Von Kai Luehrs-Kaiser
Die Bedeutung von Julie Andrews für die Klassik wird immer unterschätzt. Der "Mary Poppins"-Star war nicht nur das einzige, echte Vorbild von Anne-Sofie von Otter - also der bedeutendsten Mezzosopranistin der Gegenwart. Nein, aufs Film-Musical und auf Julie Andrews schwört auch Joyce DiDonato, das neueste Candygirl der Klassik. Sie wollte ursprünglich "Sound of Music" singen und Eliza Doolittle in "My fair Lady". Man merkt es an ihrer neuen Rossini-CD. Darauf gelingt DiDonato ein Wunder leichter und vokaler Genüsse. So kulinarisch kunstgerecht kann diese Musik klingen, wenn man sie interpretieren kann wie Joyce DiDonato.
Was diese Sängerin nicht kann, ist tanzen. Deshalb wurde aus einer Musical-Karriere nichts. Doch das Mädchen aus Kansas hat sich die Unkompliziertheit eines Showgirls bewahrt. Zum Interview empfängt sie unmittelbar vor der Vorstellung in Paris, in ihrer Garderobe im Palais Garnier, während die Ankleiderin nervös die Kleider bringt. Erst macht sie schnell eine kleine Führung hinter der Bühne des berühmten Hauses. Für den unterirdischen See, bekannt aus "Phantom der Oper", der wirklich existiert, bleibt allerdings keine Zeit. Fürs Essen schon.
In Deutschland vorerst nicht!
"Wenn ich mit Pasta anfange, kann ich nicht wieder aufhören", sagt sie und bestellt leichtes Sushi. So unkompliziert, wie sie sich gibt, müsste sie eigentlich auch noch Zeit finden für Auftritte in Deutschland. Doch Joyce DiDonato plant sehr genau, was sie singt und was sie zunächst lieber bleiben lässt. In den vergangenen zwei Jahren lernte sie zehn neue Rollen - darunter den "Rosenkavalier" und etliches von Mozart. "Das muss weniger werden!" Vorerst muss man in Deutschland daher mit Joyce DiDonatos wunderbarer Rossini-CD vorlieb nehmen: dem besten amerikanischen Geschenk der Musikgeschichte seit der legendären Marilyn Horne.
Weich und geschmeidig, ohne jeden Anflug von Herbheit klingen die Koloraturen. Niemals sich selbst überfordernd. Der schöne, locker gewordene Mezzosopran der gerade 40-Jährigen muss tatsächlich mit demjenigen von Isabella Colbran starke Ähnlichkeit aufweisen. Für sie komponierte Rossini sämtliche Arien, die sich auf dieser CD finden. Er heiratete seine Muse im Jahr 1822.
Guter Einstieg für Rossini-Anfänger
Meisterarien aus bekannten Opern wie "Semiramide", "Armida" und "Otello" wechseln mit unbekannten Hauptwerken ab (von "Maometto II" und "La donna del lago" bis zu "Elisabetta, regina d'Ingilterra"). Ein vorzüglicher Einstieg für Rossini-Anfänger. Und eine Studie über Format, Eigenart und Vielfalt besten Rossini-Gesangs. Königinnengröße, Allüren somnambuler Hysterikerinnen ebenso wie holde Treuegelübde naiver Ehehälften bilden ein breites Spektrum skurriler Frauenbilder von einst. Der Komponist hielt die Colbran auch Jahre, nachdem sie sich wieder getrennt hatten, noch immer für seine beste Sängerin. Dass er kein Übelnehmer war, hört man seiner Musik ohnehin an.
Da auch mit Chor und Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia echte Fachkräfte engagiert wurden, ist dies eines der rundesten Vokalalben der vergangenen Jahre überhaupt. Durch die stimmliche Ausgeglichenheit empfiehlt sich die Amerikanerin übrigens auch als echte Alternative zu Cecilia Bartoli, bei der Rossini vergleichsweise künstlich klingt. Wer über das angeblich schwindende Sängerniveau der Gegenwart klagt, hat diese CD nicht gehört.
TV-Termin: "Silvester-Gala" am 01.01.10 - 10.00 Uhr (ARD) / 03.01.10 - 9.50 Uhr (SWR)
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