Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Was dröhnt denn da? Jan Wigger begibt sich mit der amerikanischen Drone-Doom-Band Sunn O))) ins Herz der Finsternis. Außerdem bei Abgehört: Neues von Sonic Youth, Dirty Projectors, Elvis Costello und ein Blick ins Archiv von Neil Young.
Sunn O))) - "Monoliths & Dimensions"
(Southern Lord/Soulfood, bereits erschienen)
Wenn früher jemand wissen wollte, wie diese bemerkenswerterweise eher unamerikanische Musik klingt, reichte es der Einfachheit halber schon aus, zu sagen: "Sie dröhnt". Heute, mit "Big Church [megszentségteleníthetetlenségeskedéseitekért]" im Ohr, darf man ergänzen, dass Sunn O))) darüberhinaus so klingen wie das verstörende letzte Drittel des spanischen Horrorfilms "[Rec]" oder wie die Lieblingsband von Asami Yamazaki, der schönen Psychopathin aus Takashi Miikes Alpdruck "Audition". Eines aber wird sich niemals ändern: Um ins Herz der Finsternis zu dringen, muss auch "Monoliths & Dimensions" wieder so LAUT wie möglich gehört werden.
Stephen O' Malley und Greg Anderson beschreiben ihre vier neuen, scheinbar endlos langen Tracks als sehr positiv und befreiend, doch wer die donnernde, vibrierende und monolithenkalte LP "Black One" noch nicht durchgestanden hat, wird "Monoliths & Dimensions" schwerlich als Easy Listening wahrnehmen können. Mayhem-Sänger Attila Csihar, der sich seit über zwei Jahrzehnten mit Avantgarde, Oper und Neuer Musik beschäftigt, beschwört im phantastischen "Aghartha" den Mythos vom Kontinent im Inneren der Erde: Nach etwa elf Minuten kracht es so gefährlich im Gehölz, als würde der Dachstuhl einer Mastenkirche quälend langsam einstürzen. "Alice", inspiriert von Alice Coltrane, ist eines der hellsten und kristallklarsten Stücke, die Sunn O))) je gemacht haben, und irgendwann auf dieser Platte erklingen sogar kurz die Grusel-Glocken aus Arvo Pärts "Cantus In Memory Of Benjamin Britten". Der Komponist und Visionär Eyvind Kang (John Zorn, Bill Frisell, Marc Ribot) hat diese Platte arrangiert, Stewart Dempster (u.a. John Cage) und Julian Priester, der bereits bei Sun Ra, Herbie Hancock und John Coltrane Orchesterarbeit leistete, verlinken dieses formidable Album auf alle Zeiten mit der sogenannten Hochkultur. Was wenig daran ändern wird, dass Sunn O))) für die üblichen Ignoranten nichts als eines machen: Krach.
(9) Jan Wigger
Sonic Youth - "The Eternal"
(Matador/Beggars/Indigo, 5. Juni)
Schon oft wurden an dieser Stelle Worte zur nach wie vor größten amerikanischen Gitarrenband verloren. Eine Band, deren Herzkammern Thurston Moore und Kim Gordon gemeinsam über 105 Jahre alt sind und mit der man nicht ein einziges schlechtes Album assoziiert. Was die triumphalen Live-Auftritte im vergangenen Jahr schon erahnnen ließen, ist nun Wahrheit geworden: "The Eternal" ist verdammt nah dran an den Meisterwerken "Goo", "Daydream Nation" und "A Thousand Leaves". In keinem Moment nämlich ist diesem Album ein Hinweis darauf zu entnehmen, dass es von Musikern eingespielt wurde, die seit über einem Vierteljahrhundert regelmäßig Langspielplatten veröffentlichen.
