Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Ausgerechnet der zur Schauspielerei konvertierte Rapper Mos Def rettet das HipHop-Jahr mit seinem schillernden Album "The Ecstatic", staunt Andreas Borcholte. Jan Wigger lobt den ewig verkannten Joe Henry und geht mit Simian Mobile Disco widerwillig tanzen.
Mos Def - "The Ecstatic"
(Downtown/Cooperative Music/Universal, 21. August)
Dieses Album ist eine veritable Überraschung, denn von Dante Terrell Smith alias Mos Def hatte man eigentlich keine gute HipHop-Platte mehr erwartet. Ende der Neunziger, als der Rapper aus Brooklyn zusammen mit Talib Kweli das Album "Black Star" veröffentlichte, Dope-geschwängerter Conscious-Rap mit manchmal schräger, aber höchst subversiver Message, sah man das Duo schon in der Tradition von HipHop-Giganten wie A Tribe Called Quest. Doch Mos Def, der 1999 sein Debüt vorlegte, konzentrierte sich Anfang des neuen Jahrtausends eher auf seine Schauspieler-Karriere und wurde durch markante Auftritte in "The Woodsman" oder "16 Blocks" zum Gesicht, das eher nach Hollywood gehörte als auf die Straßen von Brooklyn. Nach dem missglückten "True Magic" (2006) löst Def nun mit "The Ecstatic" endlich das große Versprechen ein, dass man vor rund zehn Jahren in ihm vermutete: Schon auf dem Cover, einem stilisierten Still aus Charles Burnetts Ghetto-Klassiker "A Killer of Sheep" von 1977, zeigt der Rapper, dass es ihm um Street Credibility statt Bling und Blitzlicht geht - sein bekanntes Leinwand-Konterfei soll keine Rolle spielen.
Co-Produziert unter anderem von Neptunes-Hälfte Chad Hugo, Oh No, Mad Lib und Dilla legt der zum Islam konvertierte Rapper eine Kaskade zumeist kurzer Tracks vor, die zwischen treibendem Old School-Flair ("Quite Dog Bite Hard"), Superproducer-Bombast ("Live in Marvelous Times"), Retro-Charme ("Supermagic") pendeln. Präzise, nur manchmal in alte Abschweif-Bewegungen durch zuviel Gras-Konsum verfallend, rappt Def in Tracks wie "Auditorium" (mit Slick Rick) auch über das Schicksal der G.I.s im Irak und macht sich über Terror-Ängste im Flugzeug lustig ("The Embassy"). Immer wieder würzt er die Stücke mit arabischen Soundsamples, so dass das Album einen seltsamen Charme erhält, der zwischen Anti-Vietnamkriegs-Pose, Sozialstress der Siebziger, Hippie-Irrsinn und ganz aktuellen Themen changiert. Zeit für Durchhänger bleibt dabei kaum, "The Ecstatic" drängt in schnellen 45 Minuten voran wie ein zappeliger Teenager. Der manchmal über die Stränge schlägt: Der ulkige Reggae-Ausflug "Workers Comp." wäre ebenso verzichtbar gewesen wie das in Spanisch gemurmelte "No Hay Nada Mas". Aber solche Späße werden immer wieder durch virtuose und vielschichtige Geniestreiche wie "History" (mit Talib Kweli) und die rührende Ballade (!) "Roses" aufgefangen. Wenn HipHop in der Krise steckt und die Gangsta schießmüde geworden sind, ist der Außenseiter Mos Def ein kräftiger Lichtblitz am Horizont. Gut gebissen, Dog! (8) Andreas Borcholte
Joe Henry - "Blood From Stars"
(Anti/SPV, 21. August)
Schon einige Jahre vor Ron Sexsmiths "Retriever" (2004) tauchte Joe Henrys stilistisch verwandte Songwriter-Platte "Trampoline" in den Bestenlisten der Kritiker auf. Schon da war der insbesondere in Folk-und Country-Kreisen beliebte Henry eine lange Zeit dabei, und "Blood From Stars" ist nun das elfte Album dieses großen amerikanischen Musikers. Henrys gerade im Abgleich mit Sexsmith noch immer geringer Bekanntheitsgrad mag auch damit zu tun haben, dass man sich den höchst geschmackvollen und glänzend arrangierten Kompositionen nicht zwischen Tür und Angel nähern kann.
