Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Metallisch, schwermütig, zerquält: Depeche Mode werden in Deutschland so innig geliebt, dass Andreas Borcholte ihnen nach Hören des neuen Albums vorschlägt, einen Einbürgerungstest zu beantragen. Jan Wigger trauert dem Rock'n'Roll-Versprechen von Art Brut nach.
Depeche Mode - "Sounds Of The Universe"
(Mute/EMI, 17. April)
Vor ein paar Wochen, bei der Echo-Verleihung in Berlin, konnte man live erleben, welchen Stellenwert Depeche Mode in Deutschland haben: Anders als U2, die zu Beginn der Show gespielt hatten, wurden die drei verbliebenen Elektropop-Veteranen aus Basildon schon mit frenetischem Jubel begrüßt, als sie noch im Schatten der Bühnendeko standen. Die arme Stefanie Heinzmann, die sich gerade für ihren Preis bedankte, wurde glatt niedergekreischt. Deutschland und Depeche Mode, das ist eine Lovestory, die schon 1981 mit dem naiven Gehopse von "Just Can't Get Enough" begann und sich richtig vertiefte, als die Briten ihr Faible fürs Schwermütige entdeckten. Da können wir Teutonen mitreden, das kennen wir gut! Deshalb gelten metallisch-statische Depri-Brocken wie "Personal Jesus" vom allseits geliebten "Violator"-Album besonders hierzulande als ewige Definition des Depeche-Mode-Sounds. Im Klartext heißt das: Seit 1990, als das Album erschien, darf sich eigentlich nicht mehr viel ändern. Dass Depeche Mode es geschafft haben, trotzdem noch knapp 20 Jahre erfolgreich zu bleiben und innig geliebt zu werden, mag verblüffen. Aber wir halten ja schließlich auch Peter Maffay die Treue. Oder Fury In The Slaughterhouse.
Und nun also die neue Platte: "Sounds Of The Universe", das klingt erst mal ganz schön universell - und ebenso offen, weiträumig und unentschlossen klingt das Album auch. Schon entbrennt in den zuständigen Foren der Wettstreit der Hardcore-Fans, wie oft man die neuen Songs gehört haben muss, um kompetent zu urteilen (oder sie endlich gut zu finden). Die Single "Wrong" war ein guter Appetizer, aber aufs Album umgelegt eine Mogelpackung: So konsequent, so retroselig, so düster und so gut zeigen sich Depeche Mode in keinem anderen Song, ein Problem, das schon auf dem vorletzten Album "Exciter" auftauchte. Das letzte Werk, "Playing The Angel", hatte dann noch nicht einmal das - eine funktionierende Single. Doch man will nicht unfair sein: Vieles ist gelungen, manches sogar brillant. "Miles Away/The Truth Is" ist ein phantastischer Popsong, der nach mehrmaligem Hören aufblüht und duftet. Geschrieben wurde er übrigens von Sänger Dave Gahan, der sich hier neben Martin L. Gore als Co-Songwriter weiter profiliert. Auch "Hole To Feed", ein schleppender, elektronischer Grunge-Rock, ist ihm gut gelungen. Gore punktet mit der rostigen Rasselkette des Openers "In Chains" und der Ballade "Jezebel". Vieles aber bleibt bloßes Füllwerk und weit hinter dem Material jüngerer Alben wie "Ultra" zurück. Ach, wäre es doch wieder 1990. "There's a fragile tension/ That's keeping us going/ It may not last forever/ But oh when it's flowing", heißt es in "Fragile Tension". Das bezieht sich wohl auf den lange rumorenden Konkurrenzkampf zwischen Gahan und Gore, der immer wieder diese zerquälten, nach Sinn und Seele schürfenden Songs hervorbringt. Man fragt sich, warum die Jungs noch keinen Einbürgerungstest beantragt haben. (6) Andreas Borcholte
Art Brut - "Art Brut vs. Satan"
(Cooking Vinyl/Indigo, 17. April)
Ja, ja, die in Sprache gegossenen Unpässlichkeiten und Sottisen des sentimentalen Erinnerungskünstlers Eddie Argos sind immer noch originell und komisch: "I fought the floor and the floor won", "The record buying public shouldn't be voting", "I can't get no satisfaction/ I've got an itch that I can't stop scratching." Der oft genug anrührende Argos hängt an den Dingen: Am öffentlichen Nahverkehr, am Alkohol, am Mädchen, das er aus Angst nur von weitem bewunderte und neuerdings auch an den Replacements, die er - soll man es glauben? - erst kürzlich kennenlernte: "I hope I've finally found a band that's not gonna let me down." Das dachten wir auch alle, als 2005 das brillant getextete und wie im Rausch eingespielte Art-Brut-Debüt "Bang Bang Rock & Roll" erschien und plötzlich alles möglich schien. Unsterbliche Erkennungszeile: "I've seen her naked TWICE!"