Moores "No Way" und Gordons Proto-Punk "Sacred Trickster" ("What's it like to be a girl in a band?/ I don't quite understand") könnten ebensogut zu "Dirty"-Zeiten entstanden sein, das wundervolle "Massage The History" während der Aufnahmen zur LP "Washing Machine", die ja mit einem ähnlichen Weltklasse-Song ("The Diamond Sea") schließt. Wann klangen Gitarren zuletzt so elektrisierend wie in "Malibu Gas Station" oder "What We Know"? Doch "The Eternal" wäre nicht eine der lässigsten, hemmungslosesten und komplettesten Sonic-Youth-Platten überhaupt, wenn nicht auch Gitarrist Lee Ranaldo nach den Sternen greifen würde: "Everything we see is clear/ Everything we feel is clear/ Everything we dream is clear" singt er in "Walkin Blue". Teenage Blue! (9) Jan Wigger
Dirty Projectors - "Bitte Orca"
(Domino/Indigo, 5. Juni)
Wäre man ein Blogger oder zumindest ein Leser von Blogs, dann wüsste man vermutlich schon viel länger, dass die Dirty Projectors auch nach fünf Alben noch so heiß sind wie eh und je. Oder, für die Älteren unter uns: "Oh, mein Gott! Heilige Scheiße! Meine neue Lieblingsplatte!". Das hat David Byrne angemerkt, der sich in "Temecula Sunrise" und "Useful Chamber" wohl selbst wiedererkannt hat - mit Ende Zwanzig und in kunstvoll zerfleddertem Zustand. Die Dirty Projectors, deren Konzerte Epiphanien sein sollen (sagen ausnahmsweise Leute, die Konzerte besuchen und nicht der Promoter der Plattenfirma!), spielen verschlungener und verschachtelter als die Talking Heads es jemals taten. Sie vermischen kaputten Soul, blechgoldenen R'n'B (das brillante "Stillness Is The Move"), kosmischen Folk und New Wave, der nur noch aus Einzelteilen zu bestehen scheint, zu etwas Neuem, das vieles ist, aber kein Pop, wie wir ihn kannten. Anstrengend? Formulieren wir es so: Wer einmal Uwe Ochsenknechts Version von Roy Orbisons "Pretty Woman" gehört hat, wird bei "Bitte Orca" so entspannt sein wie nie zuvor.
(8) Jan Wigger
Elvis Costello - "Secret, Profane & Sugarcane"
(Hear Music/Concord/Universal, 29. Mai)
Kaum ein Jahr ist es her, da war Elvis Costello auf "Momofuku" wieder der alte, wütende und kehlige Jähzorn-Elvis, der in die Saiten haute, bis die Kühe nach Hause kamen. Jetzt "Secret, Profane & Sugarcane", das Nashville-Album, mit T-Bone Burnett am Steuerruder, Stuart Duncan an Fiddle und Banjo, Jerry Douglas am Dobro, Mike Compton an der Mandoline und Tannenhonig in der Stimme. Dem geneigten Kooks-Hörer unter 25 fällt also spätestens jetzt der Wodka Red Bull aus der Hand, denn uncooler geht es praktisch nicht. Doch natürlich ist "Secret, Profane & Sugarcane" wieder eine feine Elvis-Platte geworden, mit dem bitteren "She Handed Me A Mirror" (in dem ein Frauenzimmer dem unglücklich verliebten Schriftsteller als Begründung für ihre Zurückweisung einfach einen Spiegel überreicht), der Bing-Crosby-Nummer "Changing Partners" und dem grandios gefiedelten "I Dreamed Of My Old Lover".
(7) Jan Wigger
Neil Young - "Archives Vol. I, 1963-1972"
(Reprise/Warner, 29. Mai)
Neil Young macht selten Witze, schon gar nicht, wenn es um die lang, länger, am längsten geplante "Archives"-Reihe geht. Jetzt wird es ernst, denn das riesenhafte Boxset ist da, auf CD, DVD oder Blu-ray. Die 10 DVDs, die man uns schickte, legen wir eine nach der anderen in das DVD-Gerät. Wir sehen Neil Young in einem weißen Auto, eine Flasche Bier in der Hand, eine einsame Grasfläche befahrend. Wir sehen Neil Young in der "Harvest"-Phase staunend in einer Druckerei. Und wir sehen viele Tonbandgeräte und Plattenspieler, die auf Knopfdruck immer wieder Liedmaterial aus Youngs
formative years abspielen, sogar eine Handvoll Songs von Neils erster Gruppe The Squires. Etwas Besseres als "Expecting To Fly" und "Broken Arrow" von Buffalo Springfield gibt es ja gar nicht, deshalb klicken wir auch hier auf "Play", und später bei "I Am A Child", bei "The Old Laughing Lady", einer "previously unreleased live version" von "Sugar Mountain" und dem ewig herzerweichenden "Only Love Can Break Your Heart".
Schon wieder gibt es das Torontoer Massey-Hall-Konzert aus dem Jahre 1971 und eine noch unbekannte Live-Darbietung von "See The Sky About To Rain". Ein herrlich kindliches Vergnügen, mit der Fernbedienung hin und her zu klicken und all die Briefe, Anmerkungen und Faksimiles zu studieren, von denen man meist noch gar nichts wusste. Die "authentische Soundqualität", die "Post-CD-Ära" und die "interaktive Plattform im neuesten technischen Standard" (in der Blu-ray-Version) dürften Technokraten und Pop-Beamte erfreuen - ich aber denke an 1987 und einen alten Mitschüler, der die damals im Aufenthaltsraum gängige Musik (Ratt, Accept, Cinderella, Maiden) belächelte, ohne sie zu verurteilen. Neil Young sei der Größte, sagte er. Gott weiß, er hatte Recht. (10) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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