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17.11.2009
 

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Devendra Banhart ist cool, weird, musikalisch unberechenbar und veröffentlicht seine Platten jetzt sogar bei einer großen Firma. Was will der Mann eigentlich, fragt sich Andreas Borcholte und feiert mit Them Crooked Vultures eine Retro-Party. Jan Wigger findet in Savoy Grand Seelenverwandte.

Devendra Banhart - "What Will We Be"
(Reprise/Warner, 27. November)

"Please destroy me/ Please destroy me", singt Devendra Banhart fröhlich am Ende von "First Song For B", einem Song, der eigentlich ganz nett und positiv anfing, als Ode an die erste Verliebtheit und diese magische kurze Phase, in der alles ganz rosa leuchtet, auch ohne Brille. Zerstör mich? Hadert er da nur mit der Vergänglichkeit der Liebe - oder auch mit dem Ruhm und seinen Folgen? Bedenkt man Banharts Status als gottgleich verehrter Freigeist und Idealkünstler in der Gemeinde der streng alternativen New-Weird America-Szene und zieht man in Betracht, dass der fusselige und notorisch vollbärtige Sänger aus Kalifornien von jungen Damen umschwärmt wird (darunter kurzzeitig auch Natalie Portman), fällt einem natürlich sofort Bob Dylan ein. Angeekelt vom eigenen Image als Pappkamerad eines neuen Protestgesangs, schaltete Dylan Mitte der Sechziger auf Selbstzerstörung, tauschte die akustische mit der elektrischen Gitarre, sang "It An't Me, Babe", kleidete sich als Dandy statt als Hobo - und verglich sich mit Lee Harvey Oswald.

So weit wird es mit Devendra Banhart wahrscheinlich nicht kommen, aber "What Will We Be", sein sechstes Album, markiert dennoch einen interessanten, wenn nicht entscheidenden Punkt in seiner noch jungen Karriere. Nach Jahren des Freispiels bei den Independents hat er sich mit Reprise eingelassen, dem Major-Label, das einst von Frank Sinatra gegründet wurde, um ihm mehr künstlerische Freiheit zu garantieren, und heute Banharts Waldschrat-Vorbild Neil Young beherbergt. Aber eben auch Wal-Mart-Topseller wie Michael Bublé, Enya und Green Day. "What Will We Be" ist aber noch nicht das angepasste Mainstream-Album geworden, das viele von Banharts Jüngern befürchtet haben. Es gibt herrlich verschrobene Songs wie "Angelika", die in der Mitte plötzlich vom zarten Folk-Gezupfe in einen südamerikanischen Taumel verfallen. Oder den von Led Zeppelin, Doors und Beck gleichermaßen beeinflussten Bluesrock "Rats". Oder den garantiert Teenie-kompatiblen Party-Stampfer "16th & Valencia, Roxy Music". Und den in einer alten Indianersprache gesungenen Countryfolk von "Walilamdzi"... und, und, und. Stilistische Vielfalt und Unberechenbarkeit ist Devendra Banharts Qualität und Stärke. Und sein größtes Problem. Denn nachdem sich das erste Staunen über all die Weirdness, all den Spaß und die mutige Musikalität gelegt hat, bleibt jene im Albumtitel schon implizite Frage übrig, die mehr denn je auf eine Antwort drängt: Was will der Mann eigentlich sagen, was will er sein? Dude oder deep? Hoffentlich findet er es heraus, bevor er verglüht. (7) Andreas Borcholte

Savoy Grand - "Accident Book"
(Glitterhouse/Indigo, 27. November)

