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16.12.2009
 

Opern-Experiment

Wenn die Weihnachtsfeier schief geht

Von Nora Reinhardt

Brad Pitts Lieblingsarchitekten, drei junge Opernrevoluzzer und ein innovatives Konzept: In der Hauptstadt inszenieren Novoflot den Bach-Evergreen "Weihnachtsoratorium". Nicht nur die ersten drei, sondern alle sechs Kantaten. Und das Publikum muss nicht einmal still sitzen.

Vorschusslorbeeren können pieksen. Das weiß Barack Obama, das wissen Novoflot. Novoflot ist eine junge freie Berliner Opernkompanie, die 2002 gegründet wurde, um die zeitgenössische Oper zu revolutionieren - und die für ihre neueste Produktion zurzeit jede Menge Vorschusslorbeeren einheimst. Regisseur Sven Holm bekommt davon nur wenig mit, denn er ist kurz vor der Uraufführung beinahe rund um die Uhr beschäftigt, konzentriert sich ganz auf die Arbeit. "Ich habe nicht einmal die Zeit, um die Zeitung zu lesen", scherzt er.

Mittwochabend feiert "Das Weihnachtsoratorium" von Novoflot Premiere - und wer jetzt denkt: Moment einmal, das Weihnachtsoratorium von Bach ist doch gar keine Oper, der hat Recht. Und doch auch wieder nicht. Denn die drei Männer von Novoflot setzen das Konzert in Szene: Sänger und Sängerinnen spielen, während sie singen. Das Projekt ist mit 140 Beteiligten nicht nur das größte und aufwändigste in der Geschichte von Novoflot, es sieht auch alles danach aus, als könne es ein Publikumserfolg werden.

Evergreen im Szenebau

Das Bühnenbild stammt vom gefeierten Architekturbüro Graft, den Lieblingsarchitekten von Brad Pitt, mit dem sie Ökohäuser für New Orleans entworfen haben. Musikalisch setzt man auf einen Evergreen, der Jahr für Jahr im Advent die Massen in die Dorfkirchen und Konzertsäle lockt. Und aufgeführt wird die Adventsproduktion im Radialsystem V, jenem szenigen Bau aus Backstein und Glas an der Spree, der Alt und Neu auch kulturell verbindet.

"Bleibt alles anders" könnte das Motto der Opernrevoluzzer sein. Denn "der Weihnachtskuchen", so Holm, werde bei Novoflot "mit neuen Zutaten gebacken". So werden nicht wie üblich nur die ersten drei Kantaten aufgeführt, mit den barocken Smashhits "Jauchzet, frohlocket" und "Bereite dich, Zion", sondern auch die weniger oft gespielten Kantaten vier bis sechs. Diese konterkariert man mit Jazz-Improvisationen der Gruppe "Bauer 4". "Wir wollen auf musikalischer Linie einen Konflikt einbauen", sagt Holm. Es gehe aber nicht darum, Bach zu verbessern. Der Musik Bachs werden Improvisationen von "Bauer 4" gegenüber gestellt; die Krippengeschichte hat man ganz gestrichen, dafür nimmt man "Gehet nun hin nach Bethlehem" wörtlich.

Die Weihnachtsfeier geht gehörig schief

"Gehet nun hin und erkundet das Radialsystem" heißt es bei Novoflot. Der Zuschauer wandelt umher, erfährt die unbekannteren Kantaten vier bis sechs des Weihnachtsoratoriums wie ein Stationendrama, läuft vom Erdgeschoss zu den Terrassen und in den Saal. Der Grund: Die pure Beschallung durch die eingängige Musik möchte man verhindern. "Das Weihnachtsoratorium wird bei jeder Bescherung gedudelt, es wird von jedem Unichor gesungen und im Kaufhaus schallt es auch aus den Lautsprechern. Aber kaum einer weiß, worum es darin eigentlich geht", sagt Holm. Novoflot wolle "Tabula Rasa" machen und das Weihnachtsoratorium neu entdecken. Deswegen werde dem Jauchzen und Frohlocken von damals die Trauer und Not von heute gegenübergestellt. Und dem Jammern von heute die Wiedergeburt der utopistischen Erlösung von damals. So sterben Kinder, die Geschenkkartons sind leer und die Weihnachtsfeier geht gehörig schief.

Außerdem haben Novoflot sich entschieden, die Reihenfolge umzudrehen. Die Kantaten vier bis sechs hört und sieht der Zuschauer in verschiedenen Räumen des Hauses in verschiedenen Gruppen, die Kantaten eins bis drei darf man dann in einem Raum genießen. Immerhin: "Es dauert bei uns zwei Stunden, bis der Besucher 'Jauchzet, frohlocket' zu Ohren bekommt", sagt Holm.

Gern würde er das Weihnachtsoratorium auch im nächsten Jahr noch einmal aufführen. Dazu müsste den Vorschusslorbeeren aber das Kritikerlob folgen, nach der Premiere. Und die Sponsoren müssten auch im kommenden Jahr noch jauchzen und frohlocken.


Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, Produktion: Novoflot, Premiere 16. Dezember um 19 Uhr, bis 27. Dezember fast täglich, Radialsystem V, Kartentelefon 030/288 788 588

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