Sven Regener

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25.09.2009
 

Allround-Künstler Sven Regener

"Hat euch Rudi Dutschke nicht gereicht?"

Politrock? Doof. Rebellische Posen? Sollten sich Musiker besser verkneifen: Sven Regener, streitbarer Kopf der Band Element of Crime und Bestsellerautor, plädiert im SPIEGEL-ONLINE-Interview für die strikte Trennung von Pop und Propaganda - und erklärt, warum er Worte wie Vollstreckungsbescheid liebt.

SPIEGEL ONLINE: Hat es Sie eigentlich gejuckt, in den Wahlkampf einzugreifen?

Regener: Von meinem 15. bis zum 20. Lebensjahr war ich politisch mega-aktiv, war im Kommunistischen Bund Westdeutschland. Das hat mir gereicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Regener: Ich bin kein unpolitischer Mensch, aber ich brauche das nicht unbedingt. Und die Welt braucht das nicht unbedingt von mir. Woher kommt überhaupt diese Frage?

SPIEGEL ONLINE: Musiker bewegen Massen, haben also Macht.

Regener: Sicher, wir haben als Musiker Macht - über die Herzen der Leute. Aber will ich sie manipulieren? Denn das wäre ja das Prinzip: Die mögen meine Musik, und diese Zuneigung lenke ich ins Politische um. Aber sollte man Gefühl und Politik verquicken? Will man, dass die Frau, die man liebt, deswegen dann auch dieselbe Partei wählt? Das ist höchst fragwürdig. Rockmusiker können ein paar Parolen ins Publikum werfen und die Zuschauer können das abnicken, mehr nicht. Das ist rein affirmativ, also extrem unpolitisch. Wie kann es Politik geben ohne Debatte, Details, Kompromisse?

SPIEGEL ONLINE: Rockmusiker pflegen gern mal den rebellischen Gestus.

Regener: Rebellischer Gestus? Das ist doch der röhrende Hirsch an der Wohnzimmerwand. Ich habe auch nie verstanden, warum die Leute meinen, "Blowin in the Wind" sei ein Protestsong. Wo ist da der Protest?

SPIEGEL ONLINE: In der Bedeutung, die dem Song gegeben wird?

Regener: Eben. Das Lied an sich ist kein Protestsong, Dylan hat beim Singen keine Rebellenpose eingenommen und auch keine Sprüche geklopft. Nein, die Leute wollten das so sehen! Rebellion liegt im Auge des Betrachters. Als Künstler ist man da komplett freigesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Sind rebellische Rocker überhaupt noch glaubwürdig?

Regener: Bands fahren ja heute auch schon mal im Jägermeister-Tourbus durch die Gegend, mit Jägermeister-Gardinen, Jägermeister-Bettlaken und Jägermeister im Kühlschrank. Ist auch okay. Wenn man mit Platten kein Geld mehr verdient, was soll man machen? Aber wenn sie sich dann in eine rebellische Pose werfen, ist das lächerlich. Und wenn Holsten Peter Maffay sponsert und auf dem Tourplakat steht "Auf die Freundschaft", obwohl es bei dem auf den Euro ja nicht so ankommt, frage ich mich schon, was mir das bringt, wenn so einer die wilde Lederjacke überzieht. Rebellion an sich halte ich ohnehin für nichts Erstrebenswertes. Die Frage ist: Wogegen? Warum? Rebellisch und subversiv sind Nazi-Rocker auch.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Reden und Schreiben über Musik - etwa in Popkultur-Magazinen wie der "Spex" - nicht das eigentlich Politische?

Regener: Ich habe ja auch mal Kulturwissenschaft studiert, ich weiß, was dieser Ansatz will. Aber er ist falsch, weil er mit Rockmusik nichts zu tun hat. Wenn du mit dem Zollstock den Luftdruck messen willst, geht das auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Eddie Vedder von Pearl Jam fand George W. Bush so unerträglich, dass er sagte: Ich muss etwas gegen den unternehmen, auch auf der Bühne. Er sprach von der Verantwortung des Musikers.

Regener: Ich rede ja nicht einer unpolitischen Existenz das Wort. Wenn Eddie Vedder die Leute mit seinen Reden zwangsbeschallen will, soll er das machen. Nur bin ich mir nicht sicher, ob es richtig ist, dafür 50 Dollar Eintritt zu kassieren; politische Veranstaltungen sind ja eigentlich gratis.

