SPIEGEL: Haben die Charts mit dem Niedergang der Single-Platte an Bedeutung verloren?
Tennant: Nein. Die Single ist zurück. Sie heißt nur Download. Das, was es nicht mehr gibt, ist eine Fernsehsendung wie "Top of the Pops", in der die Charts gefeiert wurden. Wenn eine Sängerin wie Duffy heute auf Nummer Eins ist, so ist das kein Event mehr. Viele Popstars sind unsichtbar geworden. Ich weiß gar nicht, wie manche Stars aussehen, die in den vergangenen Jahren in den Charts waren. "Top of the Pops" war die Krönungszeremonie, für die, die die Spitze der Charts erklommen hatten. Das gibt es nicht mehr.
SPIEGEL: "Yes" ist Ihr zehntes Studioalbum. Sie sind seit rund 25 Jahren im Geschäft. Wollen Sie noch mal an die Spitze?
Tennant: Ja, sicher.
SPIEGEL: Sind Sie deshalb mit dieser Platte zu dem Starproduzenten Brian Higgins gegangen?
Tennant: Nein. Wir gehen zu einem Produzenten, weil wir Songs geschrieben haben und wir jemanden brauchen, der daraus fertige Stücke macht. Wir suchen uns den, der am besten passt. Diesmal war es Brian Higgins. Unsere neuen Songs sind wesentlich poppiger als die letzten.
Lowe: Die Charts spiegeln ja nicht nur die Welt der Musik. Sie sind ein Wettbewerb. Das ist so wie der Eurovision Song Contest. Du machst mit, um zu gewinnen.
Tennant: Es sei denn, du bist britisch. Dann gehst du hin, um zu verlieren.
SPIEGEL: Higgins produziert ansonsten Girls Aloud, eine der erfolgreichsten britischen Girlgroups. Die kennt aber außerhalb von Großbritannien kaum jemand. Warum?
Tennant: Tja, alles wird globalisiert – ausgerechnet der Pop ist lokalisiert worden. Auf die Gefahr hin, mir selbst zu widersprechen: Das ist überhaupt nicht gut. Der Grund, warum niemand in Deutschland Girls Aloud kennt, ist ganz einfach: Sie sind nicht auf dem deutschen Markt angekommen. In den Achtzigern wären sie sofort auf dem Cover von Magazinen wie "Bravo" oder "Pop/Rocky" gelandet.
SPIEGEL: Was hat sich verändert?
Tennant: MTV hat sich verändert. Am Anfang gab es MTV Europe. Das hatte seinen Sitz in London, glücklicherweise für uns Briten. Dann spaltete sich MTV in nationale Sender auf. Man entschied sich gegen die Globalisierung. Die Marke MTV ist zwar überall die gleiche, das Unternehmen auch. Aber der Inhalt wurde national ausgerichtet.
Lowe: Jedes Land baut jetzt seine eigenen Stars auf. Deutschland hat seine eigenen Girlbands, seine eigene Castingshow. Wir kriegen Ihre nicht, dafür verschonen wir Sie mit unseren.
Tennant: Seit Anfang der Neunziger werden die lokalen Abteilungen der Musikkonzerne angehalten, nationale Künstler unter Vertrag zu nehmen. Das verhindert, dass Künstler international zu einem erfolgreichen Act aufgebaut werden.
SPIEGEL: Das ist doch verrückt. War Popkultur, gerade die britische, nicht immer die Speerspitze der Globalisierung?
Tennant: Die Plattenfirmen haben aufgehört, global zu denken. Wir gehören zu der vorletzten Generation von britischen Popstars, die, wenn sie einen Hit hatten, als erstes in ein Flugzeug nach Köln gesetzt wurden. Nach uns kamen nur noch die Generation der Boygroups – Take That und East 17.
Lowe: Unser erster Fernsehauftritt war in Belgien. Und nicht mal in Brüssel. In Ostende.
