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16.06.2009
 

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Starker Trip. Andreas Borcholte unternimmt mit Wilco eine Reise in die großen Zeiten der US-Rockmusik. Jan Wigger lässt sich von Madness anrühren und kämpft mit Dinosaur Jr. gegen das Vergessen.

Wilco - "Wilco (the Album)"
(Nonesuch/Warner, 26. Juni)

Ein keckes Kamel auf dem Cover - deutlicher kann man kaum signalisieren, dass beim Hören dieses neuen Wilco-Albums mit Schabernack zu rechnen ist. Tatsächlich geht es gleich mit einer fröhlich dahinrumpelnden Nummer los, die in dem Refrain "Wilco will love you, Baby" mündet. Ein schräger, selbstreferentieller Todd-Rundgren-Moment der Gruppe aus Chicago, die von Musikkritikern gerne als letzte große amerikanische Rockband gefeiert wird. Zu Recht, denn das lustige Kamel entpuppt sich als Fassade für einen vielschichtigen Trip durch die großen Zeiten amerikanisch geprägter Rockmusik der sechziger und siebziger Jahre.

Offensichtlich vollständig erholt von den Nachwirkungen seiner Entziehungskur, die dem Album "Sky Blue Sky" eine verträumte Niedergeschlagenheit verlieh, gibt sich Sänger und Songwriter Jeff Tweedy so handfest und zupackend wie einst zu "A.M"-Zeiten. Dennoch zieht sich das schön melancholische Thema eines Abschieds von einer großen Liebe durch die Texte. Alle Höhen und Tiefen werden besichtigt - vom herzerwärmenden Duett "You And I" (mit Leslie Feist) über das kämpferische "I'll Fight" und die Mord-Phantasie "Bull Black Nova" bis zum melancholischen "Everlasting", mit dem das Album endet. Bis dahin haben Tweedy und seine Band den urbanen Blues von Velvet Underground ebenso gewürdigt wie den Countryrock der Eagles und die in den Äther geschredderten Feedbacks von Neil Young und Crazy Horse. "You Knever Know" schließlich verbeugt sich rührend vor George Harrisons "My Sweet Lord" - inklusive der in den Refrain gehobenen Zeile "I don't care anymore". So viel virtuose Leichtigkeit hatte man Tweedy gar nicht zugetraut. Mit "Country Disappeared" findet sich sogar ein Abgesang auf die letzten Jahre der Bush-Regierung auf dem bis zum Bersten mit Ideen, Klängen, Gefühlen und Stimmungen gefüllten Album. Vielleicht das unauffälligste der vielen Meisterwerke von Wilco. He's got a peaceful easy feeling. (9) Andreas Borcholte

Madness - "The Liberty Of Norton Folgate"
(Lucky Seven)

Für die alten Sachen waren wir zu jung, doch weil "Our House" 1982 im Musikfernsehen lief, kauften sich viele ältere Geschwister das vierte Madness-Album "The Rise And Fall", das wir uns später auch mal leihen durften. "Tomorrow's Just Another Day" und "Primrose Hill" waren viel besser als "Our House", doch was die Tröten, das Saxophon, die eckigen Kompositionen und die Hanswurstiaden in den bald berühmten Madness-Videos sollten, blieb uns damals noch verborgen.

Wir hatten keine Ahnung von England, von Mrs. Hutchinson, Ballonhosen, Michael Caine und dem Damoklesschwert, das in Form eines ständig drohenden Herzstillstands ("Cardiac Arrest") über uns schwebte - doch gerade deshalb liebten wir die sonderbare Band Madness. "The Liberty Of Norton Folgate" ist der vielleicht treffendste Titel für ein Album der sehr späten Madness-Phase. Und ganz ohne Fan-Bonus: "That Close", "MK II", "Rainbows" und das rührende, ja bestürzende "Sugar And Spice" bringen den stärksten Mann zum Weinen: "But every day at half past five / I'd be waiting at the station for you to arrive / I'd take your hand and walk you home / And if it rained we'd shelter in the Hippodrome". Wer den Text des weniger gängigen Springsteen-Songs "Loose Ends" kennt, weiß, was gemeint ist. Und trotzdem fragt man sich, während man "Bingo" hört, ob der Melodienreichtum von "The Liberty Of Norton Folgate" nicht doch wieder nur den paar Leuten etwas bedeutet, die an die Kraft der Erinnerung glauben und die alten Madness-Platten hüten wie einen Schatz. Es soll uns für den Augenblick egal sein. (8) Jan Wigger

