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31.07.2009
 

Jazz und Wirtschaft

Manager sollten Miles hören

Von Hans Hielscher

Durcheinander im Betrieb? Gut so! Wissenschaftler und Unternehmer haben den Jazz als Vorbild für die Wirtschaft entdeckt und fordern: Eine Firma sollte am Rande des Chaos agieren - wie eine gut eingespielte Band.

Der Bandleader nennt ein altbekanntes Stück, sagt die Tonart an, gibt das Tempo vor und los geht's: Die Melodie-Instrumente spielen das Thema, während Piano, Bass und Schlagzeug für den Rhythmus sorgen. Dann improvisieren einzelne Bandmitglieder: Sie spielen, was ihnen einfällt - solange es nur in die Harmoniefolgen des Stückes passt. Im vorgegebenen Rahmen erfinden die Musiker neue Melodien, Kollegen greifen Ideen ihrer Vorgänger auf, die Rhythmusgruppe fällt in einen groovenden Swing. Ein noch nie gehörtes Stück entsteht.

"Jazz ist ein wunderbares Modell für Management", sagt August-Wilhelm Scheer, "weil eine Jazzgruppe mit einem Minimum an Regeln ein Höchstmaß an Kreativität erreicht."

Der Mann weiß, wovon er spricht. Scheer lehrte als Universitätsprofessor Wirtschaftsinformatik, gründete eine Software-Firma mit 3000 Mitarbeitern, wurde 2003 zum Unternehmer des Jahres gekürt - und ist als Bariton-Saxofonist so gut, dass er mit Spitzenprofis in namhaften Jazzbands musizieren kann.

Was ist bloß los in der Welt des Jazz?

Auf der einen Seite wird die Musik angesichts fallender Plattenumsätze, schrumpfender Publikumszahlen bei Konzerten und der Überalterung seiner Stars als ein sterbendes Genre abgeschrieben. Auf der anderen Seite beschäftigt sich die internationale Fachzeitschrift "Organization Science" in einer Sondernummer mit Jazz als Modell für Unternehmen im 21. Jahrhundert; Wissenschaftler schreiben über "jazz based learning" und prägen den Begriff "Jazzonomics" für die Idee, "Jazz als Impulsgeber für die Wirtschaft" zu nutzen - gerade in Krisenzeiten.

Auch für Scheer war und ist Jazz mehr als ein Hobby: Seine IDS Scheer AG hat der Erfolgsunternehmer im Stil einer Jazzband geführt. Nun hat er seine Erkenntnisse unter dem Titel "Jazzimprovisation und Management" publiziert.

Ihm ist klar, dass der Begriff "Improvisation" in der Wirtschaft eher negativ besetzt ist; er komme vor allem ins Spiel, wenn sich Planung als falsch erweise. Doch im turbulenten Umfeld von heute - vor allem in der IT-Industrie - sei es oft gar nicht mehr möglich, Pläne zu machen. Vielmehr müsse auf neue Entwicklungen und Stimmungen reagiert - also improvisiert - werden, schreibt Scheer. Das funktioniere dann besser innerhalb einer Gruppe mit flacher Hierarchie und hohen individuellen Entfaltungsmöglichkeiten; so wie in einer gut eingespielten Jazzband, in der jeder Musiker "am Rande des Chaos" abwechselnd als Begleiter und als Solist agiert. "Diese Organisationsform", so Scheer, "wird auch von modernen Unternehmen in der Hightech-Industrie angestrebt."

Managern wie Scheer gilt Miles Davis als Vorbild, weil er von seinen Musikern ständig eigene Ideen einforderte. Der Bandleader und Trompeter hatte zudem ein Gespür für neue Trends und gehört deshalb zu den Schöpfern der Jazzstile seiner Schaffensjahre: Bebop, Cool Jazz, Modaler Jazz, Rock Jazz. Viermal im Leben stilbildend an neuen Entwicklungen beteiligt zu sein - davon träumen auch Manager. Denn: "In der Hightech-Welt", schreibt Scheer, "ist die Fähigkeit, sich neuen Technologiewellen zu öffnen und sie mitzugestalten, Voraussetzung für ein längerfristiges Überleben der Unternehmen."

Seine IDS Scheer AG hat der inzwischen 67-jährige im Juni verkauft. Doch als Präsident des Verbands der Informationswirtschaft, Telekommunikation und neuen Medien (Bitkom) und als Mitglied etlicher Gremien mischt Scheer weiter in der Wirtschaft mit. Als Jazzmusiker ist er zusammen mit dem amerikanischen Trompetenstar Randy Brecker auf dem neuen Album der Band Groovin' High zu hören. Die verbreiteten Untergangsängste für seine Lieblingsmusik teilt Scheer nicht. "Derzeit mögen weniger CDs verkauft werden", räumt er ein, "aber nie zuvor hat es in Deutschland an so vielen Schulen Jazzbands gegeben."


Lesen: August-Wilhelm Scheer: "Jazz-Improvisation und Management" ( www.ids-scheer.com); Marco Ostrowski: "Jazzonomics" (in der Zeitschrift "Jazzpodium" vom 7.8.2009)

Hören: Oliver Strauch's Groovin'High: "Live With Randy Brecker" (Jazz'n'Arts Records)

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Die Leipziger Jazztage vom 21. - 30. August 2009 stehen dieses Jahr unter der Schirmherrschaft des sächsischen Staatsministers für Wirtschaft und Arbeit Herrn Thomas Jurk und dies nicht ohne Grund, denn hier wird aktiv gelebt, was [...] mehr...

31.07.2009 von ChesneyB: @Matthias_H und Jörn Bünning

Herr H. hat leider recht. Das ist das Schicksal des Amateurs. Ein Bild davon kann man sich auf folgender Seite machen: http://www.bongos-bigband.de/index.php/cd-download Man möge übrigens einmal bedenken: ein gewisser Herr [...] mehr...

31.07.2009 von aqualung: bitches brew

Ach ja, wat hatten wir nicht schon alles ?! Management by delegation Management by empowerment Management by champignons Management by dit un dat un trallala Nu also management by jazz, na schön...auch das geht vorbei [...] mehr...

31.07.2009 von Hugo Habicht: Tja, warum ist das so?

Berichten Sie doch mal was Positives :-) (statt hier so rum zu raunzen ;-) ) Tja, warum ist das so? Der Hauptgrund liegt wohl in der - wie heißt dass heute - Asymmetrie der Medien. Es ist das tief empfundene und [...] mehr...

31.07.2009 von jazzcity: Manager sollten Miles hören

Hielscher rührt Quark zusammen, der schon reichlich gegoren ist. Was am Thema wirklich dran ist kann man hiernachlesen: http://www.michael-ruesenberg.de Texts anklicken mehr...

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