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06.05.2009
 

Jahrhundert-Gitarrist Segovia

Im Goldrausch benebelt

Von Kai Luehrs-Kaiser

Er war der Picasso seines Instruments: Der spanische Gitarrist Andrés Segovia spielte charmant und unwiderstehlich. Eine luxuriöse Retro-Edition seiner Aufnahmen entfaltet jetzt den stickigen Duft der Schallplatten-Ära, der auch Jüngere verzaubern wird.

Wer seine Jugend klampfend an der klassischen Gitarre verbracht hat, muss häufig gönnerische Geringschätzung ertragen. Ernste Musiker lieben es, einen mit der Bemerkung aufzumuntern, so schlimm sei das doch gar nicht: die Gitarre sei eigentlich ein "ganz hübsches" Instrument.

Segovia-CD: Weicher, abstrakt lyrischer Ton
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Segovia-CD: Weicher, abstrakt lyrischer Ton

In der Tat, die Jugendkultur der siebziger Jahre kehrt nicht wieder. Damals konnte man zu Galionsfiguren wie Julian Bream oder John Williams aufschauen. Der Gott der Bewegung aber war der mit dicker Hornbrille ausgestattete Spanier Andrés Segovia - der Picasso seines Instruments.

Sein weicher, abstrakt lyrischer Ton hat die kurze Liste der Gitarren-Meisterwerke bereichert: Komponisten wie Heitor Villa-Lobos, Joaquin Turina oder Frédéric Mompou komponierten Werke für ihn, Segovia selbst bearbeitete Klassiker von Bach bis Grieg. Als ihm die Gitarre bereits auf die Bühne nachgetragen werden musste, reiste er noch konzertierend durch die Lande: ein zerbrechlicher Greis zwar, aber noch immer eine Monster-Persönlichkeit. Jemanden wie ihn gibt es heute nicht mehr.

Längst sind die Rechte an vielen Segovia-Aufnahmen frei (und bei Naxos billiger verfügbar). Trotzdem entfaltet die Retro-Edition seiner "American Decca-Recordings", deren erster Teil jetzt erschienen ist, einen Zauber der Schallplatten-Ära, einen narkotisch stickigen Duft, der auch Jüngere benebeln und faszinieren wird. Allein die Gestaltung der "Decca Long Play Microgroove Unbreakable Records" mit den grafischen Exzessen früher elektrischer Zeichentische treibt einem Tränen der Rückwärts-Rührung in die Augen.

Die Recitals, bizarr gemischt, zeigen ein Schnetzelwerk aus Gitarrenklassikern von Granados, Mudarra und Albeniz bis zu Schubert- und Mendelssohn-Transkriptionen, bei denen der Siegeszug einer solistisch verknappten Hausmusik letzte Triumphe feiert. Die Gitarre, deren Popularität in den fünfziger Jahren begann, als genau diese Aufnahmen entstanden, war die billigere und leisere Alternative zum Klavier, das als Folterinstrument höherer Töchter obendrein ein wenig unmodern und verdächtig geworden war.

Schon damals vermittelte Segovia nichts Aufsässiges oder gar Revolutionäres. Sein Auftritt war ein wenig behäbig, aber von größter musikalischer Kraft. Wenn man ihn heute Couperins "Passacaglia" oder Torrobas "Burgalesa" spielen hört, wirkt die unbeirrbar herbe Lyrik seines Spiels noch immer unwiderstehlich und charmant. Segovia reiht sich ein in die Galerie jener Granden ihres Instruments, die keine Nachfolger gefunden haben. (Auch an den Ruhm des Trompeters Maurice André etwa, des Flötisten Jean-Pierre Rampal oder des Harfenisten Nicanor Zabaleta konnte nie mehr jemand anknüpfen.)

Mit der Segovia-Box dämmert ein altgoldenes Schallplatten-Zeitalter wieder herauf. Die Rundheit von Segovias Ton, durch die er wie ein Arthur Rubinstein der Gitarre wirkt, hört man erst heute als das, was sie wohl damals schon war: als Zeichen einer selbstbewussten Klassik, die in Gestalt gesetzter Herren ihre ersten Pop-Stars erfunden hatte.

Wie ironisch, eben dies bei einem Instrument nachzuerleben, das bis heute der Außenseiter der klassischen Bewegung ist.


CD Andrés Segovia: "The American Decca Recordings 1" (Deutsche Grammophon, 6 CDs).

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insgesamt 6 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
06.05.2009 von rio_riester: Überschätzt

Richtig, weit überschätzt. Was mich an Williams am meisten verblüfft: Er hat ja mit Bream im Duo gespielt. Da würde man doch erwarten, daß er sich wenigstens ein bißchen was von Breams unendlicher Kunst der Nuancierung und [...] mehr...

06.05.2009 von audax: Nicht so hart bitte !

Heute würde ein Caruso vielleicht auch nicht so berühmt werden hätte er "Gegner" wie ein Del Monaco oder Pavarotti. Ja, sie haben Recht, die Masstäbe haben sich bei der Gitarre nach oben verschobem. Aber Narciso Yepes [...] mehr...

06.05.2009 von neoptolemos: Yes, Bream!

[QUOTE=rio_riester; Heute leisten viele Absolventen einer Meisterklasse das, was früher nur wenige Virtuosen leisten konnten. [/QUOTE] Das glaube ich vielleicht in Hinsicht auf das technische Können, aber keinesfalls auf das [...] mehr...

06.05.2009 von ArbeitsloserMathematiker: Gitarre

Ich finde Gitarrenmusik einfach öde. mehr...

06.05.2009 von rio_riester: Geschmacks-Verirrung

Ich lese wohl nicht richtig: Segovia "wie ein Arthur Rubinstein der Gitarre" und "der Picasso seines Instruments"? Gemessen an heutigen Maßstäben sind die Aufnahmen und Auftritte von Segovia mehr als bescheiden [...] mehr...

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