Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Die dunkle Kraft in der Stimme des Interpol-Sängers Paul Banks alias Julian Plenti lässt Jan Wigger selig erschauern - und selbst die allseits gehypten Passion Pit finden Gnade. Andreas Borcholte lässt sich von Slow Club vorführen, das Trennungen auch Komik innewohnt.
Julian Plenti - "Julian Plenti Is... Skyscraper"
(Matador/Beggars/Indigo, 31. Juli)
Die verschiedenen Schichten und Lasuren, an denen man sich abarbeiten musste, um die ganze Pracht eines Albums wie "Our Love To Admire" (2007) zu erfassen, scheinen auf "Julian Plenti Is... Skyscraper" fast ganz verschwunden zu sein. Paul Banks, sonst gravitätische Leidensfigur und Sänger bei Interpol, hat dem Klischee entsprechend die Freuden einer ganz bestimmten Produktions-Software entdeckt und seine über die Jahre entstandenen Songs zu einem ersten Soloalbum zusammengefasst. Die dunkle Kraft, die mit einem Mal den Raum erfüllt, wenn Banks alias Plenti die Stimme hebt, wirkt nun auch auf "No Chance Survival", dem neben "On The Esplanade" und "Girl On The Sporting News" besten Song dieser durchaus leichtgängigen Platte: "Your heart and your smile align me/ And I make you safe/ There's no chance survival/ But slow time to waste."
Wenn Plenti wie in "Skyscraper" oder "Madrid Song" ein paar Worte genügen, um das kollektive Unwohlsein voranzutreiben und die Streicher gefährlich sirren, sieht man wieder ins wahre Gesicht des Künstlers und Beschwörers Paul Banks: Dem Mann, der sich Gott sei Dank meist weigert, aufdringlichen Journalisten und anderen Fremden Auskunft über sein Privatleben zu erteilen. No one belongs here more than him. (8) Jan Wigger
Slow Club - "Yeah, So"
(Moshi Moshi/Cooperative/Universal, bereits erschienen)
Dieses lustige Duo aus Sheffield ist bitte nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Jazz-Projekt des Österreichers Hansi Lang. Mit Jazz und Lounge haben Charles Watson und Rebecca Taylor ohnehin nichts am Hut, es sei denn, man rechnet ihr vor allem live ausgelebtes perkussives Herumdreschen mit Löffeln, Flaschen und anderen Gegenständen der Improvisationskunst zu. Auf ihrem Debütalbum "Yeah, So" geben sich die beiden als launig-schrammelnde Lo-Fi-Ausgabe von Cash/Carter oder Hazlewood/Sinatra - und haben es geschafft, dem offenkundigen Ende einer langen Liebesbeziehung einige lakonische - und damit erträgliche Seiten abzugewinnen. Da geben sich die beiden im Duettgesang mal kämpferisch ("Giving Up On Love"), mal realpolitisch ("It Doesn't Have To Be Beautiful"), oft schwarzhumorig ("Because We're Dead", "Sorry About The Doom") oder geradeheraus sentimental ("There's No Good Way To Say I'm Leaving You").
