ThemaAbgehörtRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
28.04.2009
 

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Auf Teufel komm raus: Der Münchner DJ-Veteran Hell legt mit seiner neuen Doppel-CD ein Opus Magnum teutonischer Techno-Tradition vor, staunt Andreas Borcholte und nennt Bob Dylan einen alten, aber zähen Köter. Jan Wigger hält Maximo Park die Stange und freut sich übers Bierbeben.

Hell - "Teufelswerk"
(International Deejay Gigolo Records/Rough Trade, 1. Mai)

Geräusche im Bunker, entfernte Schüsse, Explosionen. Dann ein elektronischer Loop, der wie eine Utopie der siebziger Jahre klingt, der einen aus den feuchten, finsteren Tiefen führt. Glockenhelle Klangtupfer schließlich, wie Lichtstrahlen. Hinaus, hinaus, aus dem schweren Schatten der Geschichte auf die Autobahn - in ein moderneres Land. Das ist ungefähr das Spektrum der Metaphern, das die ersten Minuten von Hells Doppelalbum "Teufelswerk" abdeckt. Der erste Track auf der Tages-Seite der in "Day" und "Night" unterteilten Platte heißt "Germania", und das muss man sich erstmal trauen. Aber Helmut Geier, der inzwischen 46 Jahre alte Star-DJ aus München, ist noch nie angetreten, um kleine Techno-Brötchen zu backen. "Teufelswerk", das sechs Jahre nach Hells letztem Studio-Album "N.Y. Muscle" erscheint, ist tatsächlich sein Opus Magnum, ein Elektronik-, ein Techno-Werk, das dem traditionellen Begriff eines persönlich gefärbten Singer/Songwriter-Album nahe kommt, ohne wirklich das Terrain zu verlassen. Vor allem auf der Tages-Seite greift Hell ganz tief zu seinen eigenen Wurzeln, zitiert und zelebriert Kraftwerk, Can und Neu!, um sich selbst zu erden, aber auch, so scheint es, um eine Art Enzyklopädie deutscher Elektro-Musik zusammenzustellen.

"The Angst", treffenderweise gleich über zehn Minuten lang und mit einem zweiten Teil, "The Angst, Pt. 2", versehen, entwirft einen angemessen teutonischen Beklemmungskosmos, der sich im Zuge der weiteren "Day"-Stücke jedoch in Wohlgefallen auflöst. Kein Wunder, der österreichische Lounge-Spezialist Peter Kruder hat produziert. Auf der Nachtseite des Albums wird natürlich getanzt. Chicago House und Detroit Techno stehen Pate, und im Popsong "U Can Dance" singt Stilikone Bryan Ferry. HipHop-Mogul P.Diddy darf in "The DJ" ein launiges Plädoyer für die 20-Minuten-Version halten, während in "Bodyfarm2" und "Electronic Germany" wieder die minimalistischen Tanztugenden aus München, Frankfurt, Düsseldorf und Berlin beschworen werden. "Teufelswerk" ist in erster Linie persönliche Bestandsaufnahme. Aber auch als innige Verbeugung vor einem der wenigen originären Pop-Genres, die Deutschland hervorgebracht hat, taugt dieses grandiose Doppelalbum. Geräusche im germanischen Bunker, das sind längst nicht mehr nur die Echos von Nazi-Wahn und Biedersinn, sondern vor allem modernstes Nightclubbing. Hell yeah! (8) Andreas Borcholte

Maximo Park - "Quicken The Heart"
(Warp/Rough Trade, 8. Mai)

