ThemaRezensionenRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
17.09.2009
 

Pop-Fotoserie "Dancing Shoes"

Von eitel bis zur Sohle

Von Uh-Young Kim

"Dancing Shoes": Welcher Schuh zu welchem Star?
Fotos
Getty Images

Vor der Bühne den Star anhimmeln? Eine Begegnung auf Augenhöhe ist das nicht. Darum hat Gerrit Starczewski fotografiert, was Fans bei Konzerten vor allem sehen: die stets sorgfältig ausgewählten Schuhe ihrer Idole. Ein faszinierender Bildbericht von der Basis des Pop.

"Der Schuh ist der wunde Punkt eines Musikers", behauptet Gerrit Starczewski. Der 23-jährige Fotograf hält seit 2005 auf Konzerten fest, was das Objekt der Begierde am Fuß trägt und damit alles an Stärken und Schwächen offenbart. Die Prachtstücke mit Bodenhaftung sind nun gesammelt im Bildband "Dancing Shoes" erschienen. Ein Schuh sagt darin mehr als tausend Worte.

Da steht der mächtige Stiefel von R.E.M.-Sänger Michael Stipe neben den ausgetretenen Latschen eines Mitglieds der kleinen Indie-Kapelle Mystery Jets. Johnny Blake von Zoot Woman tänzelt in glitzernd roten Lackschuhen vorbei, als ob er zum Zauberer von Oz wollte. Die Sandaletten von Leslie Feist: hübsch und harmlos, während die strahlend weiße Flachsohlen von Ex-Talking-Head David Byrne sein mondänes Styling perfekt ergänzen.

Schuh und Werk

Manche Stars liegen schon in der Horizontalen, andere fühlen sich barfuß am wohlsten - sei es nun als Zeichen ihrer Autonomie oder Nachlässigkeit. Auf das dicke It-Girl Beth Ditto trifft mindestens beides zu. Erlend Øye von The Whitest Boy Alive, dem Hype der Saison, betont seine Schluffigkeit durch verschiedenfarbige Socken. Die globale Pop-Königin M.I.A. ist von Kopf bis zu den Chucks in Silber eingehüllt - der klassische Sportschuh ist immer noch das vorherrschende Modell im alternativen Tour-Zirkus. Davon haben sich die alten Indie-Helden von Sonic Youth lange verabschiedet. Kim Gordon steht auf Prada-Pumps.

Bei all den charakteristischen Ausbeulungen, abgewetzten Sohlen und feinen Rissen im Leder drängen sich natürlich Geschichten von Sex, Drugs and Rock'n'Roll auf: der Mythos, der heute noch in der Indie-Szene lebendig ist. Die Mittachtziger-Rock-Spielart Shoegazing bezieht sich sogar im Namen auf das Schuhegucken - allerdings auf die Gitarrenmusiker selbst, die zu schwelgerisch-psychedelischen Klängen schüchtern nach unten (auf ihre Effektgeräte) starrten.

Gerrit Starczewski verschiebt diesen Blick in seinen Bildern nach außen - und überschreitet dabei den Mythos. "Die meisten Bands wollen unbedingt authentisch sein und ziehen doch nur eine inszenierte Show ab", berichtet er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE aus langjähriger Erfahrung im Konzertgraben. "Aber an ihren Schuhen und der Fußstellung erkennt selbst der Laie, wie sie drauf sind."

Am Fuße des Ruhms

Der Star selbst ist unerreichbar und erscheint am Bühnenrand, auf Fußhöhe, doch zum Greifen nah. Je länger man durch den Bildband blättert, desto faszinierender wird diese Froschperspektive. Still steht der Schuh da, losgelöst von der Reizüberflutung des Konzerts und den Bewegungen des Trägers. Eigentlich eine Nebensache wie alle Fetische im Pop - sei es die Frisur oder das Instrument. Abgetrennt vom Ganzen entwickelt der Schuh jedoch eine Eigenheit, die ein bisschen Kontrolle über den begehrten und sonst so unfassbaren Starkörper herstellt.

Die Bilder erzählen auch die Geschichte ihres Fotografen. Wie Gerrit Starczewski drei Kilometer von Deutschlands beliebtestem Indie-Festival "Haldern Pop" aufwuchs. Wie er sich auf der Abi-Fahrt in Berlin davonschlich, um Michael Stipe zu fotografieren. Von verwirrten Popstars, deren Kopf ausnahmsweise mal nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. Und vom dauernden Kampf um einen Platz in der ersten Reihe - als Zwei-Meter-Mann.

Bereits vor dem Erscheinen des Bildbands haben viele die "Dancing Shoes" gesehen - auf Festivals wie der "c/o pop" in Köln und zuletzt auf dem Berlin-Festival im Gang zur Hauptbühne, immerhin vor 8000 Besuchern. Das Goethe-Institut hat die Bilder mit auf eine weltweite Ausstellung über Popkultur in Deutschland genommen. Irgendwie wird es Gerrit Starczewski dann wohl auch noch gelingen, dem bekennenden Fuß- und Schuhfetischist Quentin Tarantino ein Exemplar der "Dancing Shoes" zu überreichen.


Gerrit Starczewski: "Dancing Shoes", edel, 128 Seiten, 19,95 Euro

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Musik
alles zum Thema Rezensionen

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP