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13.10.2009
 

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Wenn der Prophet gleich einen ganzen Berg Lieder mitbringt, kann man schon mal den Glauben verlieren, stellte Andreas Borcholte beim Hören des neuen Xavier-Naidoo-Albums fest. Jan Wigger dreht mit Alexander Marcus und den Flaming Lips völlig durch.

Xavier Naidoo - "Alles kann besser werden"
(Naidoo Records/Tonpool, bereits erschienen)

Eins ist mal klar: Ohne Xavier Naidoo gäbe es keine deutschsprachige Soulmusik, die diesen Namen verdient. Und wer es schafft, einem ganzen Volk die passende Hymne zum Zeitgeist in den Mund zu legen, wie Naidoo 2006 mit seinem WM-Song "Dieser Weg", der hat seinen Platz neben Herbert Grönemeyer im teutonischen Pop-Olymp mehr als verdient. Vielleicht hätte Naidoo es einfach damit gut sein lassen sollen, hätte ein Teil seines Apostel-Kollektivs "Die Söhne Mannheims" bleiben sollen, statt nun erneut der deutschen Befindlichkeit auf den Zahn fühlen zu wollen, so umfassend, dass es selbst den größten Sympathisanten ermüden muss. Reichten bei "Telegramm für X" (2005) noch zwei CDs, um das Mitteilungsbedürfnis des Mannheimers zu befriedigen, müssen nun drei CDs fassen, was Xavier Naidoo so denkt und fühlt über Gott und die Welt und die Liebe, vor allem aber über Gott. Drei CDs, 34 Songs, mehr als zwei Stunden gediegene Pop- und Soul-Musik aus feinster Michael-Herberger-Produktion... man könnte das Größenwahn nennen. Der gehört natürlich zum Soul, so viel sei zugestanden: Die große Geste, die Selbst-Überhöhung, der Bombast, "Black Moses" von Isaac Hayes, all das schwingt als Erbe mit bei dieser ansonsten leider biederen und beklagenswert aseptischen Ikea-Version eines grandiosen Soul-Albums. Denn mehr als hübsch gereimte Hülsen hat Naidoo kaum zu bieten, zumindest nicht auf den CDs Hell 1 und 2. Da müssen dann Lippenbekenntnisse wie "Alles kann besser werden/Holen wir uns den Himmel auf Erden" oder "Ich brauche dich/ Und ich tausche nicht/ Ich liebe dich, mehr sag ich nicht" reichen, um Volkes Seele zu streicheln, eine Art spiritueller Instant-Trost in Zeiten der Krise, Musik für den kleinen Kirchentag am Frühstückstisch.

Aber Naidoo hat auch noch eine dritte CD in seinem neuen Album, die - Achtung Wortspiel - "Dunkhell" heißt und im Intro eine Warnung für den flauschig in Wohlfühl-Reime verpackten Hörer parat hat: "Du willst es also wissen, was sich auf der dunklen Seite verbirgt. Bist Du sicher? Du musst es nicht tun, Du kannst die CD auch wieder rausnehmen", raunt Naidoo über dramatisch anschwellender Musik und kündigt seinen Sack voll Meinung über Politik, Kindesmissbrauch, Soldaten, Kapitalismus und verschiedene Missstände im Land mit den Worten an: "Ich sag nicht, dass ich die Wahrheit sage. Mir gefällt nur nicht, was ich da draußen zu hören bekomme. Was ich sage, ist nur meine Meinung. Ich möchte niemanden beleidigen." Um es dann natürlich doch zu tun, unter anderem im anklagenden, aber sehr uneleganten Politiker-Bashing "Raus aus dem Reichstag", wo dann die Kanzlerin Angela Melker heißt. Inkonsequenter geht es kaum. Es ist vor allem diese absurde Abspaltung der dunklen von der hellen Seite, die einem schlechte Laune macht. Denn zum Soul gehören ja gerade die tiefsten, niedersten Abgründe, aus denen heraus sich der Sänger kraft seiner Stimme und Passion zum göttlichen Licht erhebt. Durch sein Auseinanderreißen raubt Naidoo gleich beiden Komponenten Saft und Seele - und degradiert auch noch sein Publikum zum naiven Konsumvolk, das man vor härterer Gangart warnen, wenn nicht bewahren muss. Dann, lieber Xavier, hätten die Wattepackungen auf CD 1 und 2 allemal gereicht. Was willst Du nun sein? Kissen oder Stein? (3) Andreas Borcholte

The Flaming Lips - "Embryonic"
(Warner, 23. Oktober)

Digger, hörst du das denn nicht? Diesmal hauen mir die Flaming Lips aber echt alle Schalter raus! Diese Freaks, diese Teufelskerle, völlig ausgetickt, lassen sich nichts gefallen, machen prinzipiell nur das, was sie wollen, Luftballons, Konfetti, Hasenkostüme und jetzt sogar ein 70-minütiges Album, das klingt, als hätten Miles Davis, die frühen Pink Floyd, Faust, Emerson, Lake & Palmer, Guru Guru, Yes, Can, Bill Bruford, Jimmy Page, Gong und die Silver Apples gemeinsam und komplett zugedröhnt die Spahn Ranch zerlegt. Abgefahren, crazy, far out, "Metal Machine Music", "Re-Ac-Tor", "The End Of An Ear", "Zaireeka", Jodorowsky, Wollmäuse, Raumkapseln, Rock-Oper, Ornette Coleman, die totale Herausforderung. Wayne Coyne ist Gott, Mann, egal was er macht! Was sagst du? So viele Drogen kannst du gar nicht fressen, dass dir "Worm Mountain" und "Scorpio Sword" vielleicht doch noch gefallen würden? Und dass kein Mensch in zehn Jahren ausgerechnet diese Platte rauskramt, wenn er an die Flaming Lips denkt? Dass du dir mehr Momente gleißender Schönheit wie "IF" oder "I Can Be A Frog" gewünscht hättest und es eigentlich ganz reizend findest, dass man "Do You Realize??" immer öfter auf Hochzeiten spielt? Dass du niemandem glaubst, der behauptet, "Embryonic" sei besser als "The Soft Bulletin" oder "Clouds Taste Metallic"? Es ist anders, Digger, ANDERS! Sogar Lester Bangs hätte das Ding gemocht, verstehst du? (4) Jan Wigger

