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08.04.2009
 

Oster-Oratorium

Passion der Passion

Von Kai Luehrs-Kaiser

Osterspaß der dritten Art: René Jacobs entdeckt in Telemanns "Brockes-Passion" das Werk eines großen Optimisten - und befreit den Komponisten von dem Ruf, ein Lieferant musikalischer Meterware gewesen zu sein.

Ach, wir armen Büßer! Die fällige Trostspende zur Osterzeit machen wir nur allzu oft abhängig von der aktuellen Ausschüttung von Bach-Passionen. Zwar warten Konzerthäuser und CD-Läden auch in diesem Jahr mit einem Schwung von Johannis-Passionen auf. Opernhäuser pflegen ihre angestaubten Parsifal-Inszenierungen wieder in den Vorverkauf zu recyceln. Wer sich aber einmal an etwas Neuem erbauen möchte - und wenn dies auch etwas ganz Altes sein sollte -, für den gibt es diesmal eine neue Doppel-CD des großartigen Alte-Musik-Dirigenten René Jacobs.

In Georg Philipp Telemanns "Brockes-Passion", einem Osterspaß der dritten Art, befreit Jacobs den Magdeburger Meister von dem Klischee-Ruf, ein Lieferant musikalischer Meterware gewesen zu sein. (Keiner hat mehr komponiert als er.) Die atmosphärische Dichte, die Fülle staunenswerter Details und eine wunderzarte Virtuosität der Akademie für Alte Musik und des formidablen RIAS-Kammerchors sorgen in der Neuaufnahme für eine so unverwechselbare Klangsprache und Aufgekratztheit, wie sie im Barock so nur die deutsche Tradition kennt.

Man hört noch die Spuren des Meißels, mit dem die Nähte behauen und die derbe Leinwand angerissen wurde. Der Griffel ächzt. Der Dreck hat Spuren hinterlassen. Deutsche Barockmusik - außer bei Bach - klingt zumeist schmutziger, erdiger als der britisch zeremoniöse Händel, die reifrockigen Franzosen oder der hypervirtuose Vivaldi. Und diesen deutschen Tonfall hat niemand so gut drauf wie der belgische Riese René Jacobs.

Bei seiner dramatischen Aufmöbelung kann Jacobs freilich noch einen anderen Joker vorweisen. Der Oratoriumstext mit dem vollständigen Titel "Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus" stammt von niemand anderem als dem wunderlichen Hamburger Barockautor Barthold Heinrich Brockes - unter Eingeweihten noch heute beliebt für sein "Irdisches Vergnügen in Gott", ein gereimtes, optimistisches Kampf-Traktat, das in der Kulturgeschichte nicht seinesgleichen hat.

Für Brockes barg jeder Osterspaziergang, jedes Verweilen in der Natur das Erlebnis eines emphatischen Gottesbeweises. Wie ist es nur möglich, so räsoniert Brockes, dass gerade im Sommer die Kirschen wachsen, wo wir Menschen Durst haben? Wie kann alles so schön und herrlich beschaffen sein, wenn es nicht ein Schöpfer genau so eingerichtet hätte? Das Schöne, Geschaffene, schau es an! Dieser "physicotheologische" Gottesbeweis dürfte bis heute der einzige sein, der wirklich funktioniert.

Telemann selber nannte den Passionstext des ihm freundlich verbundenen Brockes "unverbesserlich". Tatsächlich erfreute sich Brockes im frühen 18. Jahrhundert eines dermaßen überwältigenden Erfolges, dass allein vom diesem Passionstext 13 zeitgenössische Vertonungen nachweisbar sind (außer von Telemann u.a. noch von Händel, von Reinhard Keiser, Mattheson und Stölzel).

Man mag einwenden, dass René Jacobs, von vielen als der wichtigste Operndirigent der Gegenwart eingeschätzt, seine neueste Ausgrabung zu sehr aus seinem privaten Adressbuch besetzt hat. Die leicht keifige Birgitte Christensen, der etwas belegt singende Daniel Behle (Evangelist) ebenso wie der tönende Johannes Weisser (Jesus) sind, gemessen am gut sortierten Markt heutiger Barock-Solisten, nicht unbedingt erste Wahl. Marie-Claude Chappuis und die hymnisch ausleitende Lydia Teuscher dagegen schon. (Leider weist das Beiheft nur unzureichend aus, wer was singt.)

Dennoch, wer inmitten von Karfreitags-Tristesse den letzten Optimisten der Weltgeschichte entdecken will, greife zu dieser herrlichen Aufnahme! Mit René Jacobs stammt sie von einem der wenigen Dirigenten, der jedes Mal, wenn er mit etwas Neuem kommt, eine echte Entdeckung gemacht hat.


CD Georg Philipp Telemann: "Brockes-Passion" (Solisten, RIAS-Kammerchor, Akademie für Alte Musik, Ltg. René Jacobs). 2 CDs, Harmonia Mundi France HMC 902013.14.

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08.04.2009 von Helmer: Gratuliere,

das hat funktioniert. 15,85 Euro ärmer und einen Download reicher war die Werbung wenigstens nicht irreführend :). mehr...

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