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12.05.2009
 

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Die wichtigsten CDs der Woche

Der schönste Gitarrenpop kommt zurzeit aus Finnland von Cats On Fire, meint Jan Wigger und staunt über die guten alten, aber ganz schön ruppigen Manic Street Preachers. Andreas Borcholte empfiehlt Tori Amos: Weniger Masse, mehr Poesie.

Cats On Fire - "Our Temperance Movement"
(Cargo Records, 22. Mai)

Als das nach wie vor unglaubliche Debüt "The Province Complains" erschien, genügten die ersten Zeilen von "I Am The White-Mantled King", um eine ganze Welt zu entwerfen: "Folding bed sheets on my own/ I am the bedouin leader/ I am the white-mantled king." Natürlich evozierte der Text David Leans Wüstendrama "Lawrence von Arabien", natürlich bezog sich der Titel dieses größten aller Cats-On-Fire-Songs auch noch auf einen anderen Lawrence: Auf Lawrence von Felt nämlich, der sein "Dismantled King Is Off The Throne" so überspannt und leiernd sang wie niemand sonst in den Achtziger Jahren.

Die Gruppe Cats On Fire kommt aus Finnland, und nichts könnte unwahrscheinlicher sein als eine finnische Band, die klingt wie Felt, Lloyd Cole, Orange Juice, Field Mice und Morrissey. Der neue Song "The Steady Pace" übertrifft vieles der genannten Helden, und Mattias Björkas, dessen Idiosynkrasie und Exzentrik an den jungen Distelmeyer, den jungen Edwyn Collins erinnern, singt ihn brillant: "And I want to come clear/ I want a decent career." Auf alten Fotos ließen sich Björkas und Kollegen als kontemplierende Landadlige am Kaminfeuer ablichten, im Booklet des absolut korrekt "Our Temperance Movement" (dt.: Unsere Abstinenzbewegung) betitelten Albums blickt der Dichter vor Meereshintergrund ratlos ins Dunkel: "I'm one of the fallen leaves/ Covering your garden/ Blackened by neglect from you/ I fell right through." Wir sprachen bereits von "The Steady Pace", doch auch für "Garden Lights", "Tears In Your Cup", "Lay Down Your Arms", "The Borders Of This Land" und "Horoscope" gilt: Der geschmackvollste, rührendste und euphorisierendste Gitarren-Pop dieser Zeit. (9) Jan Wigger

Tori Amos - "Abnormally Attracted To Sin"
(Universal Music, 15. Mai)

"There are some/ some who give blood/ I give love", singt Tori Amos im ersten Song ihres zehnten Albums. Um Sünde geht es, vielleicht; Umtriebe vor Sonnenaufgang, Variationen des gerade total modischen Vampir-Themas, möglicherweise. Das Schöne an Amos' Songs ist oft, dass man an ihnen lange und ausgiebig herumsrätseln kann - und dann doch nicht auf die letztgültige Definition kommt. Man nennt das auch Poesie. Leider gibt die Amerikanerin mit dem berühmten Bösendorfer-Piano in letzter Zeit fast schon zu viel ihrer zweifelsohne besonderen Gabe von sich. "Abnormally Attracted To Sin" reizt die CD mit 75 Minuten Spielzeit fast völlig aus - was natürlich ein Fest für Fans wäre, uferte das Album nicht nach den ersten vier, fünf großartigen und schön miteinander harmonierenden Liedern plötzlich aus. Jedes verbindende Thema, das man gerade noch erahnt hatte, wird in der zweiten Hälfte mit teils mediokren Songs in alle denkbaren Richtungen zerstäubt.

