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30.06.2009
 

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Die wichtigsten CDs der Woche

Kann man den Sexismus-Rap von K.I.Z. wirklich gut finden? Man kann und man sollte, meint Jan Wigger und leidet unter den Cover-Versionen von Nouvelle Vague. Andreas Borcholte findet den Achtziger-Jahre-Sound von Major Lazer genial fies - und würde Jack White gern mit Jon Spencer verkuppeln.

K.I.Z - "Sexismus gegen Rechts"
(Vertigo/Universal, 10. Juli)

Für Verhaltensanomalien verschiedenster Art ist in der Welt, in der wir leben, kaum noch Verständnis zu erwarten. Hört man beispielsweise den Sound eines Zahnarztbohrers lieber als Vogelzwitschern um vier Uhr morgens, droht die Auswechselbank der sozialen Akzeptanz. Auch das Thema K.I.Z konnte man bisher allenfalls mit seinen Fußball-Kumpels, den MCs der kommenden Hamburger HipHop-Sensation Pimmel-Mikado oder dem ortsansässigen Döner-Mann erörtern - den meisten Indie-Gestalten war es aus Verklemmtheits-, Humor- oder Political-Correctness-Gründen leider nicht möglich, näher auf die Herrlichkeit der grandiosen Lyriker Tarek, Maxim, Nico und DJ Craft einzugehen.

Die allerdings bezieht sich vor allem auf das epochale erste Album "Das Rap Deutschland Kettensägen Massaker" und die beinahe ebenso exquisite, etwas cleanere zweite LP "Böhse Enkelz". Danach wirkte "Hahnenkampf" trotz der Smasher "Klassenfahrt" und "Spasst" etwas zahnlos, weshalb die Vorfreude auf "Sexismus gegen Rechts" eher gedämpft ausfiel. Und dennoch ließen vorab publik gemachte Songtitel wie "Auch Nutten wollen Pendlerpauschale" und "Ringelpiez mit Anscheißen" wieder Großes erhoffen. Mit Recht? Der unerhörte Einfallsreichtum und die comichaften, grotesk übersteigerten Alphatier-Lyrics bleiben eine Offenbarung, das stilisierte Selbstbild der Berliner Rapper wie gehabt: "Es ist Liebe/ Du sitzt bei meinen Eltern und hältst um meinen Schwanz an." Musikalisch verliert "Ohrfeige" den direkten Vergleich mit "Alles Schlampen außer Mutti" und "Klopapier" ist hoffentlich nicht das, was K.I.Z für Rockmusik halten. Bleiben fünf, sechs tolle Tracks und die Unwegsamkeiten des ungewohnten Alltags zu zweit: "Ja, jetzt wird wieder in die Hände gewichst/ Du hast mich auf'm Klo mit der 'Wendy' erwischt." Finden Sie nicht komisch? Dachten wir uns. (6) Jan Wigger

Major Lazer - "Guns Don't Kill People... Lazers Do"
(Downtown/Cooperative Music/Universal, 3. Juli)

Es wird langsam ein bisschen langweilig, aber man hat fast den Eindruck, als breche der ganze, öde Achtziger-Jahre-Hype jetzt erst so richtig aus. Geschlagene zwei Jahre nach dem bahnbrechenden Album der New Yorker The Ones, aber immerhin parallel zu den britischen Elektro-Nerdinnen Little Boots und La Roux haben jetzt auch zwei der angesagtesten DJs und Produzenten ihre alten Snap!- und 2Unlimited-Platten wiederentdeckt: Der Amerikaner Diplo (Santigold, M.I.A.) und der Brite Switch nennen sich gemeinsam Major Lazer und vermengen auf ihrem ersten Album Dancehall-Sounds mit fiesestem Achtziger-Euro-Trash. Kurz gesagt: Heißer geht's nicht, bedenkt man den Zeitgeist. Natürlich macht jede Menge Untergrund-Prominenz mit, angefangen von der neuen, weißen HipHop-Sensation Amanda Blank, die ebenso wie Diplo aus Philadelphia stammt, bis hin zu Dance- und Elektrostars wie Ms. Ting und Einstein.

Gut ist das immer dann, wenn die beiden Promi-DJs alles wild durcheinander mixen und Spaghetti-Western auf Surf-Gitarre und antike Breakbeats prallen lassen wie in "Hold The Line" oder im rasanten, von übersteuerter Bassgitarre getriebenen "Lazer Theme". Anderes auf diesem comichaften Wundertüten-Album ist allerdings so brutal auf Eighties-Disco getrimmt, dass es bei allem ironischen Spaß ein wenig schmerzt. Und ob man im Jahre 2009 immer noch den alten "Mary Jane"-Witz (im Songtitel!) bringen muss, ist ebenfalls höchst fraglich. Diplo und Switch sind die Black Eyed Peas des hippen Undergrounds. You got to be startin' somethin'.
(7) Andreas Borcholte

Nouvelle Vague - "3"
(PIAS/Rough Trade, 3. Juli)

