Jochen Distelmeyer - "Heavy"
(Columbia/Sony, 25. September)
Am Anfang wurde der Großkünstler Jochen Distelmeyer aufgrund angeblicher Streberhaftigkeit gehasst. Etwas später dann wegen seiner Sympathien für die (fast allen Blumfeld-Hörern nur durch drei, vier Hitparaden-Hits bekannte) deutsche Popgruppe Münchener Freiheit. Zuletzt bezichtigten ihn ausgerechnet Kleinbürger der Kleinbürgerlichkeit und kritisierten eifrig Expeditionen ins Tierreich und die Aufzählung verschiedener Apfelsorten. Nach dem so grandiosen wie grandios missverstandenen Blumfeld-Album "Verbotene Früchte" erklärte Distelmeyer die Band für beendet, doch "Heavy" wäre auch als siebte Blumfeld-LP kaum aufgefallen. Das fies schleppende, wohlig an The Fall erinnernde "Wohin mit dem Hass?" fällt im Album-Kontext etwas ab, der eckige, im Rhythmus von Canned Heats "On The Road Again" groovende Rumpelsong "Hiob" aber gehört zu den großen "Heavy"-Momenten: "Die Wahrheit schmilzt und du bist weg / Ich fühl' mich wie'n Junkie / Und alles wird Wut." Dazu das fabelhafte "Bleiben oder gehen", die bittere, tödlich direkte Trennungsballade "Nur mit Dir" und das Sehnsuchtslied "Jenfeld Mädchen", das fast ein bisschen an Distelmeyers erste Band Die Bienenjäger erinnert. Und nach Hanns Dieter Hüschs "Abendlied", nach "Die Welt ist schön" und "Ich fliege mit Raben" setzt diesmal auch "Murmel" die Tradition des einfachen, hoffnungsvollen Abschlusses fort: "Und ich, ich bin am Ziel / Weiß was ich will und brauch' nicht viel / Ich bin da wo die Kinder spielen / Und über uns der Zeppelin / Ein Elefant als Luftballon / Ich leb' dafür und leb' davon / Am Ende ist es nur ein Song / Und ich flieg davon / Mit dir." Jochens "All Apologies". Oder die fünfeinhalb glücklichsten Minuten dieses Jahres. (9) Jan Wigger
Ja, Panik - "The Angst And The Money"
(staatsakt./Rough Trade, 25. September)
Der vielerorts als Suff-Poet verschriene "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner fasste vor ein paar Wochen sein Leben als solches in einem einzigen Satz zusammen: "Gleich hinter Gott und den Frauen kommt für mich Fußball." Ersetze Gott durch Luzifer (oder Stephen Malkmus), Fußball durch den frühen Robert Smith und denk dir vielleicht noch Billy Joels allererstes Klavier dazu - weißt du jetzt, wie "The Angst And The Money" klingt? Die österreichischen, mehrsprachig singenden Ekstatiker Ja, Panik waren schon auf "Ja, Panik" und "The Taste And The Money" gut, doch mit "The Angst And The Money" wird der Satz nach vorn gelingen: "Dynamite" ist exzellenter Gitarrenpop, "Die Luft ist dünn" beginnt wie einer dieser aus vier Ärmeln geschüttelten Libertines-Songs und "Pardon" wie Sonic Youth in ihrer dissonantesten Phase. Dazwischen Rudimente aus Punk und Classic Rock (gleichzeitig!), ein hungriger Atem, Geld, Furcht, das Chaos in den Köpfen und zwei gut gealterte Fragen: "Wer traut sich jetzt? / Wer reißt hier noch was rum?". Der hochoriginelle und geistreiche Maurice Summen, der hier den Infozettel zur Platte lieferte, auf jeden Fall. (8) Jan Wigger
Various Artists - "Warp20 (Chosen) & Warp20 (Recreated)"
(Warp/Rough Trade, 25. September)
50.000 Warp-Fans can't be wrong. Und manchmal gehört es eben auch zum täglichen Broterwerb, Eulen nach Athen zu tragen. Also los: Schon diverse Male wurden in dieser Kolumne Warp-Platten erwähnt oder besprochen, mehr als einmal wurde das elektronische Wunderlabel gelobt und bewundert. Nun wird selbst Warp schon 20 Jahre alt und hat sich zu diesem Zweck für das exakte Gegenteil einer wohlfeilen Wühltisch-Edition entschieden: Auf der ersten von zwei "Warp20 (Chosen)" - CDs gibt es die per Internet ermittelte Wunschzusammenstellung von (bereits angesprochenen) etwa 50.000 Warp-Verfolgern, auf der zweiten