Erst am Ende, mit dem überraschenden, sich langsam zu Opulenz steigernden Schluss-Stück "Lady in Blue", verknüpft Amos wieder das theatralische, gesanglich anspruchsvolle "Give" vom Anfang, die gefällige, aber grandiose Single "Welcome To England" und das an "Kashmir" lehnende "Strong Black Vine". Tori Amos ist sicher eine der außergewöhnlichsten Sängerinnen und Musikerinnen der Gegenwart. Aber auch eine der anstrengendsten. Diesmal hätte eine EP gereicht. (5) Andreas Borcholte

Manic Street Preachers - " Journal For Plague Lovers"
(Sony Music, 15. Mai)

Ob die Manic Street Preachers wirklich noch gebraucht werden, stand bei jeder Platte ab "Know Your Enemy" zur Diskussion. Aber hängen wir nicht alle immer noch an "The Holy Bible", an "Everything Must Go" und "This Is My Truth Tell Me Yours"? Inmitten der Finanzkrise rückt auch die Musikwelt wieder enger zusammen: In der brutalstmöglichen Redaktion des renommierten Hartwurst-Magazins "Rock Hard" hört man plötzlich Soap&Skin und Springsteens Pistolero-Epos "Outlaw Pete" - wieso also sollen nicht auch James Dean Bradfield und Nicky Wire die Eier haben, mit einem unerwartet lärmigen Old-School-Album noch einmal zurückzuschlagen? Wie aus dem Nichts präsentieren die Manic Street Preachers plötzlich Texte aus dem Notizbuch des 1995 spurlos verschwundenen Richey James Edwards, und schon heißen die Songs wieder "Jackie Collins Existential Question Time", "She Bathed Herself In A Bath Of Bleach" und "Me And Stephen Hawking". Letzteres scheint zumindest auf einem Dinosaur-Jr.-Riff zu basieren, letzteres will zurück zu Impuls und Wut von "Generation Terrorists". Doch was vorbei ist, ist vorbei. Zum Schluss gibt es "William's Last Words", so wacklig, so schüchtern gesungen vom Bassisten Nicky Wire. Und selbst wenn niemand weiß, wo Edwards heute wirklich ist: Das hat er gehört. (5) Jan Wigger

Oi Va Voi - "Travelling The Face Of The Globe"
(Oi Va Voi Recordings/Alive, 15. Mai)

Für die mindestens auf dem ersten Album noch aufregende Sehnsuchtsmusik des Beirut-Kopfes Zach Condon hat sich nach und nach der Begriff "Balkan-Folk" durchgesetzt. Um die dritte LP des aus London stammenden Septetts Oi Va Voi einzuordnen, wird man andere Worte finden müssen: Auf "Travelling The Face Of The Globe" werden World Music, Klezmer, Balkan-Bläser und Jiddisches auf bisher tatsächlich ungehörte Art und Weise zusammengefügt. Gleich im eröffnenden "Waiting" fließen Stimme von Bridgette Amofah und Anna Phoebes bittersüße Violine aufs Schönste zusammen, das rasante "Long Way From Home" und Teile von "Magic Carpet" dagegen nerven schnell mit beinahe schon gewöhnlichem Ethno-Pop. Immer dann, wenn Oi Va Voi sich mit wenig zufrieden geben, sind sie am besten: Dem elegischen "Foggy Day" reichen über weite Strecken Nick Ammars akustische Gitarre und eine Ahnung von Glück. Gute Platte, die nur manchmal in den Kitsch abrutscht. (6) Jan Wigger

Patrick Watson - "Wooden Arms"
(Vertigo/Universal, 15. Mai)

"Muss man den kennen?", fragte die Tresenkraft eines Abends eine ihrer typischen Tresenkraft-Fragen. Man muss nicht, aber man könnte. Seit geraumer Zeit gilt Patrick Watson als genauer Kenner von Vaudeville, Klassik und zartgliedrigem Songwriter-Pop, den er in Manier eines Frühvollendeten als staatlich anerkannter Wunderinstrumentalist zelebriert. Nahm man in der Vergangenheit gern daran Anstoß, dass Watsons erdentrücktes Organ dem verstorbenen Jeff Buckley zum Verwechseln ähnelte, nähert sich "Wooden Arms" den kunstbeflissenen Werken von Andrew Bird an: "Fireweed" schält sich aus einem Meer voller Klang, die kurze Streicherklage "Hommage" kommt so unverhofft wie das pluckernde Banjo in "Big Bird In A Small Cage" und am Ende von "Traveling Salesman" werden eine Handvoll Musiker zu einer Marching Band. Für ehemalige Musikschüler und künftige Arthaus-Regisseure. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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