Das stille Verderben, nach einer Reise in die Fremde wieder nach Hause in seine Wohnung zu müssen. Das böse Erwachen Ashton Kutchers in "The Butterfly Effect". Die Unmöglichkeit zu frühstücken. Der Unwille darüber, dass es immer weiter gehen muss. Das vergebliche Vergöttern der US-Schauspielerin Rashida Jones. Der versehentliche Schnitt mit dem Brotmesser. Das Hämmern im Kopf. Die Leere im Herzen. Ohne es zu wissen, hat Graham Langley von Savoy Grand all das schon besungen, und er tut es noch. "A Good Walk Spoiled" heißt der erste Song auf "Accident Book", das selbstverständlich genauso klingt wie alle Savoy-Grand-Platten zuvor. Doch im Perfektionieren und Verfeinern, im mehrjährigen Warten auf den nächsten Ton liegt auch das Geheimnis und der Trost dieser englischen Entschleunigungsvirtuosen. Der Tag ist schon versaut, wenn der Wecker klingelt, ein Spaziergang nur etwas wert, wenn während des Gehens über Ungeheuerlichkeiten reflektiert werden kann. "He realised hope died out in the countryside/ Where you find what you need/ Is the thing that you left behind." Die Antwort liegt niemals in der Zukunft, und draußen ist es immer zu hell: "Hospital screens when last you were on your feet/ The sun came up/ The light was too much." Die späten Talk Talk und die einzige Solo-LP von Mark Hollis bleiben die einleuchtendsten Bezugsgrößen für "Accident Book". Das, eine weiße Birke oder die Stille nach dem Schuss. (9) Jan Wigger

Them Crooked Vultures - "Them Crooked Vultures"
(RCA/Sony, 20. November)

Vergessen wir mal kurz den blöden Bandnamen. Them Crooked Vultures muss man sich ungefähr so vorstellen, als wenn die Youngsters Spider-Man und Johnny Storm von den Fantastic Four sich in einem Super-Team-up mit dem allmächtigen Thor wiederfinden und vor lauter Ehrfurcht glatt über sich selbst hinauswachsen. Der Comic-Vergleich passt deshalb so gut, weil der Gitarrist und Sänger Josh Homme (Queens of the Stone Age, Kyuss) und der Drummer Dave Grohl (Foo Fighters, Nirvana) zwar Rock-Superhelden sind, verglichen mit Led-Zeppelin-Bassist und -Musikgenie John Paul Jones aber lediglich als Sidekicks durchgehen. Zusammen haben die drei jetzt ein Album aufgenommen, das zweifelsohne zu den besten Rockplatten der vergangenen zehn Jahre zählt - wenn man auf klassischen, Blues-infizierten Rock anglo-amerikanischer Prägung steht, der nur wenig mit der musikalischen Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts zu tun hat. Diese Einschränkung muss schon sein, denn was Them Crooked Vultures mit Verve und Virtuosität abfeuern, ist retrospektiv bis ins Mark. Dass Homme und Grohl versierte Led-Zeppelin-Adepten sind, haben sie auf dem Queens-of-the-Stone-Age-Album "Songs For The Deaf" schon bewiesen, das Zusammenspiel mit Jones aber lässt nun alle Dämme brechen. Homme versucht in manchen Stücken sogar, wie Robert Plant zu singen, obwohl er eine ganz andere Stimmfarbe hat. Grohls Drums wummern, als gelte es der "Battle of Evermore" noch einmal verspätet eine vernünftige Percussion einzuhämmern. In "Reptiles" und "Elephants" werden "Black Dog" und "Misty Mountain Hop" zitiert, "Caligulove" ist eine schöne Hommage an "Trampled Underfoot". Aber natürlich ist nicht alles bloße Reverenz. Über weite Strecken klingen die Songs wie Queens Of The Stone Age - allerdings musikalisch veredelt und klanglich perfektioniert. Es gibt Details und Ziselierungen auf dieser eigentlich schnörkellosen Rockplatte, die man wohl erst nach dem zehnten oder zwanzigsten Hören wird würdigen können. Und man hat sogar Lust, das Album so oft zu hören. Wenn's dann irgendwann doch langweilig wird, kann man immer noch das erste Masters-of-Reality-Album von 1988 herauskramen. Rockt genauso retro, ganz ohne Superhelden-Team-up. (8) Andreas Borcholte

Espers - "III"
(Wichita/Cooperative Music/Universal, 20. November)

