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17.05.2009
 

DJ-Superstars

Bestens aufgelegt ins Alter

Von Uh-Young Kim

Eine teutonische Mensch-Maschine ist der eine, der andere ein verspielter Puritaner - und beide kommen in die Jahre. Hell und Laurent Garnier sind Urgesteine der Clubkultur. Mit ihren neuen Alben beweisen die Star-DJs: Auch alte Säcke können jungen Tänzern Beine machen.

Rockrebellen werden ja früher oder später zu dem, was sie an ihren Eltern verachtet haben. Und Rapper jenseits der 30 machen sich total lächerlich, wenn sie sich noch als Stimme der Straße aufspielen. Nun stellen sich zwei Grand Seigneurs der elektronischen Musik der Frage: Kann man als DJ in Würde altern?



Der Münchner Style-Zampano Helmut Geier alias Hell, 46, und der französische House-Botschafter Laurent Garnier, 43, veröffentlichen dieser Tage neue Alben: das verführerisch funkelnde "Teufelswerk" und das abenteuerliche "Tales Of A Kleptomaniac".

Unter fünfstelligen Gagen treten beide Club-Legenden nicht mehr auf. Da hören die Gemeinsamkeiten aber bereits auf. Bei diesen DJs aus der Champions League verhält es sich wie beim Fußball: teutonische Mensch-Maschine versus bunte Équipe Tricolore.

Hedonist und Bourgeois

Schon ihre Aufenthaltsorte beim Gespräch mit SPIEGEL ONLINE machen den Unterschied deutlich: Laurent Garnier telefoniert aus seinem Haus in den Weinbergen der Provence ("Das Wetter ist so viel besser hier als in Paris"), Hell spricht am iPhone in einem Londoner Luxushotel ("Ich komme gerade aus der Sauna"). Hier klirren die Champagnergläser, dort plärrt ein Kind im Hintergrund.


Ende der Neunziger führte Hell die Clubkultur nach dem Ausverkauf stilbewusst ins nächste Jahrtausend. Er legte als erster Plattendreher im Maßanzug auf. Der Dandy und Bayern-München-Fan griff den Hedonismus aus der Disco-Ära auf und schloss ihn mit Achtziger-Glam und Techno kurz.

Electroclash hieß der intensive wie kurzlebige Hype um Hell. Sein größter Traum war es, zum Andy Warhol von Berlin zu werden. Heute posiert der große Selbstdarsteller mit Edelstripperinnen und beschallt Fashionshows von Michael Michalsky: "Für mich haben Mode und Musik immer eine Einheit gebildet."

Protestant am Plattenteller

Am Glamour des Nachtlebens hat Laurent Garnier kein Interesse. Nach seinen berühmten 8-Stunden-Sets fährt er am liebsten gleich heim zu Hund, Sohn und Freundin, mit der er schon seit zwanzig Jahren zusammen lebt.

Garnier hat Dance Music vor allem von den Rändern der Gesellschaft her aufgesogen. In seinem Buch "Electroschock" schildert der Musikliebhaber, wie er von den ersten Raves in Manchester mitgerissen wurde. Zuerst spielte er für ein paar schwule Außenseiter, später auf dem Geburtstag von Elton John.

Mit der britischen Sperrstunde im Nacken lernte der junge DJ, von der ersten Platte an für Euphorie zu sorgen. Illegale Parties, auf denen er auflegte, wurden von der Polizei aufgemischt. Auf einer Reise nach Detroit entdeckte er die Ursprünge von Techno im Jazz.

Auf dem Albumcover weist ein Wurzelgeflecht auf frühe und aktuelle Einflüsse für Garnier hin: "Ich habe mich diesmal von Iggy Pop, Londoner Grime und dem Jazz von Medeski Martin & Wood inspirieren lassen." Ein epischer Erzählbogen spannt sich auf "Tales Of A Kleptomaniac" von House-Tracks und HipHop-Breaks über Afrobeat-Bläser bis zu Fusion-Jazz-Gedaddel. Mit dem, was die Tanzböden dieser Welt momentan bewegt, hat Garniers Potpourri nur wenig zu tun: "Ich bin nicht an Trends interessiert."

