: Es bleibt über 13 erstaunlich beschwingte Americana-Weisen sein Geheimnis.
Unfassbar bleiben, das ist des Prinzen größter Spaß im Moment, so scheint es: "It's kind of easy to have your fun/ When you don't belong to anyone", trällert er in "I Don't Belong To Anyone" und amüsiert sich in "You Don't Love Me" königlich über seine eigene Unwiderstehlichkeit: "Sometimes you like the smell of me or how my stomach giggles/ But you don't love me/ That's alright/ Cause you cling to me all through the night", singt er da und hört sich an wie eine rückwärts abgespielte Nummer von John Mellencamp. Geradezu ausgelassen schraubt sich Oldham auf seinem schätzungsweise 15. Album in religiös fiebrige Höhen, fragt schaudernd "Can we find communion again?", um dann am Ende zu jubilierender Querflöte festzustellen: "Afraid Ain't Me" - Angst hat er nicht. Wovor auch? "I Want To Be Your Only Friend" lautet gleich die erste Zeile des ersten Songs, die aber sofort von einem Gospelchor mit der bangen Frage "Is That Scary?" gekontert wird. Billy the Kid Oldham bleibt der große, schillernde Outlaw unter den Superstars. Und so langsam findet er sogar Gefallen daran. (8) Andreas Borcholte
Peter Doherty - "Grace/Wastelands"
(Parlophone/EMI, 13. März)
Irgendwie rührend, wie im Infoschreiben zu "Grace/Wastelands" Gelegenheitshörer dazu aufgerufen werden, ihr Halbwissen über Peter Doherty zu revidieren. Dabei sollte man doch mittlerweile wissen, dass Dummheit grenzenlos ist und sich das Predigen zu Unbekehrbaren, das ohnehin nur Kraft und Nerven kostet, nicht lohnt. Belassen wir es also ruhig dabei: Wer sich Doherty nur mit Nadel im Arm und Crackpfeife im Mund vorstellen kann, hat auch Ray Davies und Bob Dylan nicht verdient und soll ruhig weiter beim täglichen Feierabendbier dahindämmern. Libertines-Abhängigen und anderen Aufnahmebereiten dagegen sei Peter Dohertys erste Solo-Platte wärmstens empfohlen. Weil der Künstler sich auf "Grace/Wastelands" nackter als nackt präsentiert, die Songs freigelegt wurden und aller Ballast abhanden kam, gibt es kaum ein Album mit Doherty-Beteiligung, in dem das Talent des verführerischen Wüstlings heller erstrahlt. Die Suche nach Albion, dem alten England, hat Peter niemals aufgegeben, und so scheint auch der Schluss von "Last Of The English Roses" noch einmal das historisierende Debüt von The Good, The Bad & The Queen zu kommentieren, während "1939 Returning" wie ein Stummfilm beginnt. Auch "New Love Grows On Trees" und "Lady Don't Fall Backwards" sind wundervoll, während "Sweet By And By" alten Erinnerungen mit Libertines-Kumpel Carl Barât nachhängt: "It's so long ago/ When we first hit the road/ I remember those earliest shows." Ob Doherty Jackson Brownes "The Load Out" kennt? Es wäre ihm zuzutrauen.
(8) Jan Wigger
AK-Momo - "Return To N.Y"
(Peacefrog/Rough Trade, 20. März)
In Zeiten musikalischer Gewöhnlichkeit dürstet es uns nach jenseitiger Musik, nach Platten, die zumindest irgendetwas mit New York zu tun haben und nach adligen Namen wie Anna Karin von Malmborg, die auf AK-Momos "Return To N.Y" singt wie Alison Goldfrapps verrücktes Mündel. Es wird vermutlich nicht weiterhelfen, aber das Duo AK-Momo klingt ein wenig wie The Tiny - eine andere schwedische Band, deren noch gar nicht so altes Album "Starring Someone Like You" belegte, dass sie die Welt, wie wir sie kennen, schon längst verlassen hatten. AK-Momo setzen bei "Women To Control" und anderen Liedern das geliebte Mellotron ein, das The Zombies und Procol Harum einst so denkwürdig machten, doch das Duo schaut in Wahrheit nur selten zurück. Und könnte "Only The Stars" nicht auch ein Outtake der Beth Gibbons & Rustin Man-LP "Out Of Season" sein? Wir glauben ausnahmsweise der Plattenfirma: Listen and faint.
(7) Jan Wigger
Voltaire - "Das letzte bisschen Etikette"
(Voltaire Music/Rough Trade, 20. März)
Deutsches Los, schweres Los. Wer heutzutage die Landessprache nutzt, muss sich verbindlich entscheiden: Jochen Distelmeyer oder Heinz Rudolf Kunze? Rio Reiser oder Stefan Stoppok? Barfuß oder Lackschuh? Roland Meyer de Voltaire und Band benutzen auf dem zweiten Album "Das letzte bisschen Etikette" Worte wie "Kotzen" und "Scheiße" ("Warum fühl' ich mich so scheiße?"), aber in "Die gute Art" auch den Scissor-Sisters-Hit "Laura", auf dass es niemand (oder jeder) merken möge. Der Prolog "Ganz normal" glänzt mit Trübsal-Gitarren, wie man sie von frühen Cat-Power-Platten und Two Dollar Guitar kennt, und überhaupt muss man den eher internationalen Ansatz von Voltaire, der auch den Brit-Pop der Neunziger nicht auslässt ("Was ich will"), lobend hervorheben. Manches krankt aber auch an zu viel Ehrgeiz und den schmerzhaft direkten Lyrics, die Gisbert zu Knyphausen auf seinem Debüt besser hinbekam.
(6) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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