Es ist ein Kreuz mit den Cover-Versionen. Nur jeder hunderttausendste Versuch gelingt so gut wie Melanies "Ruby Tuesday", wie John Cales "Hallelujah" oder wie Hendrix' "All Along The Watchtower". Die Franzosen Marc Collin und Olivier Libaux dagegen versuchen sich auch auf ihrem dritten Album "3" wieder äußerst erfolgreich darin, einst bedeutungsvolle Lieder komplett bedeutungslos zu machen. Wer glaubt, Annemarie Eilfelds Version von "Purple Rain" war ein Ärgernis, sollte zeitnah "Ça Plane Pour Moi" von Nouvelle Vague hören. Wer danach überhaupt jemals wieder mit Musik zu tun haben will, der probiere es auch einmal mit "Blister In The Sun", "Road To Nowhere", "God Save The Queen" (ja, das von den Sex Pistols) und "Such A Shame" - jeweils entweder überemotionalisiert oder vollkommen teilnahmslos eingesäuselt von "famosen Französinnen" (Infoschreiben). Wer außer Hotelbetreibern (für die Lobby), Schönheitschirurgen (für das Wartezimmer), Beachclub-Besuchern (für die "Atmo") oder besonders schmierigen Charmeuren (fürs sensible Flachlegen) braucht eigentlich diese (handwerklich immerhin einwandfreie) Platte? "Unsere Idee war es", so Marc Collin, "möglichst junge Sängerinnen zu gewinnen, denen die Bedeutung von Punk und Post-Punk gar nicht wirklich bewusst ist." Eine leichte Aufgabe, wie hier eindrucksvoll bewiesen wurde. (4) Jan Wigger

The Dead Weather - "Horehound"
(Columbia/Sony, 10. Juli)

Jetzt stöhnen sogar schon eingefleischte Fans: Sollte Jack White vielleicht mal eine Pause einlegen in seinem ungestümen Drang, ständig irgendwas veröffentlichen zu müssen. Och nö, da geht schon noch was. Selbst "Horehound", die launig dahingeworfene, zwischengeschobene, wahrscheinlich an drei Tagen live eingespielte Kollaboration von White mit Kills-Sängerin Alison Mosshart sowie Raconteurs-Drummer Jack Lawrence und Queens-of-the-Stone-Age-Gitarrist Dean Fertita, hat so ihre Momente. Man muss sie sich allerdings hart erarbeiten. Denn White, der sich seine Gitarren aus ein paar Brettern und einem Stück Bindfaden notfalls auch selbst bauen kann, setzte sich bei The Dead Weather an die Drums, wie einst, als er seine Musikerkarriere begann. Der Gesang stammt hauptsächlich von Mosshart, die Gitarren zumeist von Fertita, so dass kein rechtes White-Feeling aufkommen will, bis man in Songs wie "60 Feet Tall" oder "New Pony" plötzlich diese ganz ungewohnte Led-Zeppelin-Brachialität entdeckt. Da weiß der Fachmann: Hier brach sich womöglich die Recherche Bahn, die White für die Guitarrero-Doku "It Might Get Loud" vornahm, in deren Verlauf er auf Jimmy Page und The Edge treffen sollte. Schön, wenn die Inspirationswege mal so transparent ist. Aber keine Angst, nach U2 klingen The Dead Weather zum Glück nie. Stattdessen probiert sich White im Instrumental "3 Birds" als Lalo-Schifrin-Adept. Ansonsten fühlt man sich angesichts der vielen knarzigen, ruppigen "Horehound"-Songs immer wieder an den explodierenden Fuzz-Blues von Jon Spencer erinnert. Was macht der eigentlich? Vielleicht sollte er Jack White mal einen Besuch abstatten. Wer weiß, was dabei rauskäme. (6) Andreas Borcholte

Jack Peñate - "Everything Is New"
(XL/Beggars/Indigo, bereits erschienen)

Man kann die Hülle der zweiten Jack-Peñate-Platte "Everything Is New" drehen und wenden, wie man will: Sie sieht immer so aus wie ein etwas linkischer Kommentar zu Douglas Morgan Halls Ölgemälde auf dem Cover des Tocotronic-Meisterwerks "Kapitulation". Von dem Peñate wohl kaum gehört haben kann. Ganz im Gegensatz zu Robert Smiths ewig genialem Leiern, dem der Londoner schon im ersten neuen Song "Pull My Heart Away" wieder verdächtig nahe kommt. Tatsächlich erstaunt die Selbstverständlichkeit, mit der Peñate den soulinformierten Power-Pop des Debüts "Matinee" nun gegen einen weniger offensichtlichen, gekonnt groovenden Disco-Funk mit leichten Afrobeat-Anleihen eintauscht. Oder in "Let's All Die" verfrüht den Weg allen Fleisches beschreitet: "When our life is over/ Let's not cry/ Let's all die/ Out of the womb and into the tomb." Don't stop 'til you get enough. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Ja nu, zwischen sechs Monate Wartezeit nach VÖ auf CD wie bisher und Bestellungen beim Label in den USA für Platten in lustigen Vinylfarbkombinationen ist dann doch noch irgendwie ein Unterschied. Aber schee sans scho... [...] mehr...

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