SPIEGEL: Mr. Lowe, Mr. Tennant, in "Love etc.", der ersten Single Ihres neuen Albums, singen Sie: "Man braucht kein Superauto, um es weit zu bringen/ Man braucht kein Leben der Macht und des Reichtums zu leben". Ist das Pop in Zeiten der Rezession?
Tennant: Das haben wir geschrieben, bevor die große Krise losging. Da blubberte sie gerade erst ein bisschen. Aber ja: Es ist falsch zu glauben, wir könnten uns aus der Krise herausshoppen. Es ist falsch, langweilig und unbefriedigend, dem Konsum und der Celebrity-Kultur eine derartig unglaubliche Wichtigkeit zuzusprechen, wie das in den letzten Jahren der Fall war.
SPIEGEL: Pflegt die Popkultur nicht ein intimes Verhältnis zum Konsum?
Tennant: Absolut. Aber man muss die Dinge auseinander halten. In den sechziger oder achtziger Jahren war es auch Teil des Pop, die Konsumkultur zu kritisieren, selbst wenn das oft ziemlich heuchlerisch schien.
SPIEGEL: Damals hieß es in einem Ihrer Songs: "Lass uns eine Menge Geld verdienen."
Tennant: In den Achtzigern haben wir die Banalität des Konsums gefeiert. Darum geht es doch: etwas zu kaufen, das man nicht braucht. Um die eigene Existenz zu verjüngen. Ich mag nicht mehr shoppen.
Lowe: (lacht) Ach, komm – gelegentlich ein Sportwagen ...
SPIEGEL: In einer Umfrage hat unlängst eine Mehrheit der befragten Engländer auf die Frage nach ihrer Lieblingsbeschäftigung geantwortet: Shopping. Was ist schief gegangen im stolzen Britannien?
Tennant: Wir waren schon immer die trashigeren Europäer. Ich glaube, dass sich der Begriff von Reichtum in den letzten Jahren grundlegend verändert hat. Das hat viel mit den Oligarchen aus der ehemaligen Sowjetunion zu tun, die sich mit ihren riesigen Vermögen in London niederließen. Diese Leute haben die kulturellen Maßstäbe für das verändert, was es bedeutet, reich zu sein. Auf einmal waren vormals reiche Leute nicht mehr reich. Hast du einen Privatjet? Hast du Milliarden oder nur Millionen? Kannst du dir einen Fußballclub kaufen? Solche Fragen hatten großen Einfluss in den Chefetagen von Großkonzernen und auf die Art und Weise, wie über die Wirtschaftswelt berichtet wurde. Auf einmal sah es so aus, als sei ein Unternehmen nur noch ein Spielzeug in den Händen einer Gruppe von cleveren Leuten an der Spitze. Und die vermittelten den Anschein, als sei das Unternehmen ohne sie nichts wert.
SPIEGEL: Diese Entwicklung begann doch schon unter der liberalen Marktmissionarin Margaret Thatcher.
Tennant: Nein, diese Geschäftskultur gab es in Großbritannien vorher nicht. Das fing in den Neunzigern an. Wenn man vorher Chef eines Großunternehmens war, hatte man ein Haus und eine Ferienwohnung und einen Rolls-Royce mit Fahrer. Das war eine andere Kultur als die der Neureichen.
SPIEGEL: Die englische Elite hatte immer schon Stil?
Tennant: Sicher. Aber das Faszinierende ist doch, wie der Rest der Öffentlichkeit anfing, sich an dieser neuen Kultur des Reichtums zu orientieren. Jeder ging shoppen, als wäre er reich. Überall hat sich etwa die Überzeugung durchgesetzt, dass man Kleidung nur noch für eine Saison kauft. Das ist ursprünglich ein Haute-Couture-Gedanke. Das haben die Leute früher nicht getan. Diesen kulturellen Gezeitenwechsel finde ich sehr ärgerlich. Was ist aus der guten alten Sparsamkeit geworden?
SPIEGEL: Konsum ist Bestandteil der Globalisierung. Daran ist doch nicht alles schlecht. Die Reiselust zum Beispiel – die Billigflieger haben Europa zusammengeführt.
Tennant: Ich verstehe das Geschäftsmodell dieser Gesellschaften nicht. Ich habe mich vor einigen Jahren mit meiner Putzfrau gestritten, die sagte, sie würde für neun Pfund nach Prag fliegen. Ich habe gesagt, dass das verboten werden sollte.
SPIEGEL: Aber die Städte sind wesentlich internationaler geworden.
Tennant: Das stimmt. Die Briten mochten Fremde eigentlich nie. Wie die Deutschen, die den Ausländern ja auch nie viel abgewinnen konnten. Das ist heute anders. Ein Spanier kann in einem britischen Dorf herumspazieren, ohne für exotisch gehalten zu werden. Das ist eine große Errungenschaft.
SPIEGEL: Der amerikanische Schriftsteller Jay McInerney hat vor kurzem geschrieben, er freue sich auf die Rezession, weil sie einen positiven Effekt auf die Kultur haben werde. Sehen Sie das auch so?
Tennant: Das ist leicht gesagt, wenn man keine Geldprobleme hat.
Lowe: Aber nicht für jemanden, der gerade seinen Job verloren hat. Das sind ja nicht nur ein paar Leute, ganze Regionen sind betroffen.
SPIEGEL: Historisch waren wirtschaftlich schwierige Jahre, etwa zwischen den zwei Weltkriegen, oft kulturelle Blütezeiten.
Tennant: Weil die Menschen dem Alltag entfliehen wollen. Wir haben ja die Theorie, die Pet Shop Boys könnten die Gewinner der Rezession sein.
Lowe: Weil wir eskapistische Popmusik machen. Zu der man tanzen kann. Wenn die Geschäfte gut laufen, tendiert man eher zur Introspektion. Oder zum Aussteigen.
Tennant: Die Hippies waren ja im Grunde ein Wohlstandsphänomen.
Lowe: Ein anderes Beispiel: Disco. New York war eine bankrotte Stadt in den Siebzigern. Und hatte das beste Nachtleben, das man sich vorstellen kann, die beste Musik.
Tennant: Wir haben in den vergangenen Jahren in einer Traumwelt gelebt und geglaubt, dass es ewig bergauf geht. Ich hoffe, die Leute kommen wieder in der Realität an.
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Hm, ich kann meinem Vorredner da nicht zustimmen. Klar, in den 80ern waren die Pet Shop Boys (PSB) _die_ ganz große Nummer mit Krachern wie "It's a sin" oder "Suburbia", hielten sich auch in den 90ern mit dem [...] mehr...
80s Nostalgie - alles schoen & toll. Wer aber braucht denn ein weiteres Pet Shop Boys Album? Gute down-to-earth Ansichten zweier wohl altersmaessig entspannten Multi-Millionaere aus England. Ich finde die ja auch nett aber [...] mehr...
Sind die zwei nicht prima ? Sehr scharfe Beobachtungsgabe ! mehr...
Leider gibts zu wenige Menschen wie Neil und Rob auf dieser Welt. mehr...
Was für ein Vergnügen, dieses Interview zu lesen! Kluge Menschen mit Humor, das hat absoluten Seltenheitswert - nicht nur in der Branche. mehr...
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