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29.09.2009
 

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Die wichtigsten CDs der Woche

Ausgerechnet ein Amerikaner und ein Schwede bringen als Alberta Cross den Ur-Sound Amerikas auf den Punkt, staunt Jan Wigger und lobt den deutschen Pop-Export Tokio Hotel fürs gelungene dritte Album. Andreas Borcholte geht mit Air auf einen Nostalgie-Trip.

Alberta Cross - "Broken Side Of Time"
(Ark/Rough Trade, bereits erschienen)

Es ist nur schwer zu glauben: Die Freaky Fukin' Weirdoz gibt es jetzt wieder, die Guano Apes wurden letzte Woche in einer Radiosendung allen Ernstes als die Band bezeichnet, die die neunziger Jahre am besten zusammenfasst und unten an der Straße parkt ein Auto mit einem Heckscheibenaufkleber der H-Blockx. Doch dann wischt eine Platte, deren Lieder so wild, so zärtlich, so stolz und verloren klingen, als könnten sie von Crazy Horse, The Band, Whiskeytown und My Morning Jacket gleichzeitig eingespielt worden sein, den ganzen Quatsch beiseite. Der inflationär und oft im falschen Kontext gebrauchte Begriff Americana - hier hätte er seine Berechtigung. Dabei bilden ein Engländer und ein Schwede den Kern von Alberta Cross, die "Broken Side Of Time" in Austin und New York entstehen ließen. In den ersten Momenten des abgründig melancholischen "Song Three Blues" glaubt man noch, eine Frau singen zu hören, doch es ist Petter Ericson Stakee, der im Infoschreiben der Plattenfirma versucht zu erklären, was sich von selbst erklärt: "It's kind of a desperation album." Man denkt an Grant Lee Buffalo, den amerikanischen Westen und Spuren im Sand, um am Ende doch nur festzustellen, wie umwerfend diese Musik voller Echos eigentlich ist. In "The Thief & The Heartbreaker", das schon eine vorangegangene EP betitelte, wird geholzt wie in Neil Youngs "Down By The River", in "ATX" mit den Resten des Grunge um Hilfe geschrien: "Come on take me home/ 'cause I just can't relate." Nachdem alles verglüht und aufgefegt ist, überkommt Stakee die Großstadtmüdigkeit: "I'm the city ghost now/ Tired of city life now/ I'm the ghost of city life." Eine schöne Vorstellung. Eine Wahnsinnsplatte. (9) Jan Wigger

Air - "Love 2"
(Virgin/EMI, 2. Oktober)

Jean-Benoît Dunckel, eine Hälfte von Air, fasste es neulich in einem Fernsehbeitrag so zusammen: "Wir waren Hype, dann waren wir Trend, dann erlebten wir erfolgsmäßig einen tiefen Fall. Und jetzt geht es weiter". Und zwar mit der berühmten Rückkehr zu den Anfängen. Ihr fünftes Studio-Album nahmen Dunckel und Partner Nicolas Godin erstmals in Eigenregie komplett live in ihrem eigenen Studio auf, sangen so gut wie alles selbst, spielten jede Menge analoge und digitale Instrumente - und ließen "Love 2" am Ende wie den lange erwarteten Nachfolger des Debüt-Albums "Moon Safari" klingen. Auch wenn man den beiden sensiblen Franzosen ungern Kalkül unterstellt: Das dürfte natürlich besonders die Milchkaffee trinkenden und Cabrio fahrenden Fans freuen, die von Air eigentlich nur "All I Need" kennen und mögen und dringend mal Nachschub für die Dauerberieselung im iPod brauchen. Man gönnt ihnen ja die Kohle. Von solcherlei Überlegungen einmal abgesehen, ist "Love 2" mitnichten bloßer Abklatsch vergangener Großtaten. Dass Air sich im Genre der elektronischen Musik beständig weiterentwickelt haben und zu den Virtuosen im weiten Feld zwischen Ambient, Lounge und Elektro zählen, haben sie auf ihren letzten Platten bewiesen, hier zeigen sie wieder Mut zur einfachen Melodie und schwelgen im Rausch der Easy-Listening-Zitate aus den Siebzigern. Gewürzt mit ein paar Verweisen auf den Blechdosen-Sound der Achtziger ("Love"), versteht sich, ohne geht es in diesem Jahr ja nicht. Am besten sind Air, wenn sie sich auf der großen Leinwand aus Klang, Rhythmus und Atmosphäre so richtig ausbreiten: Soundtracks wie "Tropical Disease" und "African Velvet" gehören zum Besten, was Dunckel und Godin seit langem produziert haben, "Sing Sang Sung" und "So Light Is Her Footfall" sind die süß-naiven Balladen, die man schätzt und ersehnt hat, "Bee A Bee" und "Do The Joy" wagen sich in ruppigere Funk-Gefilde vor. Alles duftet angenehm analog. Nostalgie und Romantik pur, dagegen kann sich keiner wehren. (7) Andreas Borcholte

Tokio Hotel - "Humanoid"
(Stunner Records/Universal, 2. Oktober)