Die songschreiberische Brillanz von "A Certain Trigger" und das Pop-Versprechen "Our Earthly Pleasures" trafen den geneigten Maximo-Park-Hörer noch ganz unmittelbar und direkt ins Herz. Das wird nun anders werden, denn die dritte LP "Quicken The Heart" muss man sich mühsam und Abschnitt für Abschnitt erarbeiten. Schärfe und Intellekt dieser Band aber bleiben unzerrüttbar. Oder, wie Sänger Paul Smith es im fieberhaften "The Penultimate Clinch" beschreibt: "But it's like dismantling a decommissioned spacecraft/ Some parts you can't destroy." Tatsächlich wirkt die erste Single "The Kids Are Sick Again" zunächst so schlapp, als hätten Maximo Park sich vorsätzlich all ihrer Stärken beraubt und nur noch ein leicht wankendes Gerüst übriggelassen. Der Eindruck täuscht, die letzten 50 Sekunden dieses Stücks erinnern an den Furor von "Going Missing" oder "Our Velocity". Mehr als einmal werden die großen, frühen Wave-Alben, werden The Cure und Joy Division zitiert, und auch die eigene Bandgeschichte wird kommentiert: Das sexuell aufgeladene "Let's Get Clinical" ("I'd like to map your body out/ Inch by inch/ North to south") hat wieder die Leichtigkeit von "Your Urge", "I Haven't Seen Her In Ages" ist eine Entsprechung von "Parisian Skies" und auch Soforthits wie "By The Monument" und "Books From Boxes" von "Our Earthly Pleasures" finden sich hier: "Calm" und " A Cloud Of Mystery". Gerade aufgrund der zweiten Albumhälfte dennoch die schwächste Maximo-Park-Platte bisher. Was in diesem Fall nicht viel heißen soll. (7) Jan Wigger

Bob Dylan - "Together Through Life"
(Columbia/Sony, bereits erschienen)

68 Jahre, 33 Alben, zuviele Exegeten, zuviel Mythos: Bob Dylan hat eine neue Platte gemacht, und alle suchen nach dem Gral, nach der letzten Weisheit. Der alte Poet, er ist doch schon so lange unterwegs. Er muss es doch wissen, er hat doch damals in den Sechzigern schon so altklug getan, als wäre er in der Großen Depression dabei gewesen. Und heute? Heute klingt er so agil, als würde er die einst verleugnete Jugend nachholen wollen. Auf Teufel komm raus. Denn darum könnte es gehen auf "Together Through Life", dem Tod noch mal die Zunge rauszustrecken, bevor er an die verwitterte Blockhütte klopft und die letzten 12 Takte geschlagen haben. 12 Takte sind ein klassischer Blues, und davon gibt es eine Menge auf der neuen Platte. Mit seiner jetzt wirklich sehr räudigen Stimme klingt Dylan inzwischen so, als müsste sich sogar Tom Waits vor ihm erschrecken. Aber John Lee Hooker und Howlin Wolf und Robert Johnson, die würden wissend lächeln, wenn der alte Kauz auf seine alten Tage von der Liebe singt und klagt und zugibt, dass das Leben hart ist, "without you near me" ("Life Is Hard").

Aber wo Lust ist, lauert auch Last, so dass die Heimatstadt der Gattin schon mal Hölle heißt ("Hell's My Wife's Hometown"). "Hooooume Town", zieht und heult er den Refrain lang wie ein ausgemergelter, aber immer noch zäher Köter auf einer gottverlassenen Dirt Road irgendwo in Albuquerque, während Melodiefetzen aus David Hidalgos Akkordeon durch die heiße Luft karriolen. Ah, damn, da kommen sie wieder, die Klischee-Metaphern! Schnell Schluss machen. "Some people tell me/I've got the blood of the land in my voice", kräht Dylan, der nationale Barde, amüsiert und beschwingt in "I Feel A Change Coming On". Beschwingt? Oh Mann, ja! Scheinbar mühelos hat Bob Dylan nach "Love & Theft" und "Modern Times" ein weiteres brillantes Alterswerk gezaubert. Einfach so. Hat wahrscheinlich ganze drei Tage gedauert, die Session. Wird aber ewig währen. Wie die Sache mit dem Gral. (8) Andreas Borcholte

Das Bierbeben - "Das Bierbeben"
(Shitkatapult/Alive, bereits erschienen)