In "Truce" hat Henrys Sohn Levon einen bemerkenswerten Saxophon-Moment, "Death To The Storm" belehnt wieder einmal Tom Waits, und "Stars" erklärt mehr oder weniger in einem Satz die Arbeitsweise des als Cineasten berüchtigten Sängers: "I remember tomorrow/ Like it was yesterday." Und morgen wird wie heute sein. (7) Jan Wigger
Sleeping States - "In The Gardens Of The North"
(Bella Union/Cooperative Music/Universal, 14. August)
Markland Starkie aus Bristol eilt ein exzellenter Ruf voraus, doch einen Namen konnte er sich bislang noch nicht machen. Der Künstler konzertierte mit M.Ward, Electralane, Blonde Redhead und St.Vincent, und ein Mitglied der Band Grizzly Bear erklärte die frühe Sleeping-States-Single "Rivers/London Fields" zur wichtigsten Errungenschaft des Jahres 2006. All das ist nichts Besonderes und soll durchaus vorkommen im Musikgeschäft, doch Markland Starkies zweite LP "In The Gardens Of The North" wird der Reputation des Einzelgängers in weiten Teilen gerecht. Starkies Stimme gehört in den Spätherbst, Timbre und Tonfall gleichen zwei Superhelden vergangener Jahre: Rufus Wainwright und Bon Iver. Starkie sieht einige seiner Kummerlieder ausgerechnet von W.G Sebald und Franz Kafka beeinflusst, doch manchmal fehlt "In The Gardens Of The North" dann doch die Abwechslung, ein anderes Tempo, ein anderes Spiel.
(6) Jan Wigger
Simian Mobile Disco - "Temporary Pleasure"
(Wichita/Cooperative Music/Universal, 14. August)
Zuerst zu den Gästen, denn die konnten sich Simian Mobile Disco in ihrer Eigenschaft als Star-Produzenten, Star-Remixer und Star-Dienstleister nach "Attack Decay Sustain Release" ja erst recht erlauben: Alexis Taylor von Hot Chip, Young Fathers, Chris Keating von Yeasayer, Super-Furry-Animals-Sänger Gruff Rhys, Jamie Lidell, die tollen Telepathe und die heutzutage unvermeidliche "Stil-Ikone" Beth Ditto von der ansonsten wenig aufregenden Band The Gossip. Für "Pinball", den Track mit Telepathe, braucht es gottlob keinen Club-Besuch, aber auch sonst machen James Ford und Jas Shaw einen paar kleine Schritte raus aus der Discothek und rein ins, tja: Formatradio. Alexis Taylors Mitwirken auf "Bad Blood" ist zufriedenstellend, Gruff Rhys macht auf "Cream Dream" noch einmal den Brian Wilson, "10.000 Horses Can't Be Wrong" und "Ambulance" versöhnen die Clubgänger. Muss man wohl kaufen, falls man als cool gelten will.
(6) Jan Wigger
John Martyn - "Solid Air" (Deluxe Edition)
(Mercury/Universal)
Als John Martyn Anfang dieses Jahres an einer Lungenentzündung verstarb, war man sofort versucht, dieses eine, knapp dreiminütige Stück aufzulegen, mit dem man diesen Visionär und Folk-Erneuerer einst kennengelernt hatte: "Over The Hill", so sublim und einzigartig wie Nick Drakes "River Man", Tim Buckleys "Wings" oder "The Dolphins" von Fred Neil. John Martyn war ein Freund von Nick Drake und beinahe ebenso talentiert wie dieser, doch ob ihm ein ebensolcher Nachruhm beschieden ist, darf stark bezweifelt werden. "Solid Air" (1973) war Martyns vielleicht schönstes Album, es changierte schwerelos zwischen Blues, Jazz und Folk. "May You Never" wurde später von Eric Clapton gecovert, den wundervollen Titelsong widmete Martyn Nick Drake, der zu diesem Zeitpunkt nicht einmal mehr zwei Jahre zu leben hatte: "I know you/ I love you/ And I'll be your friend/ I could follow you, anywhere/ Even through solid air." Der Schotte nahm noch viele weitere Platten auf, doch es könnte so sein, wie der britische Journalist Daryl Easlea in den Liner Notes schreibt: "'Solid Air' will be the one people will come back to first." Bonus: Eine zweite CD mit Demos, Live-Versionen und Alternative Takes.
(9) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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