The Unthanks - "Here's The Tender Coming"
(Rough Trade/Indigo, 13. November)
Setzen wir unsere Scherben zusammen, denn die mystisch begnadeten Geschwister Rachel und Becky Unthank haben ein neues Album aufgenommen. Nach dem verheißungsvollen Debüt "Cruel Sister" und der Glanzleistung "The Bairns", auf der man sogar Robert Wyatts "Sea Song" eine neue Dimension abrang, wurde aus Rachel Unthank & The Winterset nun The Unthanks. Wieder sind es mehrheitlich Traditionals, die Rachel und Becky beschäftigen: Mit der Nick-Jones-Version des nur musikalisch hellfarbigen "Annachie Gordon" wuchs Becky Unthank auf, eine herzzerreißende Geschichte, die acht Minuten lang schimmert: "And she fell down to the floor/ And straight down to his knee saying/ Father look, I'm dying for my love Annachie." Die zufällige Ähnlickeit von "Lucky Gilchrist" zu "Ornithology" von Phantom Ghost ist mehr als verblüffend, denn das Lied ist blutjung und wurde von Rachels Ehemann Adrian McNally verfasst, um einem alten Freund zu gedenken. Zum von Streichern umspielten "The Testimony Of Patience Kershaw" möchte man auf gar keinen Fall "hypnotisch" sagen, doch leider ist der Song genau das: hypnotisch. Die sinistre Lal-Waterson-Komposition "At First She Starts", in der ein Vogel besungen wird, ist der Höhepunkt von "Here's The Tender Coming". "I've been singing it around the house to myself for years", sagt Becky Unthank. Was für eine Jugend! (8) Jan Wigger
Ian Brown - "My Way"
(Fiction/Universal, bereits erschienen)
Wenn man Ian Brown die Laune verderben will, spricht man ihn auf seinen ehemaligen Schulkameraden, Freund und Bandkollegen John Squire an. Mit ihrer Band The Stone Roses waren Brown und Squire maßgeblich an der Prägung des Britpop-Sounds der Neunziger beteiligt. Ihr einflussreiches Debüt-Album wurde zum 20. Jubiläum soeben wiederveröffentlicht. Doch der frühe Ruhm war nur "Fool's Gold", wie man mit dem bekanntesten Song der Band sagen könnte: Schon 1994 waren die Stone Roses heillos zerstritten und überließen das lukrative Feld den - musikalisch weitaus konservativeren - Nachkömmlingen von Oasis, Blur und Konsorten. Seitdem versucht Roses-Sänger Ian Brown, wegen seiner schlaksigen Bühnenpräsenz einst The King Monkey genannt, als Solo-Künstler Fuß zu fassen, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Mit dem etwas prätentiös betitelten "My Way" scheint er nun endlich bei sich selbst angekommen zu sein. Mehr Willen und Entschlossenheit, den großen Pop-Entwurf noch einmal hinzubekommen, hat man beim hochtalentierten Songwriter Brown lange nicht erlebt: Schwer beeinflusst von modernem R&B und HipHop singt er mit gewohnt entrückter Stimme vom ärmlichen Aufwachsen in Manchester ("Crowning Of The Poor") und zerplatzten Träumen ("Vanity Kills", "Always Remember Me"). Browns Blick ist dennoch fest in die Zukunft gerichtet, auf elektronische Beats und Synthesizer-Klänge, die den letzten Rest Gitarrenpop hinweggefegt haben. Diese Wurzeln zelebriert Brown nur noch einmal, in einer gar nicht peinlichen Coverversion des alten Zager-and-Evans-Gassenhauers "In The Year 2525". This Monkey can fly. (7) Andreas Borcholte
Cobra Killer - "Uppers & Downers"
(Monika/Indigo, bereits erschienen)