Am schönsten aber ist es, wenn Rebecca Taylor mit Northern-Soul-Timbre in "Apples And Pairs" klagt: "I look at you, you look away/ It's the beginning of the end today/ But for fifteen minutes or so/ We were there." Für alle, die ausgerechnet in der dafür denkbar ungeeigneten Sommerzeit mit Herzschmerz klarkommen müssen, ist dieses sympathisch unprätentiöse Debüt eine kleine Offenbarung. Und Springsteen wird im Schlusslied auch noch zitiert. (7) Andreas Borcholte
Magnolia Electric Co. - "Josephine"
(Secretly Canadian/Cargo, 24. Juli)
Früher, als Jason Molina noch unter der Bezeichnung Songs: Ohia aufnahm und in "Cross The Road, Molina" gar keine Straße überquerte, konnte man denen, die Jason nicht von Will Oldham unterscheiden konnten, nicht ernsthaft böse sein. Heute gibt es das traurige Liedchen als "Ringtone", und wenn das Handy klingelt, ist die Straße frei. Die Musik, die Songs: Ohia um die Jahrtausendwende spielten, als bekümmert zu bezeichnen, wäre untertrieben. Vielmehr fragte man sich, wie sich ein Mensch über den Tag rettet, der ausschließlich Molina, Oldham, Codeine und Souled American hört - und Menschen wie diese gab es zu jener Zeit einige. Aus "Josephine" ist wieder ein ernsthaftes, gewichtiges Album geworden, und die verzerrt aufjaulenden Gitarren, die Molina und Jason Groth als Crazy-Horse-Wiedergänger auf "Trials & Errors" (2005) benutzten, sind nicht mehr da. "Josephine" ist dem ehemaligen Magnolia-Bassisten Evan Farrell gewidmet, der am 23. Dezember 2007 bei einem Wohnungsbrand verstarb. Für Molina als Allegoriker fallen natürlich alle potentiellen Verlustfälle zusammen, so auch der voreilige Abschied von "Josephine": "I lived so long with the shadows/ Lord, I became one of them/ Oh, what a fool I've been/ Josephine." Für Sanguiniker auf Albumlänge zu eintönig, für Genre-Hörer vermutlich ein Fest.
(7) Jan Wigger
Portugal. The Man - "The Satanic Satanist"
(Defiance Records/Cargo, bereits erschienen)
Die ersten Alt-Fans, die Portugal. The Man damals in der "Visions" kennenlernten, maulen schon. Genau genommen aber war es bereits das dritte Album "Censored Colors", das die Gemeinde sprengte: Hier stellte jedes einzelne Mitglied der Band aus Wasilla, Alaska, seine komplette Plattensammlung (und die beider Elternteile und aller älteren Geschwister) zur Schau, was zu einem Werk ohne Leerstellen und wenig Luft zum Atmen führte. Nun aber gilt es, diese hinreißend betitelte Platte zu feiern, die Big Star ("People Say") ebenso viel verdankt wie Isaac Hayes ("Lovers In Love") und den Beatles der "Sgt. Peppers"-Phase ("Mornings"). Die offensichtliche Liebe zum Soul, die Portugal. The Man noch nie so deutlich ausstellten wie auf "The Satanic Satanist", erinnert aber auch an zeitgenössiche Bands wie Dr. Dog, für die sich Marvin Gaye und Buffalo Springfield niemals gegenseitig ausschließen. Bonus für Träumer: Eine Covergestaltung, an die zuletzt nur "Skeletal Lamping" von Of Montreal heranreichte.
(7) Jan Wigger
Passion Pit - "Manners"
(Frenchkiss/Columbia/Sony, bereits erschienen)
Nach einem "Warum?" etwas komplexerer Natur darf man nicht fragen. Die Antwort lautet immer gleich: "Weil noch Nachfrage besteht." Also nicht weinen, weil nach Interpol die Editors und nach den Editors sogar noch die White Lies funktionierten. Mit Qualität hat das wenig zu tun, eher mit Bequemlichkeit oder dem zwar uralten, doch ewig jungen Zitat von Tom Liwa: "Fünf Jahre nach mir und drei Jahre nach Blumfeld/ Kaufen sie alles ein, was deutsch singt/ Und laut genug lügen kann." So schlimm ist das Passion-Pit-Debüt "Manners", das zweifellos Fans von MGMT und Empire Of The Sun anspringen soll, keinesfalls geraten. "Sleepyhead", "The Reeling" und "Little Secrets" sind die todsicheren Hits, Brian Wilson, hochgepitchte Vocals und Kinderchöre längst wieder cool - und AC/DC-Minister Guttenberg hat zu Weihnachten was Neues für den iPod. Und beginnt der dahingezauberte Psych-Folk "Moth's Wings" nicht so, als würden sie gleich den Stones-Song "2000 Man" covern? Hält bis zur WM 2010, mit Option auf mehr.
(7) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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