Weezer - "Raditude"
(Geffen/Universal, 30. Oktober)
Obwohl sich Weezer bereits auf ihren letzten, plötzlich wieder in regelmäßigen Abständen veröffentlichten Platten dem ganzkörpertätowierten Hirni-Rock der Neunziger näherten, ließ die Mehrheit der "Raditude"-Songtitel anfangs auf einen Witz schließen: "I'm Your Daddy", "Can't Stop Partying", "Trippin' Down The Freeway", "The Girl Got Hot", "Love Is The Answer", "Run Over By A Truck" (Deluxe Edition Bonus Track!), "In The Mall". Ja, im Einkaufszentrum ist was los - und Rivers Cuomo mittendrin. Kauft Brezen, Cola Light, Hundefutter und gleich fünf CDs von Dead By Sunrise. Natürlich ist "Raditude" wieder mal Weezers "wildeste, beste und verrückteste Platte" (Infoschreiben) - wenn man sechs Jahre alt ist und noch nie eine andere Weezer-Platte gehört hat. Eine einzige Textzeile aus "I'm Your Daddy" fasst River Cuomos traurige Erlebniswelt zwischen Strandparty, Autobahn, Wal-Mart und Girls 'R' Us am besten zusammen: "I thought tonight was a night like any other night/ A party with my friends/ But when I saw you grooving on the dancefloor/ Normal came to an end/ You started talking and man, it was so clear to me/ There's no one else like you/ You got the brains, the body and the beauty/ To top it off, you're cool." Und nur weil man Weezer einmal so geliebt hat, schämt man sich jetzt für das grauenhafte "The Girl Got Hot" und die peinliche Schnulze "Love Is The Answer", auf dem ein indischer Gastmusiker der Band hilflos "zu einer psychedelischen, spirituellen Dimension verhilft" (Infoschreiben). "Your Slayer-T-Shirt fit the scene just right" besingt Cuomo in "(If You're Wondering If I Want You To) I Want You To" ein weiteres Girl. Die T-Shirts von Winger waren wohl schon ausverkauft. (3) Jan Wigger
William Fitzsimmons - "The Sparrow And The Crow"
(Grönland/Cargo, bereits erschienen)
Nichts ist erschütternder, tröstender und inspirierender als einem Künstler bei der Aufarbeitung seiner persönlichen Tragödie zuzuhören. William Fitzsimmons, Sohn blinder Eltern und ausgebildeter Psychotherapeut aus Pittsburgh, kennt sich aus ins Gefühlsdingen, aber selbst die größte Erfahrung bewahrt ihn nicht vor dem Zusammenbruch, diesem schwindelerregenden Erlebnis, wenn dir durch das Ende einer Beziehung der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Mit "The Sparrow And The Crow" übersetzt Fitzsimmons die Trauer über seine gescheiterte Ehe in zarte, zerbrechliche Songs. Gleich der erste, das obsessiv-sakrale "After After All" (Mantra-artiger Text: "I still love you/ After all") knüpft nahtlos an den letzten Song seines vorherigen Albums "Goodnight" an, der - wie sonst - "After All" hieß. Auf die knirschenden, knackenden Elektronik-Spielereien des Vorgängers verzichtet Fitzsimmons jedoch vollständig zugunsten eines warmen, wattigen Sounds, der seine verhalten gehauchten Texte ummantelt und an andere Songwriter-Sensibelchen wie Elliott Smith oder Bon Iver erinnert. Die wie bei Damien Rice manchmal zum Duett verstärkten Background-Vocals stammen übrigens von Ingrid Michaelson, die dieser Tage ihr zweites Album veröffentlicht. Die Songs zeugen vor allem von der Selbstzerfleischung Fitzsimmons', der manchmal wirklich schön deprimierende Bilder für seinen Schmerz findet: "Box springs are stained with yellow/ Pillows held our heads now hold in the rain/ Outside on the curb where I wasted half of your life/ Both of our lives" singt er in "Further From You". In "You Still Hurt Me" klagt er hingegen ganz offen: "I'm not comfortable with how we never talk/ And I miss you since you went out for that walk/ Its been 13 months since May/ It still feels like yesterday". Die vielleicht schönste Therapiesitzung des Herbstes. Und ein Bart, auf den Freud stolz gewesen wäre. (7) Andreas Borcholte
Julian Casablancas - "Phrazes For The Young"
(RCA/Sony, 30. Oktober)
Nein, wenigstens die Hälfte von "Phrazes For The Young" hätte Julian Casablancas den anderen Strokes nicht andrehen können, und für die immer noch halbverliebten "Is This It"- Mädchen ist der völlig kaputte Country-Folk "Ludlow St." eher auch nichts mehr. Aber jedes Mitglied der Strokes hat irgendetwas rausgebracht nach "First Impressions Of Earth", nur der Sänger harrte aus, um nun den Kreis zu schließen. Julian Casablancas' Stimme ist Motorenöl, so eingebildet, so verdorben, so verführerisch, auch acht lange Jahre nach dem epochalen Debüt. Was tendenziell abseitige Strokes-Stücke wie "Electricityscape" und "Ask Me Anything" (aber auch "Hawaii") andeuteten, wird hier näher ausgearbeitet: Manches klingt nach den Cars, das simple Synthie-Motiv der tollen Single "11th Dimension" hätte Debbie Gibson oder Stacey Q 1988 zu einer Nummer eins in Bolivien verholfen. Den torch song "Chords Of The Apocalypse" zerschmeißt Casablancas in letzter Minute selbst, das formidable "River Of Brakelights" ist fast zu schade, um es an eine Solo-LP zu verschwenden. Insgesamt mehr Judd Nelson als Lou Reed. Aber die Jacke sitzt. (7) Jan Wigger
