Von Christoph Dallach
Wahrscheinlich hat es Bob Dylan einfach gelangweilt, nur noch supertoll gefunden zu werden, niemanden mehr zu irritieren. Denn einfach alles, was er in den letzten Jahren so anging (Platten, Memoiren, Radiosendungen), sorgte zuverlässig für ehrfürchtige Euphorie. Ja, sogar für den Literaturnobelpreis wird "His Bobness" immer wieder gehandelt. Das passte nicht zu dem gewitzten Provokateur, und vielleicht dachte er sich, dass er da mal reinhauen muss.
Das ist ihm nun gelungen, sein neues Album finden nicht alle toll. Beim Internethändler Amazon ließen sich Fans zu erstaunlichen Kommentaren hinreißen: "Habe noch nichts so Fürchterliches gehört", "Vor Grauen geschüttelt", "Tiefer geht es nicht", "Voll in die Kloschüssel gegriffen", "Tickt der noch ganz richtig?", "Folter", "Verhöhnt alles, was Dylan mal ausmachte".
Potzblitz, was hat der Meister denn da verbrochen? Ein Duett mit George W. Bush? Loblieder auf Kinderpornografie? Ein Techno-Remix-Album? Nein. Nein. Nein. Bob Dylan hat nur ein Album mit Weihnachtsliedern aufgenommen. "Christmas in the Heart" heißt das polarisierende Werk, und es hält, was es verspricht: 15 verschneite Klassiker wie "Little Drummer Boy", "I'll be Home for Christmas", "Winter Wonderland" oder "Have Yourself a Merry Little Christmas", dargeboten von einem vergnügt grummelnden Dylan mit beschwingt aufspielender Band. Das ist für Menschen, die immer noch sauer sind, dass Dylan zur elektrischen Gitarre griff, zwar ein weiterer Schicksalsschlag, für den Rest der Menschheit aber ein irrwitziges Vergnügen.
Es stellt sich trotzdem die Frage, was in aller Herrgottsnamen so teuflisch an Weihnachtsliedern sein soll? Die empörten Fans versöhnt ja nicht einmal, dass der alte Meister seine kompletten Einnahmen aus dem Verkauf einem wohltätigen Zweck zuführt. Wo also liegt das Problem?
Reich wie Dagobert Duck
Der lustige und in diesem Zusammenhang durchaus regelmäßig geäußerte Vorwurf "Ausverkauf" ist Quatsch! Worin sollte der bestehen? Dylan ist so reich wie Dagobert Duck, er kann tun und lassen, was er will, und das waren in diesem Fall eben Weihnachtslieder. Natürlich kann man das als verqueren Scherz abtun oder als Ironie und Zynismus.
Aber Dylan hat sich längst als Weihnachtsfan geoutet, als er dem Thema eine seiner tollen Radio-Shows widmete. Außerdem ist er bekennender Traditionalist, und populäre Musiker, die Weihnachtslieder aufnehmen, haben eben eine große Tradition: Elvis, Sinatra, Johnny Cash, James Brown sind im Club. Selbst die Beatles haben ihren Fanclub einst mit Weihnachts-Schallfolien beglückt. Und auch nachgewachsene Helden führen die Tradition fort, so wie The Ramones, Sonic Youth, Beck, Aimee Mann, R.E.M., Eels, Flaming Lips, Rufus Wainwright, Saint Etienne oder Death Cab For Cutie. Alles keine Künstler, die für Kompromisse berühmt sind, sondern sich für Lieder von erhabener Freude und sanfter Schwermut begeistern.
Diese Weihnachten reihen sich noch Strokes-Sänger Julian Casablancas ("I wish it was Christmas Today"), Tori Amos ("Midwinter Graces"), A Fine Frenzy ("O, blue Christmas"), Jason Lytle ("Merry Xmas 2009"), Doobie-Bruder Michael McDonald ("This Christmas") und die Pet Shop Boys ("Christmas") ein. Besonders herrlich ist "In the Christmas Groove", eine Zusammenstellung alter Soul- und Funk-Schneemannslieder.
Eine aberwitzige Weihnachtsplatte, die auch Bob Dylan gefallen dürfte.
CD-Angaben:
Bob Dylan: "Christmas in the Heart" (Sony).
Tori Amos: "Midwinter Graces" (Universal);
Julian Casablancas: "I wish it was Christmas Today" (Sony);
Diverse: "In the Christmas Groove" (Strut);
Michael McDonald: "This Christmas" (Proper);
A Fine Frenzy: "O, blue Christmas" (EMI);
Jason Lytle: "Merry Xmas 2009" (
kostenloser Download);
Pet Shop Boys: "Christmas" (EMI).
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Werfe derjenige den ersten Stein, der keine Leiche im Keller hat. :)) In gefühlten 50 Jahren spricht kaum ein Mensch mehr darüber. Außerdem: Ist ja kein 'Muss', sondern ein 'kann' hören. mehr...
Ja. Genauso wenig Kunst wie Architektur. mehr...
http://www.youtube.com/watch?v=qVs6X9yIM_k Tolles Video, musikalisch erinnert es mich an die anarchischen Anfänge der Pogues. mehr...
Ich mag die Platte auch nicht, soviel vorneweg, aber sie als reiner Kitsch abzutun, ist völliger Blödsinn. Zugegeben, die Kunst liegt hier nicht in der Musik, sondern in der Tatsache, so eine Platte zu machen. Der Herr [...] mehr...
...Herr Dallach, für diesen schönen Text! Ich kann mich BlueCougar nur anschließen. Bob Dylan begleitet mich jetzt schon fast mein ganzes Leben. Auch wenn seine Wege manchmal sprunghaft sein mögen - er ist ein wunderbarer [...] mehr...
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