Von Christoph Dallach
Darüber, was eigentlich Soul ist, lässt sich herrlich streiten: Ob nur schwarze, amerikanische, kirchenchorgeschliffene Kandidaten die angemessene Inbrunst mitbringen? Oder auch bleiche Musikleistungskurs-trainierte Briten, Deutsche und Japaner? Fest steht, dass dieser Herbst jenseits aller Klischees eine wahre Flut an interessanten Veröffentlichungen zum Thema bringt.
Zum Beispiel Peter Guralnicks Buch "Sweet Soul Music", das wohl Beste, was je zu diesem Thema zu Papier gebracht wurde. Ein "Klassiker" ("Newsweek"), der in den USA bereits vor mehr als 20 Jahren erschien, und der nun erstmals auf deutsch vorliegt.
Bereits im Vorwort des umfangreichen Werkes widmet sich Guralnick der eigentlich unbeantwortbaren Frage "Was ist Soul Musik?". Der Autor entscheidet sich für Künstler wie Otis Redding, Solomon Burke oder James Brown, die für ungezähmte Leidenschaft stehen, anstelle von Kollegen wie Diana Ross oder Michael Jackson, die kunstvoll aufpolierte Hits lieferten, die auch ein großes weißes Publikum erfreuten. Das Zusammenspiel von Hautfarbe, Klasse, Gott und der Welt untersucht er in Interviews, Analysen und Porträts. Aus einem ehrfurchtgebietenden Detailwissen entsteht ein Standardwerk, das sich wie ein flottgeschriebener Roman liest, aber auch als Geschichte der amerikanischen Musikindustrie funktioniert.
Klassiker und Geheimtipps
Als Soundtrack dazu passt die wie das Buch betitelte CD-Reihe "Sweet Soul Music", die aus jedem Jahr von 1961 bis 1970 sorgsam ausgewählte Lieder aneinanderreiht. Klassiker von Sly Stone funkeln neben herrlichen Geheimtipps wie 100 Proof Aged in Soul. Obendrein wurden alle Aufnahmen restauriert und in beigepackten Büchlein erläutert.
Die andere Seite des Soul, die perfekten und kontrollierten Bestseller der Detroiter Plattenfirma Motown, sind in dem ebenfalls frischerschienenen Buch "The Soul of Motown - Eine Label-Geschichte in 15 Songs" aufbereitet. Torsten Groß, Redakteur des deutschen "Rolling Stone", leuchtet anhand von 15 Motown-Klassikern wie The Temptations' "Papa Was A Rolling Stone" oder "I Want You back" von The Jackson 5 die Biografie der legendenumwobenen Plattenfirma aus. Zwei Berliner Illustratoren haben das sehr hübsch bebildert, und ein Tonträger mit den besagten Liedern ist natürlich auch beigepackt.
Dass die Soul-Geschichte noch längst nicht abgeschlossen ist, unterstreicht das neue Album des großen Smokey Robinson. Auf "Time Flies When You're Having Fun" präsentiert sich der alte Meister in überraschend frischer Verfassung, glänzt mit samtenen Balladen unterstützt von Gästen wie Joss Stone und Carlos Santana.
Rechtzeitig zum Vorweihnachtskaufrausch liefert auch Rod Stewart eine CD namens "Soulbook". Mit allerlei prominenter Unterstützung (Stevie Wonder, Mary J. Blige und wiederum Smokey Robinson) macht sich der durchaus kompetente Soul-Liebhaber über 13 Klassiker des Genres her: ein Projekt, an dem er schon seit langem herumlaboriert und das trotzdem so halbherzig und steril routiniert ausgefallen ist wie alle seine Platten aus den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten. Schade, denn seine Liebe zum Detail offenbart sich in der Besetzung der Musiker, immerhin finden sich im Kleingedruckten so legendäre Soulmänner wie Willie Mitchell.
Nun ja: Darüber, warum einer sein Talent verschenkt, kann man auch endlos streiten.
CDs:
Diverse: "Sweet Soul Music - 1961-1970" (Bear Family Music);
Smokey Robinson: "Time Flies When You're Having Fun" (Robso Records);
Rod Stewart: "The Great American Soulbook" (Sony Music).
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