Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Künstlerexistenzen am Rande des Wahnsinns findet Jan Wigger auf dem neuen Album von Phantom Ghost - und fragt sich, ob Jarvis Cocker mit Bart wirklich besser klingt. Andreas Borcholte ist gelangweilt von den Scherzen des ewigen Songwriter-Wunderkinds Conor Oberst.
Phantom Ghost - "Thrown Out Of Drama School"
(Dial/Rough Trade, 8. Mai)
They had to take the journey: Was noch beim ersten Hören so aufreizend einfach, ja geradezu reduziert klang, war die bisher am schwierigsten zu spielende, am strengsten überwachte und am schärfsten an Regelwerk und Noten gebundene Phantom-Ghost-Platte. Aus zwei regulären und einem nach John Cage präparierten Klavier, für dessen Bau Phantom-Ghost-Pianist Thies Mynther mehrere Jahre als Einsiedler verbrachte, entstand der Sound von "Thrown Out Of Drama School". Auch auf dem vierten Album des infernalischen Duos brennt die Referenzhölle: T.S. Eliot, Brion Gysin, Alicia Drake und Right Said Fred gehören zu den Künstlerexistenzen am Rande des Wahnsinns, die "Thrown Out Of Drama School" bevölkern. Wieder singt Dirk von Lowtzow sein ganz eigenes, nachdrücklich-würdevolles Phantom-Englisch, das so wenig mit Tocotronic zu tun hat wie Das Bierbeben mit Phantom Ghost, was die sich häufenden Doppelartikel über Bierbeben und Phantom Ghost noch etwas ärgerlicher macht.
"All Manner Of Thing Shall Be Well" und das leicht an "Willow" (vom Album "Three") erinnernde Titelstück schlagen sich vergnügt ins Gehölz und wandeln lustvoll auf einem sehr hohen Drahtseil, das ruhig reißen darf, wenn der Fall in die Tiefe Befreiung verspricht. So, wie man über den herrlichen Tocotronic-Song "Imitationen" ebenso gut Neil Youngs schier endloses "I'm The Ocean" hätte drübersingen können, ist auch dieses musicalhafte Spiel in neun Akten mit allem verknüpft, was früher war. Nur die Schweinehälften fehlen. (8) Jan Wigger
Conor Oberst And The Mystic Valley Band - "Outer South"
(Wichita/Cooperative Music/Universal, 8. Mai)
Ein Forums-User der "L.A. Times" hatte den wahrscheinlich richtigsten Gedanken zur neuen Platte des ewigen Songwriter-Wunderkinds Conor Oberst: "Die Leute kapieren es einfach nicht, das ist sein Traveling-Wilburys-Album!" 1988 machten sich Jeff Lynne, Bob Dylan, Tom Petty, George Harrison und Roy Orbison einen Spaß daraus, als Wilbury-Brüder aufzutreten. Zwei launige Alben mit Countrypop-Schlagern im typisch schunkelnden Sound von Ex-ELO-Chef Lynne kamen dabei heraus, die - nun ja - für Fans schräger Supergroups sicher interessant waren. In seiner Mystic Valley Band hat Conor Oberst nun vielleicht nicht unbedingt Superstars um sich geschart, aber zumindest sind Nik Freitas und Taylor Hollingsworth keine gänzlich Unbekannten, sondern haben mit eigenen Songwriter-Alben mehr oder minder erfolgreich versucht, im unübersichtlichen Genre der sensiblen Liedermacher Fuß zu fassen. Die neuen Gefolgsleute, darunter auch Rilo-Kiley-Drummer Jason Boesel, dürfen sogar einige der neuen Oberst-Songs und eigene Stücke singen, was dem Album dann tatsächlich eine Art Traveling-Wilburys-Flair verleiht. Auch die betonte Beiläufigkeit und geradezu aufdringliche Beschwingtheit der meisten Songs passt zu der Analogie, die in diesem Alternative-Rock-Kontext natürlich als ironische Hommage zu nehmen wäre.
