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05.11.2009
 

Foreigner-Coverversionen

Fiep, fiep, fiep, Mariah hat uns lieb

Von Daniel Haas

Foreigner und die Folgen: Kitsch! Pop!
Fotos
REUTERS

Der Song "I Want To Know What Love Is" ist einer der größten Schmachtfetzen der Chartsgeschichte. Zwei neue Coverversionen belegen: Die Ballade von Foreigner hat es in sich.

Mit "I Want To Know What Love Is" schuf die US-Band Foreigner 1984 Songkitsch im großen Stil. Zeitgeschichtlich gar nicht so unpassend. Es war das Jahr der fortgesetzten Aufrüstung, Ronald Reagan war im Amt bestätigt worden, in der DDR wurden Nuklearraketen aufgestellt. Bis zu Gorbatschows Glasnost war es noch ein Jahr hin.

In dieser Zeit konnte man sich durchaus fragen, was nun eigentlich Sache ist mit der Liebe, nicht nur weltpolitisch, sondern auch im Binnenreich des Privaten. Schließlich standen die Achtziger im Zeichen von Hedonismus und Freizügigkeit. Aids, diese schreckliche Disziplinarmaßnahme fürs sexuelle Verhalten, galt noch als Nischenkrankheit der Schwulen. Die bürgerlichen Heteros mussten also die Nebenwirkungen der Yuppie-Kultur verkraften, die asoziale Dynamik des Schicker, reicher, schöner.

Kitsch mit Konzept

Was bleibt dann substantiell von der Liebe? Diese Frage wird von Anfang an von Pop für die jeweilige Zeit gestellt. Und die Antwort, auch das ein Vorrecht von Pop, kann absurd, unlogisch, kitschig daherkommen, ohne dabei falsch zu sein.

Im Foreigner-Song heißt es: "Ich brauch' ein bisschen Zeit, um die Dinge zu überdenken./ Ich muss zwischen den Zeilen lesen. Das werde ich brauchen, wenn ich älter werde." Das ist quasi Eigenanalyse: Das Ich als Text, der entziffert werden muss. Bedeutung entsteht im Zwischen, in der Differenz. Sehr sophisticated.

Aber dann: "Ich muss einen Berg erklettern./ Fühlt sich an, als laste die Welt auf meinen Schultern./ Durch die Wolken sehe ich die Liebe scheinen, sie hält mich warm, wenn das Dasein kälter wird." Was für ein Wechsel! Jetzt ist man ahistorisch, mythologisch, metaphysisch. Es überkreuzen sich antike (Berg erklimmen und Welt schultern, das sind Sisyphos und Atlas) und christliche Ideen (die wärmende Liebe aus der Himmelssphäre).

Raunzen versus Jodeln

Was passiert, wenn man den Song heute, 2009, wieder einspielt? Welthistorisch ist er natürlich weiterhin anschlussfähig: Das Liebesproblem zeigt sich jetzt, in Zeiten der kapitalistischen Superkrise, verschlüsselt im Verhältnis von Bankern und Anlegern, Firmenbossen und Angestellten. Wer da welche Steine wo hinrollt und welche Lasten schultern muss, lässt sich in den Arbeitslosenzahlen ablesen.

Aber popästhetisch? Kann man diesen in seiner Öligkeit perfekten Song in irgendeiner Weise interpretieren? Mariah Carey, die Quotenqueen der globalen Charts, hat es gemacht. Und Leela James, eine sehr versierte, unter Vermarktungsaspekten aber eher zu vernachlässigende Soulsängerin, ebenfalls.

Und jetzt kann man noch einmal wunderbar die Energie von Pop, seine Aufgeschlossenheit gegenüber Haltungen und Stilen bestaunen. Bei Mariah Carey steigt man gleich mit einem süßlichen Piano ein, dazu ein Gute-Laune-Fingerschnipsen. Dann kommt die berüchtigte Falsettstimme der Carey, am Anfang noch mädchenhaft hingehaucht, später zum Sirenenton gesteigert.

Bei Leela James gniedelt eine Gitarre vor sich hin; die Sängerin raunzt sich mit ihrer Altstimme durch die Zeilen. Irgendwann taucht eine Orgel auf, die mit der Gitarre um die Wette schmachtet.

Blues und Soul geben den Ton an, vor allem beim Refrain, der anders als bei Carey nicht die hingedonnerte Rechtfertigung für den ganzen Song ist, sondern, so zaghaft und wehmütig wie er intoniert wird, eine wiederholte Verunsicherung darstellt.

"Ich will wissen, was Liebe ist": Bei James klingt das wie die Frage des verzweifelten Subjekts, das sich letzte Gewissheiten versagt. Bei Carey ist es die gutgelaunte Zuversicht, dass sich die Dinge schon richten werden.

Stahlbad des Fun

Dieser Optimismus ist immer auch ein Opportunismus. Ein Aussöhnen mit den Verhältnissen klingt in ihm durch, den Carey mit einem Kunstgriff noch steigert. Der dritte Akt des Songs wird mit einer Modulation eingeleitet. Da rutscht, zwecks dramatischer Steigerung, alles einen Halbtonschritt nach oben, und ab da ist der Song tatsächlich ein Stahlbad des Fun. Die Carey fiept; der Chor stellt auf Arena-Beschallung; die Drums drehen durch, als gelte es, die Zielgruppen noch aus den letzten Winkeln des Erdenrunds herbeizutrommeln.

Ist das kulturkritisch gesehen nun verdammungswürdig? Nein, es ist aber das, was wir guilty pleasure nennen: Es geht um die Lust des Konsumenten, den Kitsch mal mehr, mal weniger ironisch auszukosten. Insofern ist die Carey-Version rezeptionsästhetisch eine größere Herausforderung - und ein größeres Vergnügen.

Leela James' Fassung kennt keine Ironie. Sie ist doppelt so lang wie die von Carey - sieben Minuten - , will also ein Drama sein, eine Leidenserzählung. Sie endet in der hypnotischen Wiederholung des zentralen Motivs, umspielt von melancholischen Gitarrenriffs und den verzweifelten Fragen: "Was ist Liebe? Sag es mir! Jemand muss es mir sagen!"

Ein Blockbuster-Song mit Happy-End-Appeal, eine Leidensnummer mit existentialistischem Verzweiflungsfuror - und alles wegen Foreigner. Pop weiß letztlich nicht, was Liebe ist. Aber er weiß, wie man Spaß hat und Vielfalt inszeniert.

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insgesamt 4 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
25.11.2009 von robr: Foreigner!

Das Original ist unübertroffen! mehr...

06.11.2009 von hoellin: Super !

Toll geschriebener Artikel über ein verhältnismässig banales Thema.....grosses Lob ! mehr...

06.11.2009 von chiara57: andere Coverversionen

guter Artikel zur Vollständigkeit es gibt auch hörenswerte Coverversionen von Wynonna Judd Rita Coolidge Shirley Bassey Paul Young u Tina Arena lg Chiara mehr...

05.11.2009 von laucar: Hebt sich ab ...

Super Artikel ... fundiert, machte Spass zu lesen. Bitte mehr davon!!! mehr...

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