Bewegender Sportsgeist

Hell will dagegen unbedingt "Musik zur Zeit" machen. Nach München ("Munich Machine", 1998) und New York ("NY Muscle", 2004) bildet nun Berlin mit seinen Afterhour-Exzessen und Technotempeln den kreativen Nährboden.

CD 1 des Doppel-Albums präsentiert geschliffenen Luxus-Techno und verstrahlte Auftritte von Bryan Ferry und P.Diddy. Mit einem Zitat aus der Love-Parade-Hymne "Der Klang der Familie" von 1992 verbeugt sich Hell vor den frühen Berliner Technojahren, die er miterlebt hat. Und er schreibt sich mit dem Stück "Electronic Germany" plakativ als Erbe von Kraftwerk in die Popgeschichte ein.

Auf CD 2 errichten Hell und ein paar auserwählte Zuarbeiter psychedelische Klangkathedralen aus Space-Disco-Bausteinen und Krautrock-Spuren, wie sie gerade en vogue sind.

Damit schießt Hell nach einer Phase der Belanglosigkeit überraschend zurück an die Spitze der Clubmusik. Wer hätte gedacht, dass auf die aufgeblasenen Slogans des Gigolo-Labelchefs je wieder so exzellente Tracks folgen würden.

Im Zuge der jüngsten Selbsterfindung möchte er auch das Image des ewigen Playboys loswerden: "Ich bewege mich nicht im Jetset. Das ist harte Arbeit und körperlich Hochleistungssport."

Mit "Teufelswerk" ist der Franz Beckenbauer der Clubkultur wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit angekommen - in Berlin, der Welthauptstadt der elektronischen Musik. Laurent Garnier dagegen hat Paris den Rücken zugekehrt und sich auch musikalisch weiter an die Peripherie bewegt. "Hierzulande unterstützen sich die Musiker nicht gegenseitig", seufzt er nach Jahren der vergeblichen Aufbauhilfe einer französischen Clubszene.

"Junge Menschen zu begeistern und neue Impulse zu geben," bleibt für Hell die Herausforderung. Sich selbst sieht er als Vorbild dafür, dass man in der Clubkultur durchaus würdevoll altern kann.

Entscheidend ist letztlich aber, was den Dancefloor bewegt. "Ich frage mich oft, ob ich noch glaubwürdig bin", sagt Garnier. "Mein Publikum ist teilweise halb so alt wie ich. Aber so lange die Crowd bei mir noch ausrastet, mache ich weiter."

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insgesamt 11 Beiträge zum Forum...
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19.05.2009 von oasis: Immer schön auf dem Teppich bleiben, gelle

Nun genießt Plattenaufleger Hell alles andere als meine Sympathie, doch tatsächlich ist es so, dass Aussagen die Berliner Afterhour betreffend nur zu Promotionzwecken dienen. DER braucht gar keine Clubs mehr, in denen er [...] mehr...

19.05.2009 von berlinwhite: word!

hell interessiert in berlin keine sau, und im berghain oder der bar 25 würde herr geier vermutlich nicht mal am türsteher / an der türsteherin vorbei kommen. mehr...

18.05.2009 von oasis: Fallobst

Grundsätzlich nichts gegen Ihr statement einzuwenden, was Laurent Garnier ja bereits bewiesen hat mit dem Abliefern eines hervorragenden Albums. Aber was meinen Sie genau damit? Hätten Sie evtl. die Güte Beispiele zu bringen? [...] mehr...

18.05.2009 von mime: Geier

Man sollte auch wirklich wissen, wann es Zeit ist, die Großspur ein wenig einzufahren. Hell bewegt sich vielleicht im Business, aber in der Clubszene wird er eigentlich nur noch ausgelacht. Und für Berlin und die hiesige Afterhour [...] mehr...

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