Tennant: Mit "West End Girls".
Lowe: Ein großes Thema bei den Ostend Boys.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, sie hätten das Gesamtprojekt Pet Shop Boys gerne wie einen exklusiven Club, wo Sie sich die Mitglieder aussuchen können. Kann man heute ein Popstar sein, ohne täglich in den Boulevardzeitungen vorzukommen?
Tennant: Ich denke schon. Aber es ist schwierig.
SPIEGEL: Mr. Tennant, Sie waren Musikjournalist, bevor Sie anfingen, selbst Musik zu machen. Wie sehen Sie die Karriere einer Sängerin wie Amy Winehouse? Hat ihr Celebrity-Status sie nicht zerstört?
Tennant: Man muss genau hinschauen. Amy Winehouse hat viele Platten verkauft, ohne dass jemand sie kannte. Die Berühmtheit folgte später. Nehmen Sie die Band Coldplay. Ihr Sänger Chris Martin ist mit Gwyneth Paltrow verheiratet. Als wir bei den Brit Awards waren, unterhielt ich mich nach der Show mit Gwyneth Paltrow, und irgendwann war sie weg. Ich wunderte mich: Warum ist sie ohne Chris Martin gegangen? Dann wurde mir erklärt, dass sie nicht zusammen gehen, damit sie nicht zusammen fotografiert werden können. Sie wollen am nächsten Morgen nicht in den Zeitungen erscheinen. Privatheit kann also gewahrt werden, wenn man will. Chris Martin und Gwyneth Paltrow sind berühmt, auch als Paar. Aber sie haben ihre Sichtbarkeit auf ein Minimum reduziert.
SPIEGEL: Sie haben selbst Erfahrungen mit der Kehrseite des Ruhms gemacht. Sie wurden von einer Stalkerin verfolgt.
Tennant: Immer noch. Jetzt gerade. Sie schickt mir Nacktfotos. Zuerst war diese Frau hinter mir her, die immer Ballons vor meinem Fenster plazierte. Und als ich die endlich los wurde, tauchte die Neue auf.
SPIEGEL: Wie muss man sich das mit den Ballons vorstellen?
Tennant: Jeden Morgen, wenn ich aufstand, schwebten Dutzende von Ballons vor meinem Fenster.
SPIEGEL: Stand was drauf?
Tennant: Nein. Die waren nur da. Die Message war: Ich bin in deinem Leben. Und das stimmte. War sie. Jeden Morgen.
SPIEGEL: Dabei machen Sie kein Geheimnis aus Ihrer Homosexualität.
Tennant: Das ist egal. Die Stalkerinnen denken immer, das sei etwas, das gelöst werden kann.
SPIEGEL: Was machen Sie denn mit Ihrer Post? Viele würden die sicher gerne aus dem Mülleimer fischen.
Tennant: Ich schmeiße keinen Brief weg, der nicht zerschreddert wäre. Das geht gar nicht mehr anders. Der Rest wandert in den Hausmüll. Da hat lange niemand mehr drin gewühlt. Das geht ja auch direkt ins Recycling.
Lowe: Ich kann nicht verstehen, warum Deutschland beim Recycling so viel weiter ist als Großbritannien. Es ist doch so einfach, den Müll zu trennen.
Tennant: Der grundlegende Unterschied zwischen England und Deutschland ist ein anderer: Bei Ihnen sind die Geschäfte am Sonntag geschlossen. Sie sagen: An einem Tag in der Woche wird nicht eingekauft. Wenn man das in England machen würde, bräche Panik aus.
Lowe: Als wir das erste Mal in Deutschland waren, haben die Geschäfte schon Samstag mittags zugemacht.
Tennant: Bei aller Konsumkritik: Das war wirklich zuviel des Guten.
SPIEGEL: Mr. Lowe, Mr. Tennant, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview führten Thomas Hüetlin und Tobias Rapp
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