Von Daniel Haas
Wie benimmt sich eigentlich eine First Lady? Das US-Magazin "Town and Country" gab kurz vor der Wahl potentiellen Präsidentengattinnen gute Tipps. Cindy McCain solle ihre Persönlichkeit "erstrahlen" lassen und andere motivieren, etwas zurückzugeben. Michelle Obama erhielt den Rat, "sehr vorsichtig" zu sein, wann sie ihr Schwarzsein "direkt" zum Thema mache.
Zur selben Zeit trainierte eine andere Afroamerikanerin ebenfalls für den Quotenkampf, nur ging es nicht um Umfragen und Wahlbüros, sondern um die Hitlisten der Musikindustrie. Whitney Houston, 46, spielte ihr neues Album ein, den Grundstein für ein Comeback, das es an Marketingaufwand durchaus mit einem Nominierungsparteitag aufnehmen konnte.
Was Michelle Obama, 45, noch erreichen sollte, hatte Houston allerdings schon vor 20 Jahren geschafft: Sie war zur First Lady geworden. Als Nummer eins regierte sie die weltweiten Charts, und dass man in diesen Regionen der Popularität die eigene Hautfarbe nur sehr kalkuliert zu Markte trägt, das wusste sie von Anfang an. Schließlich war sie Mitte der Achtziger berühmt geworden, in einer Zeit, als der schwarze, mit Sex und Politik aufgeladene Soul der Siebziger nicht mehr salonfähig war.
Erhellende Phase im Pop
Die Weißen hörten Disco, die Schwarzen wollten sich unter dem Druck der Reagan-Regierung integrieren. Die Bürgerrechtsbewegung hatte ausgespielt, jedenfalls musikalisch; bis auf Stevie Wonder verschwanden die Helden der Sechziger und Siebziger in der Versenkung. Perspektivisch musste ein Soundtrack her für die Mittelklasse, die weißen und afroamerikanischen Eigenheimbesitzer.
Den lieferte Whitney Houston, die große Hygienikerin des Popsoul, mit einer Gospel-Stimme und einem Image, das so sauber und glattpoliert erschien, dass ihm Bret Easton Ellis in seinem Buch "American Psycho" gleich ein ganzes Kapitel widmete. Es war ein dubioses Kompliment, weil dieser Roman Oberflächlichkeit und Konsum als ultima ratio des modernen Lebens inszeniert. Und Houston war die Galionsfigur dieses Lifestyles geworden.
Sie war nicht die einzige, die in dieser Zeit mit Pigmentstörungen zu kämpfen hatte: Tina Turner, die 1984 ein enormes Comeback feierte, mutierte zur Rockröhre und klang schon bald wie eine Mischung aus Rod Stewart und Aretha Franklin. Michael Jackson wurde buchstäblich zur hellen Freude der Plattenfirmen; sein Pop kannte keine Hautfarbe mehr, nur noch Zielgruppen und Marktanteile.
Aufstieg zur First Lady
Und Houston? Legte erstmal eine Karriere hin, gegen die die Erfolge von Achtziger-Jahre-Sängerinnen wie Anita Baker oder Dionne Warwick wirkten wie Hinterhofgeschichten. Mit 20 von Arista-Chef Clive Davis vom Laufsteg ins Rampenlicht des Popgeschäfts geholt. 1985 das Debütalbum "Whitney Houston", das sich allein in den USA 13 Millionen Mal verkaufte. Album Nummer zwei mit der bis heute nicht erreichten Serie von sieben Nummer-Eins-Hits. Anfang der Neunziger Megastar-Status dank Hauptrolle im Film "Bodyguard" inklusive Welthit "I Will Always Love You".
Bis dahin war es ein Aufstieg, den weder Franklin noch Diana Ross geschafft hatten, ein Triumph über die Segregation mit den Mitteln des Marketings. Alle wollten Whitney Houston, jedenfalls bis 1992: Rund 110 Millionen Platten verkaufte sie weltweit.
Dann tauchte doch noch das Schreckgespenst der rassistischen Folklore auf: der schwarze Mann, der als Mischung aus Underdog und Mephisto das Leben der afroamerikanischen Frau zur Hölle macht. Der säuft und prügelt - und von Billie Holiday über Tina Turner bis Rihanna die Biografien von Künstlerinnen beschädigt.