CD eine Auswahl des Warp-Co-Gründers Steve Beckett, der sich genialerweise nicht nur für "Amo Bishop Roden" (Boards Of Canada), sondern auch für Mike Inks "Paroles" entschieden hat. Dazu kommen zwei "Warp20 (Recreated)"-CDs, auf denen Warp-Acts andere Warp-Acts mal mehr, mal weniger gewinnbringend neu interpretieren. Toll: Diamond Watch Wrists Cover von Pivots "Fool in Rain". Unnötig: Die Born-Ruffians-Version von Aphex Twins "Milkman / To Cure A Weakling Child". Das alles auch im zu Recht ultrateuren Box-Set mit 192-seitigem Buch und exklusivem Archiv-Material auf dreifachem 10''-Vinyl. Und die drei Warp-Lieblingsalben des Rezensenten? "Music Has The Right To Children" (Boards Of Canada), "A Certain Trigger" (Maximo Park) und "Selected Ambient Works Volume II" (Aphex Twin). (8) Jan Wigger
Japandroids - "Post-Nothing"
(Polyvinyl/Cargo, bereits erschienen)
Verehrte Leser, ein Vorschlag zur Güte: Es nützt überhaupt nichts, sich diese acht Songs in Zimmerlautstärke reinzuziehen. Was wiederum die Frage aufwirft, ob man sich wirklich einen von diesen komischen Weltraum-Kopfhörern aufsetzen oder gar ein Konzert besuchen muss, um den angemessenen Rahmen für "Post-Nothing" zu schaffen. Aber von vorn: "Japandroids are maximal - a two piece band trying to sound like a five piece." Auf diese Weise wurde man schon oft für dumm verkauft, aber was, wenn nicht das unglaubliche "Young Hearts Spark Fire" ("We used to dream / Now we worry about dying / I don't want to worry about dying."), die todesverachtenden "Sovereignty"-Minuten oder das schwergewichtige "I Quit Girls" (in dem das Vancouver-Duo den Moment zitiert, in dem Arcade Fire damals "Wake Up" lostraten) sind dazu in der Lage, dem Wort "ROCK" wieder etwas Würde zu verleihen? Wäre Iggy Pop jetzt hier und 26, die Japandroids erhielten den einzig richtigen Vorschlag: Bloß keine zweite Platte machen! (8) Jan Wigger
Mount Eerie - "Wind's Poem"
(Tomlab/Indigo, bereits erschienen)
Endlich mal ein Indie-Album, das standesgemäß beginnt: Exakt eine irritierende Minute lang glaubt man, keine Musik von Phil Elverum, sondern die Xasthur-CD "Telepathic With The Deceased" eingelegt zu haben. Das Internet klärt auf: "'Wind's Poem' has been touted as Elverum's black metal album." So wachsen zwei Welten für einen Augenblick zusammen. Gleich darauf lässt Elverum eine elfminütige Depri-Keule folgen, die selbst das Slowcore-Trio Codeine beeindruckt hätte: "From up on the hill / I can see the lights of town / That land of dreams / Through the trees." Auch in "The Mouth Of Sky" und im bedrohlichen "Lost Wisdom Pt.2" kämpft sich der Sänger wacker durchs Gitarrenfeuer. Doch noch öfter regiert die Schwermut und das seltsame Gesetz, das alles, was in die Nähe des Mount Eerie kommt, in Elverums Schattenreich verschwindet. "Everything you love will end up on the breeze." Listen and weep. (7) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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Danke, geil. Unplugged in Poznan. (http://www.youtube.com/watch?v=mgH2ORoL0H4) mehr...
Ja nu, zwischen sechs Monate Wartezeit nach VÖ auf CD wie bisher und Bestellungen beim Label in den USA für Platten in lustigen Vinylfarbkombinationen ist dann doch noch irgendwie ein Unterschied. Aber schee sans scho... [...] mehr...
Aha, ganz was Neues. ;D mehr...
Gentle Giant Cogs in Cogs 1974 Brussels - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=jJYe9EFFeec&feature=related) mehr...
Nicht mehr ganz neu, aber immer noch genial: BAP - Bess demnähx ist das vielleicht beste BAP-Album. Besonders ist es auch deshalb, weil es das politische Klima im Deutschland der frühen 1980er Jahre einfängt. Eine tolle [...] mehr...
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