Dinosaur Jr. - "Farm"
(PIAS/Rough Trade)

Allzu viele Fragen wirft ein neues Album von Dinosaur Jr. heutzutage ja nicht mehr auf, aber zwei davon sind wesentlich: Wie kann es sein, dass J Mascis' Stimme, dieses heilige Gequengel zwischen schönem Leid und grober Zerrissenheit, noch immer ganz genau so klingt wie vor 22 Jahren auf "You're Living All Over Me"? Und warum hält die Mesalliance zwischen Mascis und Lou Barlow, deren Nicht-Verhältnis zueinander zeitweise nur noch in Gilmour/Waters-Einheiten zu messen war, nun schon zwei ganz erstaunliche und vollkommen unpeinliche Platten lang an? Als ergraute Eminenz und Gitarren-Gott lärmt und donnert Mascis auch auf "Farm" dem Vergessen entgegen. Schon das süßliche, steinerweichende "Plans" ruft die Erinnerung an "The Wagon", an "Little Fury Things", "I Don't Think So" und all die anderen herzensguten Gniedeleien dieses großen Schweigers und Verweigerers wieder wach. Es gibt bemerkenswert viele lange Songs auf "Farm", doch in den längsten ("I Don't Wanna Go There") hat J Mascis noch einmal das eine, vier Minuten lange, unsterbliche Gitarren-Solo hineingepackt, das alle anderen Gitarren-Soli sprengt. Party like it's 1987. Ach, was sind wir alt geworden. (7) Jan Wigger

God Help The Girl - "God Help The Girl"
(Rough Trade/Beggars/Indigo)

God help the nerds: Schon als ruchbar wurde, es könnte sich bei Stuart Murdochs Quasi-Solo-Album "God Help The Girl" womöglich um Musik zu einem Musical (!) handeln, wurden alle nur erdenklichen Gemeinplätze zum Thema aus Omas Klischee-Kiste hervorgekramt. Natürlich nur von Leuten, die weder die gemeinhin bekannten Musicals, noch ergreifende Musicalfilme wie "Die Regenschirme von Cherbourg" oder "Das Leben ist ein Chanson" gesehen haben. Zur Entwarnung sei gesagt, dass es eben doch ein eher normaler Film ist (in dem ab und an gesungen wird), zu dem der Belle & Sebastian-Flüsterer Stuart Murdoch ein vorläufiges Drehbuch geschrieben hat. Weil aber das Filmgeschäft listig und verlogen ist (wie Belle & Sebastian bei einer Auftragsarbeit für Todd Solondz schmerzhaft erfahren mussten) und niemand weiß, ob das Projekt jemals realisiert werden wird, hat Murdoch die großzügig orchestrierten Lieder zur Geschichte vorausgeschickt: Das fabelhafte "Musician, Please Take Heed", den hier von Brittany Stallings etwas überemotionalisiert vorgetragenen B&S-Song "Funny Little Frog" und Neil Hannons köstliches "Perfection As A Hipster". Murdoch selbst singt nur selten, doch Alex Klobouks Foto im Booklet lässt Herzen schmelzen. (7) Jan Wigger

Regina Spektor - "Far"
(Sire/Warner, 26. Juni)

Nach ein paar Takten, nach vierzig, vielleicht fünfzig Sekunden des ersten "Far"-Songs "The Calculation" weiß man wieder, warum die windelweiche Belanglosigkeit, in die Liedschreiberinnen wie Anna Ternheim oder Heather Nova nach famoser Frühphase abgedriftet sind, für Regina Spektor voraussichtlich nie ein Thema werden wird: Ihre Songs sind zu wendig und aufgeweckt, ihre Stimme ist zu beständig, um als Hintergrundmusik für den Mainstream zu taugen. Dass die Spektor für "Far" unter anderem Jeff Lynne, Jacknife Lee (Weezer, R.E.M) und Mike Elizondo (Eminem, Dr.Dre) zur Überwachung gewinnen konnte, tut nichts zur Sache, denn formidabel wären Songs wie "Laughing With", "One More Time With Feeling" und das kühn geklimperte "Folding Chair" (das fast so gut ist wie Spektors einstmalige Sternstunde "Samson") auch dann, wenn man sie auf einem schrottigen Keyboard und ohne Produzent in der Wohnküche eingespielt hätte. Der Satz des Tages: "No one laughs at God in a hospital." One last laugh in a place of dying. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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