Was ist geblieben? Auf der dritten Brut-LP herrscht die große Langeweile, denn musikalisch sind die Ideen längst aufgebraucht: Im immer gleichen Tonfall sprechsingt sich Eddie Argos durch elf angeblich neue Songs, die die einst so genial einfache Idee von "Formed A Band", "Good Weekend" oder "Emily Kane" bestenfalls variieren. Argos, der hoffentlich noch nirgends erzählt hat, dass seine Band mit "Art Brut vs. Satan" das beste Album ihrer Karriere gemacht hat, sollte umdenken: Gedichtbände schreiben, Essays veröffentlichen, vielleicht Hofnarr der britischen Königin werden. Und im Hintergrund läuft "Modern Art". (4) Jan Wigger
Camera Obscura - "My Maudlin Career"
(4AD/Beggars/Indigo, 17. April)
"My Maudlin Career", ein Album-Titel wie gemalt. Morrissey und Belle & Sebastian stecken bereits drin, und natürlich muss man auch an Lloyd Cole denken, dem Camera-Obscura-Sängerin Tracyanne Campbell auf der letzten Platte "Let's Get Out Of This Country" arg verspätet auf seinen Song "Are You Ready To Be Heartbroken?" aus dem Jahr 1984 antwortete: "Jaelousy is more than a word, now I understand/ I know you can stay a girl by holding a boy's hand/ Hey Lloyd, I'm ready to be heartbroken." Auch "My Maudlin Career" taucht ein ins Schöne, Pittoreske, doch nie ohne Wehmut: Kein Kuss auf die Stirn, der nicht mit einer Gehirnerschütterung endet, kaum ein Schluck Whisky, der keine Erinnerungen an bessere Tage zu zweit weckt. Und überhaupt: "Drinking has never been the same again." Camera Obscura sind große Stilisten und sie haben nichts gegen Nostalgie - so wie Lloyd Cole, Morrissey und Belle & Sebastian. Herz gebrochen, Spaß dabei.
(7) Jan Wigger
Au Revoir Simone - "Still Night, Still Light"
(Cooperative Music/Universal, 24. April)
Viel zu spät und dennoch bedauerlich: Die Band Stereolab hat sich allem Anschein nach erst mal aufgelöst. Nicht dass Heather D'Angelo, Erika Forster und Annie Hart von Au Revoir Simone etwas damit zu tun gehabt hätten, doch mindestens "Sad Song" und "Fallen Snow" vom angenehm harmlosen Debüt "The Bird Of Music" erinnerten dann doch an das unaufgeregte Spätwerk der Londoner Neu!-Besessenen. "Still Night, Still Light", die zweite Platte, will deutlich mehr: Die quietschenden Orgeln auf "Knight Of Wands", der Überschwang in "Anywhere You Looked" und das scheue "All Or Nothing", dessen Strophe man so oder so ähnlich noch einmal hören kann: In Radioheads "High And Dry". In "The Last One", ohne Beat und ohne Puls, wird es dann ganz schnell ganz still, doch etwas glimmt da noch, solange bis "Trace A Line" beginnt: "You'll be the end of me." Doch, ein Liebeslied.
(7) Jan Wigger
Ribbons - "Royals"
(Osaka/Cargo Records, bereits erschienen)
In regelmäßigen Abständen, ja mindestens alle zwei Wochen wurden wir per Post penetrant aufs Neue mit dem Projekt "Nobelpenner" ("Meinten Sie Nibbelpeter") behelligt. Irgendwann wimmelte es nur so von Nobelpenner-CDs, und die wunderbar gezeichneten Augenpaare auf der still in der Ecke liegenden Ribbons-CD "Royals" blickten fortan noch etwas misstrauischer. Wir nahmen uns der Platte an und hörten sie den ganzen Tag. Ergebnis: Sollte Thom Yorke eines fernen Tages die steile Treppe in den Untergrund hinabsteigen, weil ihm seine jüngsten Aufnahmen als zu leicht konsumierbar erscheinen, läge ein Zwischenwerk wie "Royals" im Bereich des Möglichen. Es verwundert also nicht, dass Ribbons-Kopf Jherek Bischoff am besten Xiu-Xiu-Album "Fabulous Muscles" beteiligt war und einen besonders deprimierenden "Royals"-Track "Miu Miu" nennt. Wer in den splitterigen Strukturen von "Automatism" und "All I Was" das Populäre findet, kann gern "Experimental Pop" dazu sagen.
(6) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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