Da wir den Ausführungen des Philologen Dr. René Reinholz zum Thema Tokio Hotel unbedingten Glauben schenken, ist auch uns klar, dass diese Band vielleicht der beste Spiegel der Befindlichkeit deutscher Jungmännerseelen ist. Ausgeprägte Homophobie, gegen Minderjährige gerichtete Misogynie, das Gefühl der unendlichen Überlegenheit über den musikalischen Geschmack von jüngeren Mädchen, durch verbale Aggression kompensierte Minderwertigkeitsgefühle, Sexualneid und die als Nonkonformismus verbrämte totale Ablehnung kommerziellen Erfolgs - so unappetitlich zusammengerührt sieht es vermutlich im Kopf vieler männlicher Heranwachsender aus, die Tokio Hotel fröhlich in Grund und Boden verdammen. Oder, um ein Bonmot von Sven Regener aus dem Zusammenhang zu reißen: Große Gedanken, kleines Gehirn. Aber auch Checker, Nerds und Eierköpfe glänzen gern mit dem ewig jungen Blödsinn, dass die Musik der Kaulitz-Zwillinge konstruiert und "natürlich nicht ernstzunehmen" sei. Dabei wäre dieses sehr gute dritte Tokio-Hotel-Album als guilty pleasure glatt verschenkt: Cyber-Romantik, androgyne Uneindeutigkeiten und professionell aufgedonnerte Songs, die nur dann lächerlich wirken, wenn man Sehnsüchte unbekannter Herkunft und die Liebe an sich lächerlich findet. Teile von "Kampf der Liebe" wurden wohl aus Carl Orffs "Carmina Burana" geliehen, und "Für immer jetzt" ist nah dran an "Durch den Monsun". Doch die Wucht, der Zauber und das Martyrium des Titelstücks und der Smashing-Pumpkins-Hommage "Geisterfahrer" sind unverfälscht und aufrichtig. Die Leserbriefe mit den üblichen Anfeindungen ("Wieviel Geld gab's von der Plattenfirma?", "Rezensent ab heute endgültig nicht mehr glaubwürdig") bitte an das bekannte Postfach. (7) Jan Wigger

Kings Of Convenience - "Declaration Of Dependence"
(Virgin/EMI, 2. Oktober)

Wie nennt man bloß eine Zusammenstellung neuer Songs, die genauso klingen wie die alten? Normalerweise "The Gray Race" oder "Code: Selfish", doch Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe hatten bereits ein paar andere Ideen. "Declaration Of Dependence" meint auch, dass man nach dem erneuten Zusammenfinden zu der Einsicht kommen musste, dass man nichts begraben sollte, was noch immer und ausschließlich in der erprobten Kombination funktioniert. In "Boat Behind" ist dann auch gleich von den Jahren der Trennung die Rede (das letzte Album "Riot On An Empty Street" erschien 2004), während "Renegade" ein vorsichtiges Annähern an die leicht spleenigen Verhaltensweisen des jeweils anderen ist: "Go easy on me/ I can't help what I'm doing." Øye hat als DJ, Brillen-Künstler und entscheidender Teil von The Whitest Boy Alive alles mitgenommen, Bøe hat Kind und feste Freundin. Unter einer Palme am Strand haben sich die Schulfreunde nun wiedervereinigt, um höchst geschmackvoll zu zupfen, zu säuseln und zu hauchen. "Declaration Of Dependence" ist leicht angejazzt, ein bisschen hübsch und ein bisschen langweilig. Ob "Peacetime Resistance" das neue "I'd Rather Dance With You" wird? Das steht in den Wind geschrieben. (6) Jan Wigger

Why? - "Eskimo Snow"
(Tomlab/Indigo, 5. Oktober)

Mit "Eskimo Snow" wird das eventuell so laufen: Der Underground, der besonders Yoni Wolfs Aufnahmen mit Clouddead und die gewagte Why?-LP "Elephant Eyelash" (2005) schätzte, könnte leise enttäuscht darüber sein, dass der Sound von "Eskimo Snow" jetzt ja fast so gut klingt wie der einer regulären College-Radio-Produktion. Für die andere Seite, die im letzten Jahr über "The Vowels Pt. 2" vom Album "Alopecia" stolperte, vorsichtig was von "Pop" murmelte und den Songtitel dann doch wieder vergaß, sind Why? plötzlich so einfach zu dechiffrieren wie nie zuvor: "These Hands" könnte fast ein John-Cale-Stück sein, und "Against Me" eines von They Might Be Giants. Denn je sauberer und genauer Yoni Wolf phrasiert, desto mehr nimmt er die Gestalt von John Linnell an. Besonders zugängliche Passagen verdreht und verknotet Wolf aber auch diesmal gern: "On Rose Walk, Insomniac" beginnt als astreine Glam-Ballade, kann sich aber schon vier Minuten später an nichts mehr erinnern. Und wo genau der HipHop geblieben ist, sollen die Schneeforscher klären. (7) Jan Wigger

Liebe Leser, auch zu Tokio Hotel und Kings of Convenience hätten wir Ihnen gerne wie gewohnt Hörproben angeboten. Leider jedoch haben uns die jeweils zuständigen Plattenfirmen nicht erlaubt, die kurzen Song-Ausschnitte zu verwenden. Wir bitten um Ihr Verständnis.


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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