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15.12.2009
 

Abgehört 2009

Die wichtigsten CDs des Jahres

Ist Gitarrenrock tot? Ist die Zukunft elektronisch? Gibt es noch gute Songwriter? Am Jahresende wird abgerechnet, auch bei Abgehört: Andreas Borcholte und Jan Wigger haben die zehn besten Pop- und Rockplatten aus 2009 ermittelt - die wichtigsten CDs des Jahres, Teil 1

Jochen Distelmeyer - "Heavy"
(Columbia/Sony)

Man muss auch mal persönlich werden dürfen. Vor drei Jahren schrieb ich an dieser Stelle über das letzte Blumfeld-Album "Verbotene Früchte". Es brauchte lange und viel Überzeugungsarbeit, bis ich bereit war, es zu den wichtigsten CDs des Jahres zu zählen. Aber letztlich sah ich ein, dass Jochen Distelmeyer einen mutigen Exkurs über Popmusik gewagt hatte, den ich zuerst nicht verstand und dann zu respektieren lernte. Es war eine Kopfentscheidung für ein - bei aller demonstrativ zur Schau gestellten Naivität - verkopftes Album. Nun gibt es Blumfeld nicht mehr, und Jochen Distelmeyer brachte sein Soloalbum "Heavy" heraus. Und wieder sitze ich hier am Ende des Jahres, wieder geht es um die besten Platten. "Heavy" gehört dazu. Aber diesmal brauchte ich nicht lange zu überlegen, diesmal war es eine Herzensentscheidung - für ein Album, das mit offenem Herzen gemacht wurde. Kein anderer deutscher Songschreiber beherrscht es in gleicher Weise, die fein nuancierten, manchmal furchtbar diffusen Gefühle, die uns umtreiben, so anrührend und präzise, so brutal klar in Worte und Musik zu fassen wie er. Ob Trennungszweifel ("Bleiben oder Gehen", "Nur mit Dir"), Wut und Frustration ("Wohin mit dem Hass?", "Er"), Sehnsucht ("Jenfeld Mädchen", "Lass uns Liebe sein") oder die Freude am alltäglichen Glück ("Murmel") - auf "Heavy" wird er dem Ringen zwischen Euphorie und Schwermut, das sich Leben nennt, gerecht, schafft Pathos ohne Kitsch, schürft tief ohne zu nerven. Man mag das zunächst für keine große Kunst halten, gemessen am intellektuellen Ballast, den Distelmeyer als Blumfeld-Kopf mit sich herumträgt. Doch gerade seine entwaffnende Eindeutigkeit macht "Heavy" zu einem großen Popmoment. Von mir aus nennt es Schlager, aber es lindert den Schmerz. Danke, Jochen. Andreas Borcholte

Animal Collective - "Merriweather Post Pavilion"
(Domino/Indigo)

Als in der ersten Abgehört-Kolumne im Januar 2009 anlässlich dieser Platte der gute, alte Indie-Rock nicht ganz bierernst zu Grabe getragen wurde, machte sich wie erwartet Unmut breit. Nun geht das Jahr dem Ende zu und während sich die ideenlosesten Schrummel-Rock-Gruppen bereits wieder selbst zu den Akten gelegt haben, steht "Merriweather Post Pavilion" weiter an der Spitze. Selbst zufällige Konzertbesucher der so strahlenden wie verstörenden "Strawberry Jam"-Tour, die zwischen zauberischen Bergarbeiter-Gesängen, Mäuse-Techno, Westcoast-Harmonien und Schleudertrauma alles aufbot, fanden auf dieser komplettesten Arbeit der Tiere den Pop: Die Beach-Boys-Hommage "Guys Eyes", die bestrickenden "In The Flowers" und "Bluish", das rappelige "Summertime Clothes" und ein Vorgehen, dessen Einfachheit so entwaffnend ist wie die zauberhafte Musik von Animal Collective: "So I used my mind/ And I used my hand/ It was what I want to do." Die schöne Tragik ihres Schicksals. Jan Wigger

Fever Ray - "Fever Ray"
(Cooperative Music/Universal)