Weil Tocotronic-Bassist Jan Müller bislang vornehmlich als Bewunderer der Deutschpunk-Legenden Cotzbrocken und Schleim-Keim auffällig geworden ist, kommt die gleich mehrfache Erwähnung von Mike Oldfield im beigelegten Infoschreiben doch etwas überraschend. Auch bedeutet ein musikalisches Zusammentreffen des Chaos-Kommandos Jan Müller (Tocotronic, Dirty Dishes) und Rasmus Engler (Herrenmagazin, Dirty Dishes, Gary, Vokalist des Bierbeben-Smashers "Die Birne ist reif") im Normalfall nicht weniger als die totale Zerstörung. Über das dritte Bierbeben-Album aber gibt es in Sachen Klarheit, Strenge, Ernsthaftigkeit und Ausdruck nur Gutes zu berichten: Aus "Delirium" hätten In Extremo oder Tom Angelripper ein Sauflied gemacht, Bierbeben-Sängerin Julia Wilton jedoch singflüstert betörend zum Klaus-Schulze-Blubbern: "Sei du der, der uns die Stunden zählt/ Wenn wir miteinander trinken." Dazu Kraftwerk-Minimalismus im hübschen "Wie ein Vogel", ein Franz-Josef-Degenhardt-Cover ("Die Hochzeit"), und ganz am Schluss der Platte, im fast schon tocotronisch betitelten "Nihilit", doch noch der fällige Weltuntergang: "Alles bebt, alles fällt/ Und wir schlafen nie mehr ein/ Und die Tage werden Nacht." Nacht heißt schlaflose Nacht. (6) Jan Wigger

The Horrors - "Primary Colours"
(XL/Beggars/Indigo, 1. Mai)

Selbst wenn man mit dem musikalischen Urteilsvermögen der DSDS-Jurorin Nina Eichinger geschlagen wäre, man hätte es trotzdem mitbekommen: The Horrors und ihr Debüt "Strange House" (2007) wurden zu Recht vergessen. Mit Geisterbahn-Georgel und Mascara im Hirn machten einem die Westentaschen-Lugosis ungefähr so viel Angst wie weiland "Nightmare II". Nun aber will man seinen Ohren nicht trauen: Die Horrors sind scheinbar zufällig Geoff Barrow von Portishead begegnet und haben gleichzeitig ihren Kirmes-Goth gegen beunruhigenden, lustvoll leiernden Gitarren-Noise eingetauscht. Die Pale Saints und Kevin Shields (My Bloody Valentine) dürften stolz auf (oder verärgert über) das grandiose "Who Can Say" sein, in dem der wichtigste Teil der Geschichte gesprochen wird: "And when I told her I didn't love her anymore - she cried/ And when I told her our kisses were not like before - she cried/ And when I told her another girl had caught my eye - she cried/ And then I kissed her with a kiss that could only mean goodbye." Dann wieder Hall, Feedback, Beklemmung. Manchmal kommen sie wieder. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 9606 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
06.02.2012 von eigentlicher_Schwan:

Danke, geil. Unplugged in Poznan. (http://www.youtube.com/watch?v=mgH2ORoL0H4) mehr...

06.02.2012 von kuechenchef:

Ja nu, zwischen sechs Monate Wartezeit nach VÖ auf CD wie bisher und Bestellungen beim Label in den USA für Platten in lustigen Vinylfarbkombinationen ist dann doch noch irgendwie ein Unterschied. Aber schee sans scho... [...] mehr...

04.02.2012 von oasis:

Aha, ganz was Neues. ;D mehr...

04.02.2012 von Ion:

Gentle Giant Cogs in Cogs 1974 Brussels - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=jJYe9EFFeec&feature=related) mehr...

03.02.2012 von Jetty_Hitsch: Bap

Nicht mehr ganz neu, aber immer noch genial: BAP - Bess demnähx ist das vielleicht beste BAP-Album. Besonders ist es auch deshalb, weil es das politische Klima im Deutschland der frühen 1980er Jahre einfängt. Eine tolle [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Musik
alles zum Thema Abgehört

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP