Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Man muss sich trauen, hinter die kitschige Cyberboy-Romantik von Patrick Wolf zu blicken, dann offenbart sich himmlische Musik, meint Jan Wigger und staunt über die Leichtigkeit von Simone White. Andreas Borcholte packt beim Debüt von Broken Records die Fiddle aus.
Patrick Wolf - "The Bachelor"
(Bloodchamber Music/Ada/Rough Trade, 5. Juni)
Der erste Gedanke: Auch das Cover dieser Platte ist wieder so grässlich, dass man sich fragen muss, ob Patrick Wolf das nicht vielleicht mit Absicht macht. Nach eingehender Beschäftigung aber passen "Enemy Mine"-Ästhetik und Cyberboy-Romantik wie selbstverständlich zum Gestus der 14 neuen Songs des hochbegabten Pop-Verführers. Mit "The Bachelor" verfolgt Patrick Wolf nun die Spur von Rufus Wainwrights in "Want One" und "Want Two" zerteilte Mammut-Arbeit "Want" nach, denn "The Bachelor" ist nur ein Teil der im nächsten Jahr durch das wesentlich hoffnungsvollere "The Conqueror" (in dem Patrick Wolf die vorerst bleibende Liebe findet) komplettierten Kitschkanonade namens "Battle".
Die herb-androgyne Tilda Swinton fungiert in einigen "Bachelor"-Tracks als kommentierende, auch aufmunternde innere Stimme eines desillusionierten, zerrissenen Protagonisten, der erst im abschließenden "The Messenger" den Weg ins Licht findet: "Make life as traveller/ Work as messenger/ Let my pain/ And my pleasure/ All one be." Davor gelingen Wolf ein paar seiner schönsten Kompositionen seit "Wind In The Wires": Das hinreißend gegeigte "Hard Times", der Sehnsuchtsmarsch "Damaris", die flötenumspielte, freudlose Bestandsaufnahme "Thickets". Wolfszeit in Südengland. (8) Jan Wigger
Simone White - "Yakiimo"
(Honest Jons/Indigo, 12. Juni)
Es ist keine Seltenheit, dass noch relativ junge Künstler nicht mit dem frühen Meisterwerk, sondern mit späteren, etwas schwächeren Platten Berühmtheit erlangen. Anlässlich Simone Whites zweiter, prachtvoller LP "I Am The Man" schwieg der Blätterwald aus unerfindlichen Gründen, zu "Yakiimo" wird es voraussichtlich mehr zu lesen geben. Die sternenklaren, von Simone Whites Freunden Frank Bango und Ricky Vesecky verfassten Stücke "Bunny In A Bunny Suit" und "Candy Bar Killer" eröffnen "Yakiimo", dessen rätselhafte Gewichtslosigkeit gerade dann beeindruckt, wenn wie in "Without A Sound" mit scheinbar einfachsten Mitteln gearbeitet wird. "Olivia" ist ein wunderbar scheues Stück über einen Schwarm aus der Schulzeit: "I drew a picture of her in my notebook/ Each scribble it got more exciting/ From pencil to paper/ I love and erase her/ Again and again til I can't even read my own writing." Die Geschichte vom alten Kind geht weiter.
(7) Jan Wigger
Kasabian - "The West Ryder Pauper Lunatic Asylum"
(Columbia/Sony BMG, 5. Juni)
Vollmundig, wie es sich für eine britische Rockband seit den Neunzigern gehört, hatten Kasabian angekündigt, auf ihrem neuen, dritten Album einen Song zu präsentieren, der wie Pink Floyd in der seligen Syd-Barrett-Ära klingt. Wow. Leider, oder sollte man sagen: zum Glück, ist auf dem Album vieles an Zitaten und Stilen zu finden, aber wenig Pink Floyd, am ehesten vielleicht noch das hypnotisch-orientalisch und sehr fatalistisch herumwabernde "Secret Alphabets". Was man seit dem überraschend guten Debütalbum der Band aus Leicester allerdings immer noch vergeblich sucht, ist ein ureigener Sound - und letztlich vermisst man sogar die politische Attitüde, die auf dem Erstling noch lärmend zur Schau getstellt wurde. Hier ist das soziale Bewusstsein nur noch im Titel erkennbar: Das West Riding Pauper Lunatic Asylum, gegründet 1818 bei Yorkshire, war die erste Irrenanstalt für Arme in England.
Aber bis auf ein paar Stanzen und Posen ist nicht viel Klassenkampf zu hören auf diesem eher durchschnittlichen Album. Am besten funktionieren wie schon auf "Kasabian" und "Empire" die schnellen Nummern: "Where Did All The Love Go", "Vlad The Impaler" und "Fire" sind sichere Hits, auch wenn alles zu sehr nach Primal Scream, Stone Roses und Prodigy klingt. Oasis erklärten Kasabian übrigens mal zu ihrer Lieblingsband. Und Bruce Springsteen wünschte sich die Jungs als special guests in Glastonbury. Wer solche Freunde hat, braucht natürlich auch keine eigene Meinung mehr. (5) Andreas Borcholte
Broken Records - "Until The Earth Begins To Part"
(4AD/Beggars/Indigo, 5. Juni)
Da schwärmen sie wieder, die britischen Blätter, von dem nächsten großen Ding, der Band, die dieses Jahr die Welt retten wird. Broken Records kommen aus Schottland, sind zu siebt und wurden vom "Guardian" bereits die britischen Antwort auf die Indie-Lieblinge Arcade Fire genannt. Nur: Viel mehr Herz als die Kanadier haben Sänger Jamie Sutherland und seine Jungs angeblich. Stimmt wohl, ist aber auch nicht schwierig, wenn man traditionelle schottische Klänge und osteuropäische Folklore zu einer so sehnsüchtigen Musik verdichtet, dass man beim langen, furiosen Intro von "Nearly Home" meint, über eine frische, sehr grüne Wiese zu laufen. Barfuß, in viktorianischen Kleidern, den Geruch von nassem, frisch gemähten Gras in der Nase. An Mike Scott und seine am Ende leider glücklosen Waterboys denkt man, an Big Country, The Alarm. Doch Broken Records sind eben keine Pub-Band, die den großen Rahmen sucht. Hinter den elegischen, oft recht poetischen Texten Sutherlands steckt viel Bildungsbürgertum. Sein Vater habe ihn mit Gustav Mahler und Bob Dylan gequält, erzählte er einer britischen Zeitung. Romantisch, eskapistisch und hitzig lässt sich die Band zu stampfenden Nummern wie "If The News Makes You Sad, Don't Watch It" hinreißen - und dichtet Ejlert Lövborg, jener von Hedda Gabler in den Tod getriebene Romanfigur von Ibsen, eine wilde Liebesballade auf den glücklosen Leib. Dafür kann man sich schon mal begeistern. Wie Elbow, nur mit Fiddle.
(7) Andreas Borcholte
Placebo - "Battle For The Sun"
(PIAS/Rough Trade)
Als die einstmalige Glamour-Queen Brian Molko jüngst in einem Interview davon fabulierte, dass nur die Stones und U2 seine Band noch daran hindern würden, doch noch die größte Band unter der Sonne zu werden, durfte herzhaft geschmunzelt werden. Wo hat dieser Mann die letzten zehn Jahre verbracht? Dennoch verbietet es sich, über Placebo zu spotten, denn das Nervtötende an dieser Band waren ja weniger die Platten (auf immer großartig: "Without You I'm Nothing"), sondern vielmehr die gleichsam hündische Brian-Molko-Verehrung von Britpop-Mädchen, die Bowie, Nomi und Eno allenfalls vom Hörensagen kannten, aber gleichzeitig selig verzapften, wie revolutionär Molkos Cross-Dressing sei. Rational betrachtet und alle Zweifel beiseite gelassen, ist "Battle For The Sun" ein ziemlich gutes Placebo-Album: Für den erstaunlich schlapp beginnenden, aber später um so furioseren Titel-Song gibt es einen ganzen Extrapunkt. Der Mitgrölrefrain von "Ashtray Heart" wäre nicht nötig gewesen und die Single "For What It's Worth" ist allzu simpel, doch reizen die Bläser in "Kings Of Medicine" und das anheimelnd klingelnde "The Never-Ending-Why". Und jetzt mach schnell, Bill Kaulitz!
(6) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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