Man muss sich Cobra Killer ungefähr so vorstellen, als würde das Fünfziger-Jahre-Pin-Up Betty Page leichtbekleidet durch einen alptraumhaften David-Lynch-Film wandeln und kecke Scherze machen. Gina v. D. Orio und Annika Line Trost sind in der Spätphase Westberlins aufgewachsen und machen die Musikszene der Hauptstadt unsicher, seit sie Teenager waren - vor allem mit spektakulären Live-Auftritten voll elektronischer Exzesse und Russ-Meyer-Charme. In unregelmäßiger Folge bringen die beiden Damen unter dem Moniker Cobra Killer auch Alben heraus, und "Uppers & Downers" ist ihr bis dato ausgereiftes Werk. Das liegt nicht nur an der Unterstützung prominenter Musiker wie Jon Spencer, Thursten Moore (Sonic Youth) sowie J. Mascis und Murph (Dinsosaur Jr.), sondern vor allem an der spürbaren Lust des Duos, die wilden Noise- und Elektrobeat-Attacken mit viel Pop, Melodie und Humor zu würzen. Da wird der Berühmtheits-Kult in "Hello Celebrity" schön schräg auf die Schippe genommen, indem eine Wan-Tan-Suppe die Hauptrolle des Songs spielt. Überhaupt werden lustige Worte immer wieder gezielt als Melodie-Elemente benutzt, "Skibrille" zum Beispiel im gleichnamigen Lied. "Goodtime Girl" und "Mr. Chang" sind süße Sixties-Garagenrock-Hommagen, schön schräg durch den Psycho-Reißwolf gedreht. Und "Schneeball in die Fresse" ist schon jetzt dazu auserkoren, der Anarcho-Hit im winterlichen Friedrichshain zu werden. Unheimlich großer Spaß. (7) Andreas Borcholte
Girls - "Album"
(Pias/Fantasytrashcan, 13. November)
Wenn Christopher Owens gleich im ersten Song "Lust For Life" zu Protokoll gibt, er sei "fucked in the head", dann ist das keine bloße Pose eines wütenden Vorstadtkids: Owens wuchs in der für ihre inzestuösen Sexualpraktiken berüchtigten Sekte Children of God auf, floh mit 16 Jahren und lebte auf den Straßen San Franciscos, bis er den Produzenten Chet Jr. White traf und mit ihm die Band Girls gründete. "Album" ist das vielversprechende Debüt des Duos. Vielversprechend deshalb, weil sich die beiden noch nicht auf einen durchgängigen Stil einigen konnten. Mit gehöriger Verve plündern sie die jüngere College- und Underground-Rockmusik, klingen mal nach Replacements und Wilco, mal nach New Wave und Britpop wie in "Morning Light". Manchmal, in "Ghost Mouth" zum Beispiel, kommt auch eine Prise Sixties-Nostalgie auf, kein Wunder, wenn man den pophistorisch vorbelasteten Herkunftsort der Band bedenkt. "Big Bad Mean Motherfucker" evoziert gar Buddy Holly, Beach Boys und frühen Rock'n'Roll. Für Owens, einen begabten Songwriter und Texter, ist diese Platte offensichtlich ein Befreiungsschlag: Alle Dämonen werden lustvoll mit Musik exorziert, kreuz und quer durch Zeiten, Genres und Gefühlszustände. "I don't wanna cry/ My whole life through/ I wanna do some laughin', too/ So come on, come on dance with me", singt er im Schlüsselstück des Albums, "Hellhole Ratrace". Aber gerne. (6) Andreas Borcholte
This Immortal Coil - "The Dark Age Of Love"
(Ici d'Ailleurs/Cargo Records, 13. November)
Ist es erlaubt, über Coil zu schreiben, ohne dass die Gelehrten zürnen? "The Dark Age Of Love" ist ein Tribute-Album, This Immortal Coil eine lose Gemeinschaft, weshalb auch der Verweis auf das von Ivo Watts-Russell geleitete und längst aufgelöste 4AD-Projekt This Mortal Coil Sinn ergibt. Hier hat der Franzose Stephane Gregoire Musiker versammelt, die ausdrücklich nicht als Exegeten des Coil-Kopfes John Balance gelten und sich seiner Musik und seinem Schaffen auf andere Art und Weise nähern sollten. Als Fan hätte man sich Stücke wie "At The Heart Of It All" oder "The Snow" gewünscht, doch die Coil-Diskographie ist ähnlich umfassend und verstreut wie das ständig wachsende Gesamtwerk von Current 93. Bonnie "Prince" Billy besingt noch einmal den Mord an Pier Paolo Pasolini, Yann Tiersen gelingt mit "Love's Secret Domain" Unglaubliches und Sylvain Chauveau erfasst die ganze Schönheit von "Amber Rain". Am 13. November 2004 starb John Balance, der an Depressionen und Alkoholismus litt, an den Folgen eines Sturzes im Treppenhaus. How he loved the moon. (7) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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