An dieser Stelle hätten wir Ihnen ebenso gut noch einmal die ausgezeichnete Greg-Weeks-LP "The Hive" empfehlen können, doch Weeks ist ja noch unbekannter als seine Band Espers, und bevor hier wieder die beleidigten "Kenne ich alles nicht!"-Rufe einsetzen, sehen wir lieber davon ab. Espers dagegen könnte man kennen, schließlich hat uns das flammende Geflöte und Gefiedel der Folk-Drogisten aus Philadelphia schon durch manch schwere Stunde begleitet. Bedauerlicherweise ist "III" im Gegensatz zu "Espers" und "II" eine ziemlich reizlose Angelegenheit. Nicht weil einem zehn Stücke (darunter eines, das Werner Herzogs grimmige Tour de Force "Aguirre, der Zorn Gottes" streifen soll) versprochen werden und die von der Plattenfirma zur Verfügung gestellte CD nach nur acht Liedern endet, sondern weil Espers plötzlich gewöhnlich geworden sind. "Meridian" und "I Can't See Clear" sind toll, doch allzu oft verliert die Band sich auch im Ungefähren. So darf man dann doch einmal die Glaubensfrage stellen: Wieso Espers hören, wenn Bert Jansch, Vashti Bunyan und Fairport Convention in der Goldschatulle warten? (5) Jan Wigger

Procol Harum - "All This And More..." (Box-Set)
(Salvo/Soulfood, bereits erschienen)

Selbst lange nachdem Doro Pesch "A Whiter Shade Of Pale" die größte anzunehmende Grausamkeit angetan hatte, gaben verschiedene Procol-Harum-Mitglieder noch an, bis heute nicht zu wissen, was Keith Reids berühmte Zeile "We skipped the light fandango" eigentlich bedeutet. Nach allem, was man weiß, setzte Reid im Text die Bilder einer besonders berauschenden, aber auch verwirrenden Partynacht zusammen. Auch Matthew Fischers Orgel und Gary Brookers schicksalsergebener Gesang trafen den Nerv melancholischer Existenzen und machten den Song zu einer Arbeit für die Ewigkeit. "Homburg", "A Salty Dog" und "Pilgrim's Progress" aber waren ebenso brillant. Die coolen Pop-Theoretiker von heute, deren Kreuz es ist, stets der Zeit voraus sein zu müssen, wird es vorhersehbarerweise eher abschrecken, dass auch Heinz Rudolf Kunze die fünf ersten Alben der britischen Gruppe zu den größten musikalischen Schätzen überhaupt zählt. Im 72-seitigen Booklet dieses reichlich merkwürdig zusammengestellten Procol-Harum-Box-Sets (3 CDs, eine DVD) werden unter anderem die Schwierigkeiten eines Plattenladenbesuchs im Jahr 1971 geschildert: "Of course, you might decide to splash out on John Lennons new LP "Imagine", or that saucy new album from The Stones, "Sticky Fingers"...or Carole Kings beguiling "Tapestry"... or Led Zeppelin's fourth." Man konnte aber auch das Harum-Vinyl "Broken Barricades" kaufen - einsortiert unter "Progressive Rock". So viel Reichtum gibt es heute natürlich nicht mehr. Doch immerhin können Sie sich beim Versuch, eine der CDs aus der Plastikvorrichtung zu entfernen, mindestens zwei Finger brechen. (8) Jan Wigger

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06.02.2012 von eigentlicher_Schwan:

Danke, geil. Unplugged in Poznan. (http://www.youtube.com/watch?v=mgH2ORoL0H4) mehr...

06.02.2012 von kuechenchef:

Ja nu, zwischen sechs Monate Wartezeit nach VÖ auf CD wie bisher und Bestellungen beim Label in den USA für Platten in lustigen Vinylfarbkombinationen ist dann doch noch irgendwie ein Unterschied. Aber schee sans scho... [...] mehr...

04.02.2012 von oasis:

Aha, ganz was Neues. ;D mehr...

04.02.2012 von Ion:

Gentle Giant Cogs in Cogs 1974 Brussels - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=jJYe9EFFeec&feature=related) mehr...

03.02.2012 von Jetty_Hitsch: Bap

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