Die Frage, ob Indie-Rock oder überhaupt Gitarrenrock sich mit dem Ende dieser Dekade erstmal selbst erledigt hat, stellte sich in diesem Jahr desto öfter, je mehr belanglose Schrammel-Alben auf den Markt geworfen wurden. Eine zufriedenstellende Antwort gibt es nicht, aber es hat wahrscheinlich viel zu bedeuten, dass die aufregendere Musik aus dem inzwischen sehr weit gefassten Genre der Elektronik stammt. Zum Beispiel diese hier: Karin Dreijer Anderson, eine Hälfte des schwedischen Experimental-Duos The Knife, schuf mit Fever Ray eine nordisch-folkloristisch verzauberte Klangwelt voll schwarzmagischer, kühl funkelnder Schönheit. Wer das Glück hatte, die Band in diesem Jahr bei einer ihrer Live-Performances zu sehen oder die Videoclips zu den Songs "When I Grow Up" oder "Seven" kennt, weiß, dass das Schamanische bei Fever Ray zu einem audiovisuellen Konzept gehört, das weit über den Begriff Popmusik hinausreicht. Hier trifft die moderne Lasershow auf das flackernde Licht einer alten Stehlampe, in deren Licht die geheimnisvolle Waldhexe Anderson klagend ihre schaurigen, existenzialistischen Märchen vorträgt. Schauderhaft schön. Andreas Borcholte

Pet Shop Boys - "Yes"
(Parlophone/EMI)

Natürlich traf man schon ein paar Wochen nach der Veröffentlichung dieses Albums auf punktgenaue, jahrzehntelange Pet-Shop-Boys-Beobachter, Pet-Shop-Boys-Exegeten und Pet-Shop-Boys-Komplettisten, die das allzu euphorische Urteil über "Yes" flugs relativieren wollten: "Bilingual", "Very", ja wahrscheinlich sogar "Nightlife" (!) seien doch wohl genauso gut gewesen, nur hätte das damals, in Anbetracht anderer und scheinbar wichtigerer Zeitphänomene niemand wahrgenommen. Nun muss jeder selbst wissen, welche Musikzeitschriften er bevorzugt, aber ist es wirklich so verwerflich, der Kunst von "Beautiful People", "Vulnerable", "Building A Wall" und "Legacy" ein ums andere Mal zu verfallen? Schon den Schauplatz von "I Made My Excuses And Left" (auf "Fundamental") verließ man wie versteinert, doch ein so zutiefst melancholisches Nachsinnen wie "The Way It Used To Be" war Neil Tennant und Chris Lowe doch fast schon nicht mehr zuzutrauen: "I'd survive with only memories/ If I could change the way I feel/ But I want more than only memories/ A human touch to make them real." Truffaut, nicht Godard. Jan Wigger

Pearl Jam - "Backspacer"
(Universal)

1. Bei Gesprächen über die amerikanische "Aus-dem-Alter-bin-ich-raus"-Rockgruppe Pearl Jam unbedingt darauf achten, dass der abwertend gebrauchte Begriff "Stadionrock" meist von Menschen genutzt wird, die in ihrem Leben noch keine zehnmal ein Stadion von innen gesehen haben. 2. Gleichmütig darauf hinweisen, dass Kurt Cobain zwar phantastische Musik machte und aus nachvollziehbaren Gründen den Freitod wählte, Eddie Vedder aber nun mal noch lebt, recht glücklich ist und schon seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr darüber jammert, wie grausam es ist, Rockstar zu sein. 3. Immer im Hinterkopf behalten, dass die Gründe, warum Nirvana "gehen" und Pearl Jam "gar nicht gehen", auch deshalb immer diffuser werden, weil man sich das Nirvana-Gesamtwerk sehr schnell aneignen kann, während von Pearl Jam vermutet wird, dass sie seit "No Code" (Richtwert) doch sicher "immer noch dasselbe machen" und man sich aus diesem Grund auch keine Pearl-Jam-CD mehr anzuhören braucht. 4. Pearl Jam sind die wahrscheinlich zweitbeste Live-Band der Welt. Das Einzige, was ihnen fehlt, ist Clarence Clemons. 5. "Backspacer" ist ein hervorragendes Album, vielleicht das beste seit "Yield" und voll mit aus den Sternen gefischten Songs wie "Unthought Known", "Amongst The Waves" und "Speed Of Sound". 6. "I change by not changing at all." Stimmt immer noch. Jan Wigger

Was, nur fünf!? Keine Sorge, liebe Leser, das war noch längst nicht alles: Teil zwei der wichtigsten CDs des Jahres folgt am nächsten Dienstag!

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