Leider geht im Sturm und Drang dieses unterhaltsamen Musikerwitzes auch einiges unter, was ansonsten ernst zu nehmen gewesen wäre. Das mit Psycho- und Rauchermotiven spielende "Nikorette" zum Beispiel ("Just one little hit you're holding in") oder das von Boesel im schönen Dylan-Lamento vorgetragene Polit-Stück "Roosevelt Room". Bemerkenswert ist außerdem, dass einige der besten Songs des Albums ("Bloodline", "Big Black Nothing") nicht vom Chef geschrieben wurden, darunter auch "Eagle On A Pole", das in einer anderen Version auch auf Obersts letztjährigem Soloalbum auftauchte. Kurzum: Kann man ja mal machen, so einen Scherz unter Freunden. Aber man wartet immer noch auf die Einlösung des großen Versprechens, das Conor Oberst nun schon etwas zu lange ist. (6) Andreas Borcholte
Dan Deacon - "Bromst"
(Carpark/Indigo, bereits erschienen)
Wie beträchtlich der Einfluss von Animal Collective auf den durchdachten Pop von heute ist, lässt sich immer weniger abstreiten: Tracks wie "Fools" (The Dodos) oder "Ddiamondd" (Battles) wären ohne das Kollektiv kaum denkbar. Mit dem Label Carpark Records taten sich Panda Bear, Avey Tare, Deakin und Geologist einmal zusammen, um eine Heimstatt für die eigene kleine Plattenfirma Paw Tracks zu finden. Nun kann Carpark durch Dan Deacon glänzen, dessen zweite LP "Bromst" zum Erfinderischsten gehört, was man für Golddukaten kaufen kann. Das begnadete "Build Voice" formiert sich surrend wie ein Bienenschwarm, "Paddling Ghost" und "Woof Woof" haben den allgegenwärtigen Helium-Gesang, der jeden Traditionalisten zum Weinen bringt, und das achtminütige, seltsam schöne "Snookered" könnte ewig so weitergehen. Unter anderem beschreibe "Bromst", wie man zu einem Geist wird, sagt Deacon. Mehr muss man nicht wissen.
(8) Jan Wigger
Jarvis Cocker - "Further Complications"
(Rough Trade/Beggars Group/Indigo, 15. Mai)
Jarvis Cocker mit Bart, das ist wie Scott Walker im Jogginganzug oder Bryan Ferry mit weißer Bahnhofsratte auf der Schulter. Aber wurde nicht ohnehin lanciert, bei "Further Complications" handele es sich wenigstens in Teilen um eine Rock-Platte? Zumindest hat Steve Albini das zweite Soloalbum des dürren Erotomanen produziert. Das furchtbare "Fuckingsong", das tatsächlich aus der Feder Cockers stammen soll, konnte er nicht verhindern, auch nicht den zugegebenermaßen famos geprügelten "Caucasian Blues", nach dem sich die Gemessenheit und Sophistication gewohnte Pulp-Anhängerschaft erst einmal die Ohren spülen darf. Aber make no mistake, schon die erste Single "Angela" konnte es ja nicht mit "Fat Children" aufnehmen, von früheren Pulp-Großtaten ganz zu schweigen. Ebenso wenig erschließt sich der Sinn des Instrumentals "Pilchard", doch in "I Never Said I Was Deep" und "Leftovers" findet man wieder den alten Jarvis: "I can't dance you to the end of the night/ cos I'm afraid of the dark", "I fall upon your neck like a vampire/ A vampire who faints at the sight of blood" - Lakonie und Witz sind gut erhalten. Das abschließende "You're In My Eyes (Discosong)" ist fast so gut wie einst das schwüle "F.E.E.L.I.N.G C.A.L.L.E.D L.O.V.E", doch im Ganzen hat "Further Complications" so wenig memorable Melodien wie kaum eine andere Platte mit Cocker-Beteiligung. Trotz Steve Mackays Saxophon in "Homewrecker!": Bad cover version, Jarvis.
(5) Jan Wigger
Eye - "Don't Sleep"
(Pink Hedgehog/Indigo, bereits erschienen)
Erstaunlich, wie wenig über das britische Projekt Eye und ihr Debütalbum "Don't Sleep" bekannt ist. Dabei dürften "Sweep", "Fading Out" und "That Is Not What This Is" doch ziemlich genau bei jenen Menschen Begehrlichkeiten wecken, die bei Elbow schon mit "Cast Of Thousands" und bei Radiohead bereits mit "OK Computer" ausgestiegen sind. Eye-Sänger Simon Swarbrick ist überraschenderweise nicht der Neffe Tim Buckleys, sondern auf gleiche Art mit Dave Swarbrick von Fairport Convention verwandt. Zu mit Streichern durchsetzter Nachtmusik bilanziert der Sänger, der weder an Gott, noch an den Teufel glaubt, sein Leben und schließt in "Sleep It Off": "I just keep on smiling anyhow." Der gewaltige Heißluftballon, der auf dem Cover von "Don't Sleep" zu sehen ist, wird weiter seine Runden drehen.
(6) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)