Alexander Marcus - "Mega"
(Kontor/Edel, 16. Oktober)

Der sportive Schmierlapp ist zurück und geleitet den geneigten Hörer im Intro auf freundlichste Art und Weise selbst hinein in sein neues Wunderwerk: "Hallo! Ihr betretet nun die Welt der Electrolore. Kommt herein und all eure Probleme werden verschwinden." Herzlich willkommen, sie sind tot. Alexander Marcus, Poseur, Stutzer und von eigenen Gnaden inthronisierter "King of Electrolore" erzählt auf "Mega" nicht nur einen einstmals guten Witz zum zweiten Mal, sondern überschreitet nun auch musikalisch die imaginäre Michael-Wendler-Linie. "1,2,3" heißt hier "Mega" und aus "Das sind meine Freunde" (dem Top-Notch-Track von seinem Debüt "Electrolore") wird "Sandra", ein jammeriger Abschiedsgruß an den Schulschwarm. Ansonsten berichtet der Geck enthusiasmiert vom Zubereiten eines Hawaii-Toasts: "Ananas aus der Dose/ Scheiblettenkäse und Schinken/ Den Ofen vorheizen/ Und rein damit auf die mittlere Schiene/ Das ist der Hawaii-Toast, Toast Hawaii schmeckt allen gut/ Was ist mit dir?/ Na-na-na-na/ Der schmeckt wirklich Klein und Groß/ Wichtig ist das Weißbrot, ist doch klar/ Na-na-na-na." Gen Ende wünscht Marcus allen Menschen in Europa, in China, in Amerika und im [sic!] Nordpol eine erholsame Weihnachtszeit. Chaos reigns. (3) Jan Wigger

Mumford & Sons - "Sigh No More"
(Island Records/Cooperative/Universal, 23. Oktober)

Wenn wir nicht willens sind, zur Kirche zu kommen, kommt die Kirche zu uns. "Sigh no more, no more/ One foot in sea, one in shore/ My heart was never pure/ You know me" beginnt diese großartige LP der Gruppe Mumford & Sons. Und war es nicht schon schwachsinnig genug, Alberta Cross mit den Kings Of Leon zu vergleichen, hier geht der faule Zauber weiter: "An old-time sound that marries the magic of Fleet Foxes with the might of Kings Of Leon", verortet das Plattenfirmen-Info. Immerhin der Vergleich mit den Fleet Foxes ist alles andere als abwegig, denn das Klerikale, das Spirituelle, die mehrstimmige Inbrunst und ein feierlicher Geist treiben auch hier wundervolle Songs wie "Little Lion Man", "I Gave You All" und "Thistle & Weeds" voran. Musik aus alter Zeit, auch wenn Marcus Mumford zuweilen singt wie Michael Stipe und sich so manches Stück dann eben doch als Teil der neuen Londoner Folk-Szene um Laura Marling, Johnny Flynn und Noah & The Whale zu erkennen gibt. "But it was not your fault, it was mine/ And it was your heart on the line/ I really fucked it up this time/ Didn't I, my dear?" Und gab es da nicht Leute, die Arcade Fire am liebsten die Verwendung einer Kirchenorgel untersagt hätten? Hier ist eure Platte. (8) Jan Wigger

The Leisure Society - "The Sleeper"
(Pias/Full Time Hobby/Rough Trade, 16. Oktober)

Zum herzenswarmen und sehr britischen Indie-Folk der Leisure Society mag es sich der Indie-Folk-Hörer von heute nach nochmaligem Zurechtzupfen seines Polohemdes behaglich einrichten: Ukulele, Banjo, Mandoline, Glockenspiel, Melodica, Cello, Altflöte, Klarinette und eine Stimme, die irgendwo zwischen Sufjan Stevens, Jens Lekman, Stuart Murdoch und Neil Hannon von dunklen Plätzen und den Fallstricken der Liebe erzählt. Einiges auf "The Sleeper" erinnert an die viel zu wenig beachteten Veröffentlichungen des Hamburger Marina-Labels, auch von Ray Davies, Alex Chilton und sogar Mike Brown wird hier und da etwas übernommen. Wer mit Namedropping nicht weiter belästigt werden will und sich fragt, wer diese alten Säcke denn überhaupt sind und was das alles mit dem 13. Oktober 2009 zu tun hat, hält sich einfach an den Titelsong "The Sleeper". Beste Zeile: "We change like the lights on a busy street/ Checking constantly that we're happy to be here." (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Danke, geil. Unplugged in Poznan. (http://www.youtube.com/watch?v=mgH2ORoL0H4) mehr...

06.02.2012 von kuechenchef:

Ja nu, zwischen sechs Monate Wartezeit nach VÖ auf CD wie bisher und Bestellungen beim Label in den USA für Platten in lustigen Vinylfarbkombinationen ist dann doch noch irgendwie ein Unterschied. Aber schee sans scho... [...] mehr...

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Aha, ganz was Neues. ;D mehr...

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Gentle Giant Cogs in Cogs 1974 Brussels - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=jJYe9EFFeec&feature=related) mehr...

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