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22.09.2009
 

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Vordergründig sanftmütig, hintergründig abgründig: Hope Sandoval ist ziemlich einzigartig, findet Jan Wigger. Das gilt, auf andere Weise, auch für eine Band, die für jeden Geschmacksterroristen ein rotes Tuch ist: New Model Army. Außerdem in Abgehört: feines Gebretter.

Hope Sandoval & The Warm Inventions - "Through The Devil Softly"
(Nettwerk/Soulfood, 25. September)

Wenn Hope Sandoval und My Bloody Valentines Colm Ó Cíosóig behaupten, dass zeitgenössische Musik sie wenig kümmere, ist das ausnahmsweise mal nicht dahingesagt, weil sich damit so gut kokettieren lässt. Acht Jahre sind seit "Bavarian Fruit Bread" vergangen, und für die vordergründig sanftmütige Sandoval-Musik, hinter der schon bei Rain Parade und Mazzy Star stets ein Abgrund lauerte, findet man unter kontemporären Künstlern noch immer kaum eine Entsprechung. Zu Vibrafon, Harmonika und dunkelfarbigem Gitarrenspiel haucht und atmet Sandoval das glänzende "Lady Jessica And Sam" und später "Thinking Like That", ein Stück, das der Cellist Ji Young Moon perfekt begleitet. Die Zeile "I play death in the space of my life / That's how I feel, and I never think it twice" wird erst dann so richtig schön, wenn man weiß, dass Hope Sandoval zu den größten Rolling-Stones-Bewunderern Amerikas zählt. Falls jemand ganz neu einsteigen will: Der Mazzy-Star-Song "Flowers In December" öffnet alle Türen. (7) Jan Wigger

New Model Army - "Today Is A Good Day"
(Attack/Alive!, bereits erschienen)

Weil die verbissenen Fanatiker von New Model Army, die einst als messerscharfe Post-Punk-Band begannen, noch immer für jeden Geschmacksterroristen ein rotes Tuch sind und heute ein guter Tag ist, um den letzten Rest sogenannter journalistischer Glaubwürdigkeit zu Grabe zu tragen, folgt eine kleine Geschichte: Als ich und mein damals bester Freund T.H. ungefähr 17 Jahre alt waren, kauften wir jede noch so marginale Veröffentlichung mit Beteiligung des uncoolen Freiheitskämpfers Justin Sullivan. Unsere Lieblingslieder waren nicht die bei Stilverfechtern verachteten "Vagabonds" und "51st State", sondern "All Of This", "Betcha", "Ghost Of Your Father", "Living In The Rose", "Green And Grey", "Better Than Them", "Purity", "No Rest" und natürlich "Nothing Touches". Keine Ahnung, was T.H. heute macht, aber die neue New Model Army, die könnte ihm gefallen. "Autumn" ist das simple Wanderlied zum Untergang ("Everything is beautiful / Because everything is dying."), "God Save Me" die introspektive Ballade, "Disappeared" der New-Model-Army-typische, dräuende Trommelsong. Batik-Shirts und Ökofimmel waren geschmacklos, aber irgendwann, wenn kein Mensch mehr weiß, wer The Cribs, Hot Hot Heat und We Are Scientists waren, wird noch immer jemand "Thunder & Consolation" auflegen. This bittersweet embrace. (6) Jan Wigger

Immortal - "All Shall Fall"
(Nuclear Blast, 25. September)

