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19.06.2009
 

Popkomm-Absage

Angst vor der Flatrate

Von Christoph Twickel

Die weltweit größte Musikmesse Popkomm wird dieses Jahr nicht stattfinden - die Branche leide zu sehr unter den illegalen Downloads. Ein fadenscheiniges Argument: Die Plattenfirmen sperren sich gegen innovative Ideen wie die Kultur-Flatrate und üben stattdessen Druck auf die Politik aus.

Tim Renner bracht es im Deutschlandradio auf den Punkt: Wenn es denn wahr sein soll, dass die diesjährige Popkomm ausfällt, weil die Internet-Piraterie die Musikindustrie ruiniere, dann sei der Branche das reichlich spät aufgefallen. Denn die größten Einbußen wegen illegaler Downloads, rechnete der ehemalige Universal-Chef vor, haben die Plattenfirmen zwischen 1998 und 2003 hinnehmen müssen.

Popkomm-Gründer Gorny: Politische Sanktionen statt neuer IdeenZur Großansicht
dpa

Popkomm-Gründer Gorny: Politische Sanktionen statt neuer Ideen

In der Tat: Die Begründung ist fadenscheinig und ein leicht zu durchschauender Versuch, die Krise der Musikindustrie für eine Kampagne zu nutzen, die Popkomm-Gründer Dieter Gorny schon seit Jahren fährt: "Wir wollen ein Zeichen setzen, dass die Politik nun endlich handeln muss, um den Diebstahl geistigen Eigentums im Netz zu stoppen", erklärte der Vorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie einmal mehr anlässlich der Popkomm-Absage am Freitag.

Die Major-Plattenfirmen, die Gorny repräsentiert, fordern von der Politik Maßnahmen wie in Frankreich: Nach drei Verwarnungen soll jenen, die urheberrechtlich geschütztes Material downloaden, der Internetzugang gesperrt werden. Nur: Das erst im Mai verabschiedete Gesetz ist erst vor ein paar Tagen vom französischen Verfassungsrat kassiert worden - zu Recht. "Die Sperrung von Internet-Zugängen halte ich für eine völlig unzumutbare Sanktion", hatte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries schon während der Diskussion um das umstrittene Gesetz erklärt. "Sie wäre verfassungsrechtlich und politisch hochproblematisch."

Mit der Popkomm-Absage wollen Gorny und Co. jetzt die nötige Alarmstimmung verbreiten, um solche Bedenken vom Tisch zu wischen. Viele Unternehmen könnten es sich wegen des Diebstahls im Internet nicht mehr leisten, an der Popkomm teilzunehmen - so erklärte Gorny die niedrigen Anmeldezahlen für die Popkomm. Doch die Begründung ist Nebelwerferei.

Natürlich: Dass der Umsatz aus dem Tonträgerverkauf in den letzten zehn Jahren um 41 Prozent zurückgegangen ist, hat viel mit dem Internet zu tun. Wer heute nach neuen Sounds sucht, surft MySpace oder Musikblogs ab. Von der Lieblingsband kauft man auch mal eine CD, alles andere ist ja online immer verfügbar, illegal, aber eben auch ganz legal.

Mit den geänderten Konsumgewohnheiten ist auch das auf CD-Verkauf basierende Geschäftsmodell in die Krise geraten. Dass die Popkomm abgesagt werden musste, beweist nur, dass sie in den letzten Jahren eher der Selbstdarstellung als dem Geschäftemachen diente. Kostspielige Renommier-Messestände und Showcases mag sich die Branche eben nicht mehr leisten.

Und an all dem sollen jetzt die bösen Tauschbörsianer schuld sein? Branchenvisionäre wie Tim Renner verweisen seit Jahren darauf, dass die Peer-to-Peer-Anarchie nicht politisch in den Griff zu bekommen ist und fordern ein Umdenken - etwa in Richtung einer Kulturflatrate für alle: Jeder Internet-User zahlt mit dem Anschluss eine Gebühr an eine Verwertungsgesellschaft, aus dem dann die Urheber ihren Anteil am Download-Kuchen ausbezahlt bekommen.

"Monetizing Anarchy" nennt der US-Musikmanager Jim Griffin die Idee: Die illegalen Download-Börsen würden auf diese Weise zu legalen Marktplätzen im Internet, auf denen auch die Plattenfirmen ihren Schnitt machen. Doch Gorny und Co. lehnen das Modell entschieden ab. Man kann nur hoffen, dass die Politik nicht auf ihr Lamento hereinfällt. Denn dass sich die Plattenfirmen durch härtere Verfolgung von Download-Langfingern aus der Krise befreien, bleibt Wunschdenken von Lobbyisten, die sich an ein überholtes Geschäftsmodell klammern, statt neuen Ideen den Weg zu bereiten.

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