SPIEGEL ONLINE: Sven Regener wird also auf der Bühne keine Politik machen?

Regener: Wir haben Anfang der Neunziger, als die Asylantenheime im Osten brannten, mal auf einer Gegen-Nazis-Veranstaltung gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Anti-Nazi-Song "Unter Brüdern" ist auch sehr politisch.

Regener: Ja, aber das Lied spielen wir nicht mehr. Ich find's auch nicht besonders gut, das ist veraltet, weg. Ich weiß auch gar nicht, wie ich das vortragen soll. Was sollen die Leute dazu machen? Klatschen?

SPIEGEL ONLINE: Bereuen Sie den Song?

Regener: Zu bereuen ergibt in der Kunst keinen Sinn. Nein, es ist keine Schande. Und wenn Leute das anders sehen, ist das auch keine Schande.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen eigentlich unangenehm, über dieses Thema zu reden?

Regener: Nein. Und in Wahrheit reden wir gerade viel politischer, als wenn ich sofort geantwortet hätte: Ja, ich verstehe unsere Musik als subversiv und politisch, weil wir uns mit dem Leben der Leute beschäftigen und den Bedingungen, unter denen sie leben. Das könntet ihr Journalisten abnicken und sagen: Wie geil ist das denn? Aber das ist fader Quark. Wenn alles politisch ist, ist nichts mehr politisch.

SPIEGEL ONLINE: Die 68er sagten: Das Private ist politisch.

Regener: Ja, und diesen Quatsch wiederholen Leute, die unpolitisch und denkfaul sind. Denn wenn das Privatleben politisch ist, muss ich mich um richtige Politik gar nicht mehr kümmern.

SPIEGEL ONLINE: Der Spruch ist also nichts als ein Feigenblättchen?

Regener: Diese Leute verstehen einfach nicht, dass Kultur genauso ein Überbau-Phänomen ist wie die Politik und beide gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die Politik ist nicht die Basis der Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Überbau und Basis - sind Sie Marxist?

Regener: Jein. Ich bin Alt- und Ex-Marxist. Davon mal abgesehen: Nur Kunsthasser wollen politische Kunst. Sie ertragen das Unbestimmbare und Unergründbare der Kunst nicht. Sie nehmen Kunst in die moralische Beinschere und denunzieren Künstler als unpolitisch, die sich nicht fügen. Das ist geistfeindlich, denn es läuft darauf hinaus, dass es jenseits von dem, was auf Seite eins einer Tageszeitung steht, kein Leben gibt, und keine Kultur. Das Individuum ist dann nichts wert. Denn die Aufgabe von Kunst ist, sich mit dem Einzelnen zu beschäftigen, während die Politik sich mit Massen beschäftigt, mit Gesellschaften, dem Kollektiv. Diese völlig verschiedene Aufgaben miteinander zu vermischen, gibt nur schlechte Kunst und schlechte Politik.

SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie mal ein Beispiel.

Regener: Na ja, ich bin jedenfalls kein Freund von Politrock. Für mich ist das Genre tot seit der Platte von den Bots, "Aufstehen". Kennt die noch jemand? "Alle Schwulen, die nicht um Toiletten buhlen wollen, sollen aufstehen". Jeder, der Politik und Rock verbinden will, sollte zwangsweise dieses Album hören.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Künstlern, die in die Politik gehen?

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ZUR PERSON

Sven Regener, geboren 1961 in Bremen, studierte Musikwissenschaften in Hamburg und Berlin. 1982 nahm er mit der Band Zatopek seine erste LP auf. Zwei Jahre später wurde Regener Mitglied der Band Neue Liebe, bevor er 1985 die Berliner Band Element of Crime gründete. Der 48-Jährige schreibt seitdem fast alle der literarisch anspruchsvollen Liedtexte der Band, ist außerdem ihr Sänger, Gitarrist und Trompeter. 2001 veröffentlichte er seinen ersten Roman "Herr Lehmann", es folgten "Neue Vahr Süd" (2004) und "Der kleine Bruder" (2008), die vom Erwachsenwerden der Hauptfigur Frank Lehmann erzählen. Für das Drehbuch zur Verfilmung seines ersten Buchs erhielt Regener 2004 den Deutschen Filmpreis in Gold sowie den Deutschen Drehbuchpreis. Soeben erschien mit "Immer da wo du bist bin ich nie" ein neues Album von Element of Crime; Regener arbeitet außerdem an einer Drehbuchfassung von "Der kleine Bruder".










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