Es gibt im Grunde genommen nur zwei Wege, den jüngeren Veröffentlichungen jener norwegischen Bands zu begegnen, die einmal purer, ungestreckter Black Metal waren: Entweder man trauert den alten Zeiten (sprich: den Jahren 1991 - 1997) nach. Oder man akzeptiert zerknirscht, dass Darkthrone jetzt eben räudigen Punk-Metal machen, Satyricon kein "Nemesis Divina" mehr aufnehmen werden, das zweite kreative Immortal-Hoch nach "At The Heart Of Winter" beendet war und der wirklich interessante Black Metal immer öfter aus den Vereinigten Staaten kommt. "Battles In The North" (1994) jedenfalls machte die Band Immortal einst zu dem, was man damals gern als "Die Macht" bezeichnete. Zwar sind die Fotos im Booklet in all ihrer Lächerlichkeit bis heute unübertroffen, doch an die erbarmungslose Eiseskälte, die schließlich in "Blashyrkh (Mighty Ravendark)" gipfelte, erinnern wir uns noch heute gern. "All Shall Fall" ist eine sehr gute und exzellent produzierte Platte, wenn man die vor geraumer Zeit vollzogene Abkehr vom klirrenden, primitiven Sound der frühen Tage akzeptieren kann. Besonders "Norden On Fire" und "Unearthly Kingdom" haben sich Immortal in aller Ausführlichkeit gewidmet: Trübseliges Intro, gekonntes Gebretter und schleppende Parts, die immer wieder an Bathory erinnern. Und haben sie das "Hordes Of War"-Riff nicht aus irgendeinem uralten Sodom-Song? So egal. Blashyyyyyyrrrrkkhhhh! (7) Jan Wigger

The Feelies - "Crazy Rhythms" & "The Good Earth" (Reissues)
(Domino/Indigo, bereits erschienen)

Wer etwas jünger ist und das Cover des Feelies-Debüts "Crazy Rhythms" von 1980 sieht, denkt dabei womöglich an die blaue Weezer-Platte. Wer schon etwas älter ist und 1994 die blaue Weezer-Platte kaufte, dachte vielleicht damals schon an die vier jungen Männer auf der Hülle von "Crazy Rhythms". Musikalisch waren die Gemeinsamkeiten diskutabel. The Feelies, studentisch blickend, korrekt gekleidet und öffentlichkeitsscheu, waren Musik-Nerds aus Haledon, New Jersey, die "Crazy Rhythms" passenderweise auf Stiff Records veröffentlichten. Der schludrig wirkende, aber gleichzeitig präzise auf den Punkt gespielte Gitarren-Minimalismus, den man nun erneut auf unwiderstehlichen Cuts wie "Original Love" oder "The Boy With The Perpetual Nervousness" hören kann, war damals einzigartig - und ist es heute noch. Mit Hysterie und viel Finesse gewinnen die Feelies dem ohnehin schon ausreichend chaotischen Beatles-Stück "Everybody's Got Something To Hide (Except For Me And My Monkey)" eine neue Seite ab. Erst fünf Jahre und eine zwischenzeitliche Auflösung später erschien in veränderter Besetzung die weitaus besser produzierte, ja geradezu virtuos gespielte (aber weniger aufregende) zweite LP "The Good Earth". Dass Peter Buck hier mitproduziert, ist kein Zufall: Auf "The High Road" und manch anderem Stück klingen die Feelies schon wie R.E.M - die Band, die sie einst mit "Crazy Rhythms" so massiv beeinflusst hatten. Glenn Mercer und die anderen aber wollten nicht touren, kein Merchandise verkaufen und bedeuteten der Plattenfirma, dass T-Shirts eh unter dem Hemd zu tragen seien. Bonus: "Digital download card with full album and bonus tracks". "Crazy Rhythms" (9), "The Good Earth" (7) Jan Wigger

Port O' Brien - "Threadbare"
(City Slang, 02. Oktober)

Wer Lars von Triers "Antichrist" mal ohne Ton gucken möchte, legt dazu am besten zweimal hintereinander "The Marble Index" von Nico auf. Zu Derick Martinis Coming-of-Age und -Familiendrama "Lymelife" dagegen passt das zweite Port-O'Brien-Album "Threadbare" (dt.: abgenutzt). Im Vergleich zur mit viel Lob bedachten ersten LP "All We Could Do Was Sing" geht es bei der Band von Van Pierszalowski und Cambria Goodwin besinnlicher zu. Doch im Gegensatz zur im vergangenen Jahr mancherorts gefeierten Gruppe The Dodos, deren zweite Platte "Time To Die" so harmonisch wie langweilig ausfiel, haben Port O' Brien den Kurs gehalten: "Leap Year" rumpelt wie in alten Tagen, "Calm Me Down" ist der groß angelegte, sechseinhalbminütige tearjearker im Zentrum der Platte und "(((Darkness Visible)))" ein Liedchen von ungewöhnlich hohem Düsterkeitsgrad. "Don't go to dark, don't go to dark / Because dark will always come." Wie ein Licht in dunkler Nacht. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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