Rückkehr des schwarzen Mannes
Whitney Houston heiratete Bobby Brown, einen einstmals erfolgreichen R&B-Sänger - und ihr Leben verkam in Windeseile zum Gewalt- und Drogenalptraum, der sich natürlich exzellent verwerten ließ. "Being Bobby Brown" hieß die Doku-Soap, die Whitney und ihren Mann beim Raufen und Saufen, Schimpfen und Zotenreißen zeigte. Die einstige Ikone eines transethnischen Mainstreams war zum Zerrbild der schlimmsten Stereotypen geworden.
Malte sich die Popkultur schwarze Frauen lange als kopfwackelnde, augenrollende, übersexualisierte Weibsbilder aus, die von ihren männerlosen alkoholkranken Müttern erzogen werden, spitzte Houston dieses Klischee noch einmal zu. Mitte der Neunziger sah sie aus wie eine Crackprostituierte, die in endlosen Sorgerechtsstreitereien mit ihrem Ex-Mann nicht nur nicht selbst, sondern auch ihr Kind zerrüttet.
Der parallel stattfindenden Emanzipation schwarzer Frauen, ihrem Marsch durch die Institutionen bis in die obersten Ränge der Politik - heute sind sieben der rund drei Dutzend Top-Positionen in Obamas Team mit Afroamerikanerinnen besetzt - hielt sie den grausigen Spiegel der Selbstzerstörung vor.
Spuren statt Koloraturen
Jetzt ist das neue Album da, das siebte nach sieben Jahren Pause. Das Cover zeigt die Sängerin als stolze, gereifte Frau, eine First Lady im Kreis der Überlebenden, in den neben Tina Turner auch Candi Staton und Chaka Khan gehören. Die Songs sind routinierte Dutzendware, ein bisschen Uptempo, mehrere Balladen. Die Texte sind von jener Erbauungsrhetorik, die vermutlich auch zur Motivation von Irak-Kriegs-Soldaten verwendet wird.
Faszinierend und in jedem Fall hörenswert ist aber Houstons Stimme: Sie ist härter und rauer geworden; das Virtuose, Operettenhafte ist verschwunden. Statt Koloraturen wird öfter mal geraunt, statt Kraftmeiereien über zwei Oktaven gibt es eine Schroffheit und Toughness, die streckenweise regelrecht quer steht zum glatten Sounddesign.
Hätten Davis und seine Produzenten nicht wieder auf den Konsens geschielt, sondern ihre Aufnahme aus der Logik dieser Stimme und der Erfahrungen, die in ihr gesammelt sind, entwickelt, es hätte ein bedeutendes Soulwerk werden können. Eine Platte, die afroamerikanische Soundtraditionen betont und nicht modische Effekte aneinanderreiht.
Und wäre dies nicht viel angemessener gewesen? Wann, wenn nicht heute, kann Whitney Houston eine schwarze Künstlerin mit globalem Charisma sein? Eine Zeitgenossin und Generationenschwester Michelle Obamas, die Farbe bekennt, "Town and Country" und allen anderen Reaktionären zum Trotz.
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Am 1.9.2009 schrieb ich diesen Beitrag, der mittlerweile völlig überholt ist, denn: es ist alles viel schlimmer gekommen, wie ich es jemals geglaubt hatte. Die letzten Konzerte der Old Dame waren an Grausamkeit nicht zu [...] mehr...
Genau, aber pssst, nicht weitersagen;-) Was unterscheidet echte Diamanten vom Glasimitat? Was unterscheidet "Am Brunnen vor dem Tore" von einem beliebigen Wolfgang-Petry-Schlager? Tja, die Harmonien sind ungefähr [...] mehr...
danke paul99, das denke ich auch. kann mich nicht erinnern, dass sie BB die alleinige schuld an der misere. da behauptest du genauso haltlos wie der autor des artikels, der ihre karriere auch mehr so aus einer vagen [...] mehr...
danke für die fairnis paul99 kann mich nicht erinnern, dass sie BB die alleinige schuld an der misere. gegeben hätte, da behauptest du genauso haltlos wie der autor des artikels, der ihre karriere auch mehr so aus einer [...] mehr...
Tina Turner und Whitney Houston zu vergleichen ist doch keinesfalls lächerlich. Tina Turner war über einen viel längeren Zeitraum OUT und hat ihr Comeback auch nicht mit ihrem ersten Soloalbum verwirklicht. Ganz im Gegenteil! [...] mehr...
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