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18.09.2009
 

US-Rockstars Pearl Jam

Auch Kämpfer brauchen mal 'ne Pause

Von Andreas Borcholte

Pearl Jam: Instanz für ehrlichen Rock
Fotos
Steve Gullick / Universal Music

Politik kann verdammt anstrengend sein. Der beste Beweis: Pearl Jam. Kaum eine US-Rockband stemmte sich so verbissen gegen die Bush-Regierung wie die Grunge-Veteranen. Dank Obama gönnen sich die Jungs endlich eine Pause vom Polit-Aktivismus - und klingen wieder frisch.

Eddie Vedder ist entspannt. Am Vorabend hat der Sänger, Songschreiber und Frontmann der Band Pearl Jam einen umjubelten Auftritt vor eingefleischten Fans und Freunden im Londoner Shepherd's Bush Empire absolviert - eine kleine Konzert-Location für eine Stadionband wie Pearl Jam, aber dafür war die Stimmung umso intensiver. Vedders Gesicht leuchtet, als er sich erinnert: "Eigentlich ging es gestern nur darum, irgendwie über den Abend zu kommen. Wir litten unter dem übelsten Jetlag, den ich je erlebt habe, fühlte sich an wie ein achtfacher Kater", erzählt der 44-Jährige, der auf der Bühne gerne mal eine ganze Flasche Rotwein leert. "Aber dann war ich wirklich gerührt davon, wie gut unsere neuen Songs beim Publikum ankamen, und dann waren da plötzlich all diese guten Freunde, die extra für uns gekommen waren. Das war ein großer Spaß."

Die Rede ist von Yusuf Islam, ehemals Cat Stevens, der in jüngster Zeit mit Vedder zusammengearbeitet hat und gleich seine ganze Familie mitbrachte, und von Rolling Stone Ronnie Wood sowie Simon Townshend, die beide auf die Bühne kamen, um einige Songs mit Pearl Jam zu spielen. Keine Frage, die Band ist so beliebt wie eh und je bei ihrer weitreichenden, global vernetzten Fangemeinde, der "Jamily", wie sie in Foren und Blogs liebevoll genannt wird. Wer in dieser Gemeinde von Hardcore-Fans etwas auf sich hält, opfert auch schon mal seinen Urlaub und eine Menge Erspartes, um Pearl Jam auf Tourneen hinterherzureisen. Nicht umsonst werden die Grunge-Veteranen aus Seattle immer wieder mit der Sechziger-Jahre-Rocklegende Grateful Dead verglichen, die über eine ähnlich gut organisierte Gefolgschaft verfügte.

Dabei sah es von außen betrachtet zuletzt gar nicht gut aus für Pearl Jam. Nach fast 20 Jahren im Rockgeschäft schien musikalisch viel Luft aus der einstmals virtuosesten und musikalischsten Rockband der Seattle-Ära entwichen zu sein. Die zu Beginn der Nullerjahre veröffentlichten Alben waren schwergängige, brütende Monstren voll tief empfundener Emotion und großer Rockgeste, aber ohne klare Richtung, und oftmals auch ohne wirklich gute Songs.

Wellen und US-Präsidenten kommen und gehen

Auf "Backspacer", dem dieser Tage erscheinenden achten Album der Band, ist von Müdigkeit und Erschöpfung nichts mehr zu spüren. Energisch, kraftvoll und zupackend wie zuletzt auf ihrem zum Klassiker gewordenen Debüt "Ten" (1991) schlagen Vedder, die Gitarristen Mike McCready und Stone Gossard sowie Bassist Jeff Ament und Drummer Matt Cameron ein neues Kapitel ihrer bewegten Geschichte auf, das kaum aufregender sein könnte. Und unpolitischer. Der Aktivismus gegen allerlei gesellschaftliche Missstände, den Eddie Vedder seiner Band schon von Beginn an auferlegt und abverlangt hat, ist zumindest in der Musik der Band vorübergehend zur Ruhe gekommen. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis der Frische von "Backspacer".

"Ich vergleiche es gerne mit dem Surfen", sagt Vedder, ein passionierter Wellenreiter, der oft Stunden allein mit sich und den Elementen auf dem Ozean verbringt. "Wenn Du anfängst, musst du zunächst durch das flache, kabbelige Wasser am Strand schwimmen, bevor du zu den wirklich großen Wellen kommst. So ist es auch gerade mit uns als Band. Wir haben eine neue Regierung, sie ist erst ein halbes Jahr im Amt, da kann man noch nicht viel sagen. Barack Obama hat gleich in den ersten Wochen ein paar wichtige Weichen gestellt - und man kann nur hoffen, dass es ihm gelingt, wirklich Veränderungen herbeizuführen. Die nächsten großen Wellen, die wichtigen Themen, bei denen wir uns engagieren wollen und müssen, kommen aber bestimmt. Aber bis dahin sind wir ganz zufrieden damit, im flachen Wasser herumzupaddeln und unseren Spaß zu haben."

Sagt der Mann, der sich in den Neunzigern gegen ein Kartell von Konzertticket-Verkäufern gestemmt hat, sich für Bürgerrechte und Umweltschutz engagierte und in den letzten acht Jahren zu einer der vehementesten Stimmen gegen die Politik der Bush-Regierung des US-Entertainments wurde. Vielleicht galt für Pearl Jam in den vergangenen Jahren das, was man U2, der anderen großen Rockband, oft vorwirft: Die Politik hatte die Musik in den Hintergrund gedrängt. Je expliziter Vedder öffentlich anprangerte, wie George W. Bush das Land an den Abgrund führte, desto unentschiedener wurden die Platten, die Pearl Jam veröffentlichten. Dass die Band dennoch überlebte, hat sie vor allem ihren treuen Fans zu verdanken.

Keine normale Rockgruppe, eine Institution

"Die Unterstützung unserer Fans ermöglicht uns all die Freiheiten, die wir brauchen und gebraucht haben: Unsere eigenen Entscheidungen zu treffen, keine Interviews zu geben, keine Videoclips zu drehen. Diese Form der Unterstützung ist ziemlich selten, und wir haben sie nie als selbstverständlich betrachtet. Aber sie ist über die Jahre ein stabiles Fundament für uns geworden," erklärt Vedder, der aufrichtig in Verlegenheit gerät, wenn man ihn damit konfrontiert, dass er am Vorabend wie ein Messias von der Menge gefeiert wurde. "Eddie, Eddie, Eddie!", skandierte das Publikum immer wieder, bis die Band verschwitzt und sichtlich glücklich Zugabe um Zugabe spielte.

Pearl Jam sind eben keine normale Rockgruppe, sondern eine Institution, die ihren Anhängern viel mehr gibt als nur einen erhitzten Abend mit lauter Musik oder alle paar Jahre ein Album mit neuen Songs, die von Seelensuche, Schwermut und Selbstfindung handeln. Die Band, die Vedder Mitte der neunziger Jahre, im Schatten des tragischen Selbstmordes von Nirvana-Sänger Kurt Cobain, fast komplett der Öffentlichkeit entzog, um der Glamourfalle des Grunge-Booms zu entrinnen, gilt als eine der letzten Instanzen ehrlicher, aufrechter Rockmusik. Es ist eine Liga, die nicht mehr viele Mitglieder hat, in einer Zeit, in der Rock nicht mehr gleichbedeutend ist mit Rebellion, und gefeierte HipHop-Stars wie Börsen-Entrepreneure auftreten. Bruce Springsteen gehört zu diesen letzten Aufrechten, Neil Young und Bob Dylan, vielleicht noch Patti Smith. Und Eddie Vedder.

Der Sänger, der seit jeher kein besonderes Faible für die Medien besaß und Interviews am liebsten seinen eloquenteren Bandkameraden überließ, hat sich in den letzten Jahren vielfach selbst überwinden müssen, um mit seinem Zorn über die politischen Verhältnisse an die Öffentlichkeit zu gehen. Sein Engagement betrachtet er als "civic duty", als seine Verantwortung als amerikanischer Staatsbürger.

Wenn räudige Studenten das Haus demolieren

"Ich musste einfach etwas machen. Die Medien, die Politiker, alle machten mit bei dieser Lügenkampagne, die Bush und Cheney konstruiert hatten, um ihren Krieg im Irak führen zu können. Ihnen ging es nur darum, den Firmen, mit denen sie verbandelt waren, wie Halliburton, Aufträge in Millionenhöhe zu verschaffen. Aber es standen Menschenleben auf dem Spiel, auf beiden Seiten! Irgendwann wirst du so frustriert, dass du deinem Unmut Ausdruck verleihen willst. Das ist letztlich nicht nur unser in der Verfassung garantiertes Recht, es ist sogar eine Verpflichtung, die in diesem großartigen Dokument festgelegt ist."

Also zog Vedder mit seiner Band durch die Lande und erklärte der apathischen, vergnügungssüchtigen Jugend, was schief lief in seinem Land. Am Ende, so könnte man es gutwillig zusammenfassen, gewann dann Barack Obama mit seinem Versprechen vom großen Wandel, vom change, die Wahlen, und sorgte für ein Aufatmen. Auch bei Pearl Jam. "Unsere Musik wurde über die Jahre ein bisschen schwerer zugänglich. Die neue Platte ist nun wieder offener geworden, viel direkter", sagt Vedder. "Das war aber gar keine bewusste Entscheidung. Es war, als wenn du dir überlegst, das Haus mal in einer anderen Farbe zu streichen: Hey, wir haben noch nie Gelb probiert, lasst es uns versuchen. Und siehe da: Es sieht ziemlich gut aus."

Und auch für sein Land hat Vedder eine handwerkliche Metapher parat: "Stell dir vor, du vermietest das schönste Haus an eine Bande betrunkener Studenten, die übelste, räudigste Sorte. Die nehmen es komplett auseinander, so dass man das Ganze eben wieder herrichten muss. Aber wir sind noch lange nicht beim Dekorieren angekommen, wir müssen erst das Fundament neu errichten."

Pearl Jam haben genau das mit ihrer nach frischem Holz und neuer Farbe duftenden Platte bereits vollbracht.

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