Slayer - "World Painted Blood"
(American Recordings/Sony, 30. Oktober)
Auch als Nicht-Intellektueller ist es schade, immer wieder lesen zu müssen, dass Slayer von Intellektuellen vornehmlich deshalb gehört werden, um einen Distinktionsgewinn zu erlangen und sich gegenüber anderen Intellektuellen, die wohl nicht hart genug für Tom Arayas Todesgrollen sind, abzusetzen. Ist die Existenz von Hochschulabsolventen ohne Death-Angel-Kutte, die mit "Show No Mercy", "Reign In Blood" und "South Of Heaven" aufgewachsen sind und ohne Hintergedanken einfach gerne Slayer hören, so unvorstellbar? "World Painted Blood" könnte ohne Probleme das blutige Ende sein, denn so klassisch und endgültig haben Slayer zuletzt auf einigen Tracks von "Seasons In The Abyss" zerstört - vor 19 Jahren. Doch warum aufhören, wenn nur der Teufel weiß, wie Drummer Dave Lombardo während "Unit 731" ein dritter Arm gewachsen ist und wie Kerry Kings Gitarre das erst kriechende, dann besinnungslos rasende "Beauty Through Order" virtuos zersägt. Und was könnte die Essenz von Slayer besser beschreiben als das zweieinhalbminütige Gebretter "Psychopathy Red"? "Organs cooked, bled out potency/ I am now complete/ Systematic death/ A physical fear/ Psychopathy red." Tom Araya ist wie Gott. Er wird nie krank und hat immer Recht. (7) Jan Wigger
Kraftwerk - "Der Katalog (German Box Set)"
(Klingklang/EMI, 30. Oktober)
Während im Hintergrund eine extrem coole, auf acht Exemplare limitierte Arvo Pärt/Animal Collective-Split-7-Inch ihre Runden dreht, betrachten wir, um uns wichtig zu machen, die partiell neu gestalteten Cover der letzten acht Studioalben von Kraftwerk. Wo einst ein bizarres Gruppenbild von Florian Schneider, Ralf Hütter, Karl Bartos und Wolfgang Flür die Ankunft des "Trans Europa Express" ankündigte, ist nun ein Schnellzug auf der Papphülle. Auch zum bekannten "Autobahn"-Cover gelangt man erst, wenn man das Jewel Case aus der Pappe zieht. Das "Expended Artwork" aber stellt mehr Fotografien, ja richtige Booklets bereit, die das Rätsel um Kraftwerk freilich auch nicht lösen. Schneiders immer etwas verschlagenes Bankangestellten-Gesicht, Bartos mit Fliege, das Gleis 17 am Düsseldorfer Hauptbahnhof, Hütter und sein Mini-Keyboard, die deutsche Tischdecke, der Volksempfänger. Die acht berühmtesten und nun auch remasterten Kraftwerk-Alben im "German Box Set" einzeln abzuhandeln ist gar nicht nötig, denn fast jeder, der sich von Musik berühren lässt, hat sie sowieso. Das endlose "Autobahn", Grundstein für den vollendeten Techno-Pop auf "Radio-Aktivität" und "Trans Europa Express". Das geniale "Spiegelsaal", dessen schwerfällige Bassline man später nicht nur bei The Human League und Ultravox wiederfand. Die wunderbaren "Ätherwellen" und "Der Telefon Anruf" vom unterschätzten "Electric Café", das Kraftwerk jüngst in "Techno Pop" umbenannten. Florian Schneiders Flöte beim "Morgenspaziergang". Die Monstrosität von "Mensch- Maschine". Der japanische Anime-Regisseur Makoto Shinkai hat das Gefühl der Einsamkeit einmal damit verglichen, in einem tiefen, kalten Wasser die Luft anzuhalten. Kraftwerk sind das Gegenteil. "Autobahn" (10), "Radio-Aktivität" (9), "Trans Europa Express" (10), "Die Mensch-Maschine" (10), "Computerwelt" (10), "Techno Pop" (8), "The Mix" (7), "Tour de France" (7). Jan Wigger
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Danke, geil. Unplugged in Poznan. (http://www.youtube.com/watch?v=mgH2ORoL0H4) mehr...
Ja nu, zwischen sechs Monate Wartezeit nach VÖ auf CD wie bisher und Bestellungen beim Label in den USA für Platten in lustigen Vinylfarbkombinationen ist dann doch noch irgendwie ein Unterschied. Aber schee sans scho... [...] mehr...
Aha, ganz was Neues. ;D mehr...
Gentle Giant Cogs in Cogs 1974 Brussels - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=jJYe9EFFeec&feature=related) mehr...
Nicht mehr ganz neu, aber immer noch genial: BAP - Bess demnähx ist das vielleicht beste BAP-Album. Besonders ist es auch deshalb, weil es das politische Klima im Deutschland der frühen 1980er Jahre einfängt. Eine tolle [...] mehr...
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